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Mittlerweile sind in Unternehmen die 5 Phasen der Veränderung (bzw. der Trauer) nach Kübler-Ross allseits bekannt. Scheinbar bildet das Modell etwas ab, das Menschen mal mehr, mal weniger wiedererkennen und das ihnen in Veränderungsprozessen Orientierung bietet. Nach nunmehr einiger Zeit in der Rolle als ScrumMaster stelle ich folgende These auf:

Das Hineintragen des agilen Prinzips der Freiwilligkeit in ein klassisch arbeitendes Team verläuft (in den meisten Fällen) ebenfalls nach einem bestimmten Muster.

Ich nenne dieses Muster „Free Willy Ride in Agile Organizations“ nach Vera Ferreira Mafra. Zum einen amüsiert mich das Wortspiel im Englischen und zum anderen erscheint mir die Geschichte des berühmten Film-Wals „Free Willy“ eine gute Analogie zu sein. Ein Wal in Gefangenschaft (Kultur des Command & Control) schafft durch die Freundschaft mit einem Jungen (Agilität & ScrumMaster) den Sprung in die Freiheit (Leben der Freiwilligkeit & neue Haltung zur Arbeit). Die dramatische Komponente des Films, dass der Tierparkbesitzer Free Willy töten möchte, um die Versicherungsprämie zu kassieren, klammere ich für meine Zwecke aus.

Was ist der Free Willy Ride?

Der Free Willy Ride besteht aus acht Stationen: Kennenlernen – Sacken lassen – konfrontiert werden – Widerstand leisten – Verstehen – Transfer starten – Einspruch erheben – selbstverständlich anwenden

Veränderung

1. Kennenlernen
Zu Beginn hat der ScrumMaster einen großen Beitrag als Trainer zu leisten, um die agilen Prinzipien und Werte in einem Team bekannt zu machen. Durch Schulungen, Formate wie Brown Bag Sessions oder Scrum Shots, Literatur und und und erfahren die Teammitglieder, dass Freiwilligkeit ein agiles Prinzip ist. Die Augen werden groß, die Ohren spitz: Freiwilligkeit – das klingt gut!

2. Sacken lassen
Was eingangs zu großen Augen geführt hat, entpuppt sich bald als diffuse Worthülse. Als ScrumMaster lege ich meinen Fokus gerade auf Fokus und Commitment. Das Ziel ist, die Teams in einen Liefermodus zu bringen und Vertrauen zu mir aufzubauen. Wo macht sich denn nun die Freiwilligkeit bemerkbar?

3. Konfrontiert werden
Nachdem mich das Team als ScrumMaster nun schon ein wenig kennt und mit den Basics bereits erste Erfolge gefeiert hat, zaubere ich das Prinzip der Freiwilligkeit aus dem Hut. Ich nutze jede sich mir bietende Meetingsituation, um verschiedene agile Prinzipien gebetsmühlenartig zu platzieren:

  • Wir sind im Sprint Planning 1 und definieren das ‚Was’ als Team.
  • Wieso stehen da schon Namen an den Tasks?
  • Ist das das Pull-Prinzip?
  • Gesetz der zwei Füße

Wenn ich merke, dass ein Meeting unzureichend vorbereitet ist und in vielschichtige Diskussionen ausartet, stehe ich auf, berufe mich ebenfalls auf das Prinzip der zwei Füße und verlasse ohne weitere Erklärung den Meetingraum. Ein völlig perplexes Team bleibt zurück. Ich ziehe es durch und das Team erlebt Freiwilligkeit. In den Teammitgliedern bewegt es etwas, gut so.

