Scrum und das Aber
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Du bist von Scrum überzeugt und versuchst, dein Umfeld dafür zu begeistern. Du willst deine Kollegen dazu bewegen, es mal für drei Sprints auszuprobieren – mit allem, was dazugehört: Backlog, Taskboard, Product Owner, ScrumMaster, DevTeam.
Deine Kollegen sagen nicht nein, aber vor Begeisterung sprühen sie auch nicht gerade. Und schon während der erste Sprint anläuft, merkst du: Verdammt. Wir bleiben im Sand stecken. Zu viele Kompromisse werden eingegangen, auf zu Vieles wird gleich von Anfang an verzichtet. Das Daily findet nicht täglich statt und dauert dann gleich eine halbe Stunde. Im Planning werden komplett neue Backlog Items vorgestellt. Das Team weiß nicht so recht, worauf es sich committen soll. Es ist selten zusammen zu sehen, weil jeder anderen Projekten nachlaufen muss. Und bei der Retro zur Scrum-Einführung heißt es dann: Scrum ist grundsätzlich gut, aber wohl nichts für unser Unternehmen. Wir brauchen einen weniger strengen Ansatz, der sich mit unserer Wirklichkeit besser verträgt.
So viel Respekt vor Scrum ist merkwürdig. Ich kann gar nicht oft genug betonen, dass Scrum nur ein Rahmenwerk zur Entwicklung von Produkten ist. Vieles, sehr vieles wird in Scrum offen gelassen – zur Enttäuschung all jener, die eine Schritt-für-Schritt-Anleitung erwarten.
Diese Offenheit hat einen großen Vorteil. Denn der Scrum Flow, so wie wir ihn kennen, ist hinreichend formal, um Vielfalt zuzulassen. Im Vergleich zu anderen Methoden wie beispielsweise dem RUP (Rational Unified Process) kommt Scrum mit einer handvoll Regeln und Rollen aus. Und selbst die Meetings, die gerne als Zeitfresser dargestellt werden, nehmen zusammen gerade einmal 12% der Gesamtzeit eines Sprints ein (zumal Scrum dafür sorgt, dass die restlichen 88% dann wirklich für die Produktentwicklung frei bleiben).

Scrum deckt auf – für manche zuviel

Nehmen wir zum Beispiel das Daily: Ich vergleiche es gerne mit einem gemeinsamen Frühstück am Familientisch. Man sitzt zusammen, um sich für den Tag vorzubereiten. Wer bringt die Kinder zur Schule, wer holt sie ab? Wer geht einkaufen? Was steht auf der Liste? Wann kommt der Babysitter? Wann ist Abfahrt für das Konzert am Abend? Am Ende eines solchen Dailies sollte jeder den Fahrplan für den Tag im Kopf haben und entsprechend koordiniert starten können.
Schreibt ein solches Daily der Familie vor, wie sie zu leben hat? Nein. Es schreibt inhaltlich rein gar nichts vor. Alles, was sich verändert hat, ist der Rahmen: Man verabredet eine feste Zeit und einen festen Treffpunkt. Man versieht das Treffen mit einem Zweck: dem der Synchronisation und Kooperation.
Vielleicht geht man sogar etwas weiter und bittet die Familie, das Frühstück im Stehen abzuhalten, damit alle mit Augen und Ohren dabei sind. Und – Achtung: Jetzt wird’s radikal! Man drückt jedem Familienmitglied einen Stapel gelber Post-Its in die Hand, verbunden mit der Bitte, die jeweiligen Aktivitäten schriftlich festzuhalten und für alle sichtbar an die Kühlschrankwand zu pinnen.
Is that too much to ask for? Für manche Familien sicherlich schon. Die empfinden ein solches Meeting als eine Zumutung und klagen, dass einmal täglich viel zu oft ist. Aber eine solche Überforderungssituation stellt nicht die Tauglichkeit von Scrum, sondern die Kommunikationsstruktur der Familie in Frage. Denn entweder ist die Familie schon so gut aufeinander abgestimmt, dass ein formales Treffen gar nicht mehr nötig ist. Das kann durchaus vorkommen – so wie es auch extrem gute Teams gibt, die sogar eine Retrospektive entbehren können, weil sie den Veränderungsprozess laufend gestalten und in die Alltagspraxis integriert gaben.
Oder aber – und das ist der weitaus häufigere Fall – die Familie hat schlicht und einfach keine Lust mehr, zu kommunizieren. Und auch das mag eine legitime Entscheidung sein, die es zu respektieren gilt. Allerdings ist es dann blauäugig, das Rahmenwerk (Scrum) für das Scheitern verantwortlich zu machen und zu behaupten: Scrum passt hier einfach nicht zu uns. Ehrlicherweise müsste die Antwort lauten: Wir möchten uns nicht so oft ins Gesicht schauen müssen.

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