Die Work-Life-Balance ist tot – es lebe die Vielfalt!

Wie sieht das gute Leben aus? Eric Schmidt hat Recht, wenn er sagt, dass die Debatte um die richtige Work-Life-Balance auf einem mechanistischen Menschenbild beruht, das einfach nicht passt (siehe “Google Execs Have Ideas on How to Run Your Business”). Wer „Leben“ und „Arbeit“ in zwei verschiedene Waagschalen legt, der setzt zwei verschiedene Entitäten (wie Äpfel und Birnen) voraus, die irgendwie miteinander in Einklang zu bringen sind.

Die höchste Tugend des Menschen ist das glückliche Leben

Diese Grundannahme ist schon deshalb suspekt, weil es in den verschiedenen Sphären des Lebens (Arbeit, Familie, Freundschaft, Gesellschaft, Glaubensgemeinschaft usw.) einen gemeinsamen Nenner gibt, nämlich menschliches Handeln. Warum dann nicht ganz allgemein fragen, welches Handeln wir anstreben möchten – und zwar nicht als Angestellte, Eltern oder Freunde, sondern als Menschen?
Hier hilft uns Aristoteles mit dem Begriff der Areté weiter, der landläufig mit „Tugend“ übersetzt wird, aber eigentlich so etwas wie die Bestform beschreibt. Die Areté beschreibt das, wozu etwas oder jemand geschaffen ist. Die Areté des Auges liegt im guten Sehen, die Areté des Messers im guten Schneiden, und die Areté des Menschen liegt in einem guten, glücklicken Leben, das von Wissen und Handeln geprägt ist.
Ein Blick in die Nachrichten reicht, um ein Bild für die vielen Dinge zu bekommen, für die Menschen nicht geschaffen sind. Wir nennen solche Tätigkeiten demütigend oder erniedrigend, weil sie die davon betroffenen Menschen entstellen. In unserem Alltag erleben wir immer wieder Menschen, die ihrem eigenen Handeln mit Resignation, Verachtung oder gar Ekel gegenüberstehen. Auf der anderen Seite des Spektrums kennen wir alle die Situationen, in denen sofort klar wird, was den Menschen auszeichnet. Ich denke da an Visionäre und Pioniere ebenso wie die Helden des Alltags, die “Dinge” wie Liebe und Freundschaft, Solidarität und Gerechtigkeit, Kollegialität und Kooperation am Leben erhalten.

Bildquelle: Doug Menuez - Fearless Genius. The Digital Revolution in Silicon Valley 1985-2000.

Bildquelle: Doug Menuez – Fearless Genius. The Digital Revolution in Silicon Valley 1985-2000.

Was ist das Beste, das wir unseren Mitarbeitern geben können?

Es kann sich also lohnen, das gute Leben nicht als Balanceakt zwischen Beruf und Familie zu sehen, sondern als eine ethische Herausforderung. Es geht darum, aus den unendlichen Angeboten zur Lebensführung zu schöpfen, um das gute Leben zu realisieren. Die um Attraktivität bemühten Arbeitgeber sind daher schlecht bedient, wenn sie versuchen, es allen Recht zu machen. Vielmehr sollten sie für sich herausfinden, was das Beste ist, das sie ihren Mitarbeitern geben können – und das in den Mittelpunkt von allem stellen.

Anders gesagt: Jeder Job, den wir ergreifen, jede Tätigkeit, für die wir uns entscheiden, fordert andere Aspekte menschlichen Handelns heraus.
Ich habe Menschen kennengelernt, die den ganzen Tag nur auf das Ende der Arbeit warten, um am Abend ein Motorrad im Keller zusammenzubauen, mit den Kindern zu spielen oder am nächsten großen Open-Source-Projekt mitzuwirken. Bei Pixar und Apple sind Menschen so von ihrer Arbeit eingenommen, dass sich die Privatsphäre inklusive Kind und Hund für Wochen zum Arbeitsplatz verlagert.
Wir Arbeitnehmer müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es vorgefertigte Lebensentwürfe gibt, die uns schon irgendwie ein gutes Leben bescheren werden. Wir sind keine Sims, deren Zufriedenheit mit den richtigen Handlungsmustern steigt. Wir müssen selbst herausfinden, was wir in unserer aktuellen Lebenssituation wirklich wollen – und uns dann den Raum dafür nehmen, um es voll und ganz zu tun.
[quote author = “Carol Bartz”] “I have a belief that life isn’t about balance, because balance is perfection … Rather, it’s about catching the ball before it hits the floor.”[/quote]