4. Widerstand leisten
Freiwilligkeit als Gesprächsthema steht jetzt im Raum. Egal wie sich die Teammitglieder drehen und wenden, ich piekse mit der Freiwilligkeit. Und jetzt passiert etwas Spannendes: Die Teammitglieder instrumentalisieren das Prinzip der Freiwilligkeit. Es fallen Sätze wie:

  • „Ist doch alles freiwillig hier!“
  • „Das habe ich mir aber nicht gepullt!“
  • „Dann kann ich ja meine Arbeit verweigern!“

Die Teams führen das Thema ad absurdum, aus den Mündern tönen Ironie und Skepsis – aber: Sie sprechen darüber und nutzen die Begrifflichkeiten. Klammheimlich vollführe ich Freudentänze: Endlich habe ich eine Basis, auf der ich in die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Team gehen kann.

5. Verstehen
„Lasst uns doch mal eine kleine Session starten, die wir einzig und allein dem Thema Freiwilligkeit widmen!“ Ich erkläre dem Team, in welchen Rahmen sich diese proklamierte Freiwilligkeit einbettet. Ich erzähle ihnen von ihrer Aufgabe als Dev-Team, die Qualität des Produkts sicherzustellen, und von Team-Commitment. Ich erkläre ihnen, dass die Freiwilligkeit ihre Wahlmöglichkeiten erweitert: Sie dürfen auf einmal „Nein“ sagen und sie dürfen auf einmal sagen, bei welchen Aufgaben sie sich selbst sehen.

6. Transfer starten
Freiwilligkeit ist nach der Session kein Schwarz-Weiß-Thema mehr. An manchen Teammitgliedern ist das Thema ohnehin vorbeigegangen, weil es ihnen nicht wichtig erscheint, andere verweilen weiterhin im Widerstand. Das ist völlig okay, ich konzentriere mich auf diejenigen, die neugierig fragen und sich in ihrem Alltag damit auseinandersetzen. „Also ich sehe gerade ehrlich gesagt keinen Mehrwert für mich in diesem Meeting und einen Beitrag leisten kann ich auch nicht … Gesetz der zwei Füße, oder?“ „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt zu pullen, oder?“ Sie sprechen ihre Gedanken aus und hängen gefühlt an jeden Satz ein fragendes „oder?“, oder sie machen Aussagen und gehen am Satzende etwas mit ihrer Stimme hoch – meine detektivischen Sensoren springen an: Eine Frage als Aussage getarnt. Aha! Sie erfragen mein Feedback und tarieren aus, ob sie richtig liegen oder ob noch etwas fehlt.

7. Einspruch erheben
Meist haben die Teammitglieder nun für sich selbst in den verschiedensten Situationen hinterfragt, wann das Prinzip der Freiwilligkeit für sie greift und wie es mit anderen Prinzipien zusammenhängt. Im nächsten Schritt werden sie mutiger. Sie beobachten gezielt Situationen und nehmen für andere die Rolle des Richters ein: „Klaus, als PO ist es nicht deine Aufgabe, Tasks zuzuweisen! Das widerspricht dem Pull-Prinzip!“ Jackpot! Ich bin nicht mehr ein einsames querulantisches Fähnchen im Wind mit der Aufschrift Scrum. Stattdessen habe ich aus dem Team selbst heraus Fürsprecher gewinnen können! Dem Schneeballprinzip folgend, setzen sich zunehmend mehr Teammitglieder damit auseinander und es wird zum Usus im Team.

8. Selbstverständlich anwenden
Und dann springt Free Willy in die Freiheit und lässt los! Die Freiwilligkeit ist dem Team durch die bewusste Auseinandersetzung und durch die Reflexion in spezifischen Situationen in Fleisch und Blut übergegangen. Sie ist zum integralen Bestandteil der Arbeitsweise geworden.

Es hat mit einer Blogidee zum Thema Freiwilligkeit im agilen Arbeitsumfeld und einem Wortspiel begonnen. Ich wollte einen Namen für mein skizziertes Muster finden und das hat für mich persönlich den Wal schließlich zu einem Sinnbild für Freiwilligkeit in Teams werden lassen. Auf dem Weg zur gelebten Freiwilligkeit beobachte ich meine Teams und frage mich: „In welcher Phase schwimmt Free Willy gerade rum?“

Foto: CC0 Creative Commons – pixabay, Free-Photos

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