Wieso stehen Sie eigentlich auf der Lohnliste Ihrer Firma?
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Der Abschluss des Projekts steht kurz bevor. Der Projektleiter übt Druck aus: Schon mindestens drei Mal wurde das Projekt nach hinten verschoben. Wir haben nur noch 4 Tage bis zum Entwicklungsstopp. Die Entwickler sind genervt, der Kunde ist genervt, es herrscht schlechte Stimmung. Wenn wir ehrlich sind, werden wir es diesmal auch nicht schaffen. Nichtsdestotrotz versuchen wir, unser Versprechen so gut wie es nun mal geht zu halten. Wir haben nur zwei Entwickler im Team, die die Software in- und auswendig kennen. Andere Kollegen innerhalb des Projektes haben entweder gekündigt, wurden befördert oder auf andere Projekte versetzt. Die Hinterbliebenen sind entweder neu im Unternehmen und somit unerfahren in der Software, Juniors, die eingearbeitet werden müssen oder Kollegen, die in einer anderen Niederlassung sitzen und von dort aus zuarbeiten. Unterm Strich haben wir also genau zwei Leute, die wissen, wie der Hase läuft und der Rest hilft mit, wo er nur kann. In dieser Hektik treffen zwei Urlaubsmeldungen und eine Krankmeldung ein. Mein erster Gedanke: “Ok, jetzt können wir die Produktivsetzung zum vereinbarten Termin vergessen.” Die Ereignisse überschlagen sich, dann auf einmal eine knallharte Meldung aus den höheren Etagen: Urlaubssperre!
Große Empörung unter den Kollegen! Man versteht die Welt nicht mehr. Was denkt sich das Management nur dabei, solche Methoden einzusetzen? Man schüttelt den Kopf und hat absolut keinen Bock mehr zu arbeiten. Nicht für die!
Rückblende: Ein ganz normaler Montag, ein Jahr zuvor. Die ersten Kollegen treffen so gegen 9 im Büro ein, einige sogar erst zwischen 10 und 11 Uhr. Der erste Druck, der am “frühen” Morgen ausgeübt wird, ist der auf den Knopf der Kaffeemaschine. Dann schlendert man gemächlich ins Büro und unterhält sich ausgiebig mit den Kollegen. Kann ja sein, dass man seit gestern Nachmittag was verpasst hat. Die Welt hat sich weitergedreht, deshalb sollte man unbedingt einen Blick auf bild.de werfen. Nachdem klargestellt wurde, dass alles noch im Lot ist, kommen wir auf die tatsächliche Arbeit zurück. Aber hey, kein Stress! Das Projekt läuft ja noch ne halbe Ewigkeit …
Back to reality … wir sind wieder im Hier und Jetzt und haben große Probleme. Beziehungsweise, ich korrigiere: das Management hat große Probleme. Es wird nämlich klar, dass der zahlende Kunde sehr unzufrieden ist. Genauer gesagt ist er außer sich. Versprechungen wurden nicht eingehalten, viel Geld wurde in den Sand gesetzt und trotzdem muss man sich jetzt mit den Mindestanforderungen zufrieden geben. Mehr ist nicht drin. Die paar Kollegen, die nicht auf Urlaub gehen dürfen, sind sauer. Richtig sauer! Um 16:30 Uhr lassen sie alles stehen und liegen und machen Feierabend. Von Verantwortung gegenüber dem Kunden und dem gesamten Projekt keine Spur.
Fredmund Malik, führender Management-Experte Europas, behauptet in seinem Buch “Führen, Leisten, Leben”, dass in der heutigen Zeit Lusterfüllung und Wehleidigkeit an die Stelle von Pflichterfüllung und Pflichtbewusstsein getreten sind. Wir fordern, dass Arbeit Spaß machen muss und idealerweise noch gut bezahlt ist! Ich stelle mir einen Chirurgen bei einer Operation vor: Mittendrin hört er einfach auf. Er hat genug operiert, jetzt will er Urlaub machen. Wahrscheinlich wären wir empört – erst recht der Patient (wenn er es denn überlebt). Egal, ob der Chirurg gerade Bock hat oder nicht: Fertig ist er erst dann, wenn der Patient behandelt und ordentlich zugemacht wurde. Den Jungs von der Müllentsorgung wird die tägliche Arbeit auch nicht immer Spaß machen, sie muss allerdings getan werden, da ansonsten die Konsequenzen für uns alle unangenehm wären. Sozialarbeiter, Flüchtlingshelfer, Lehrer und Krankenschwestern: Sie alle haben Berufe, die bestimmt nicht lustvoll und spaßig sind – aber notwendig!
“Pflichterfüllung” gehört immer seltener zum Wortschatz unserer Führungskräfte. Man möchte die Mitarbeiter binden, ihnen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung aufzeigen. Der Job soll ja Spaß machen! Spaß bezahlt allerdings nicht die offenen Rechnungen. Die Kunden zahlen nicht für Spaß an der Arbeit. Der zahlende Kunde möchte das, was ihm versprochen wurde, zum vereinbarten Zeitpunkt. Lahme Ausreden sind fehl am Platz. Deshalb ist es für unsere Gesellschaft und Wirtschaft wichtig, dass Führungskräfte den Mut haben, Pflichterfüllung zu fordern, auch wenn es nicht populär ist!
Wenn es also das nächste Mal stressig und anstrengend wird, und die Arbeit so richtig keinen Spaß macht und ihre Mitarbeiter klagen, dann fragen Sie doch mal ganz provokant: “Wieso stehen Sie eigentlich auf der Lohnliste dieser Firma?”

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