Selbstorganisation Newton's Cradle
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Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass Sie während Ihrer Ausbildung zur agilen Expertin, zum agilen Experten oder beim Durchwälzen der Fachliteratur auf den Ausspruch “Ask the team!” gestoßen sind. Was genau steckt dahinter?

Die Grundannahme hinter diesem Prinzip ist, dass die Teammitglieder alle Fähigkeiten besitzen, um selbst zu einer Lösung zu kommen. Oder man formuliert es noch stärker: Als crossfunktionales Expertenteam können nur sie zur besten Lösung für ihre fachspezifische Fragestellung kommen. Wenn sich die Teammitglieder ihres Wissens und ihrer eigenen Handlungsfähigkeit bewusst sind, steht der Selbstorganisation nichts mehr im Weg. Aber wie schafft man es, das Team in diese Richtung weiterzuentwickeln?

Ein Beispiel, das viele aus der Praxis kennen

Stellen Sie sich vor, Sie haben mit Ihren Teams als agile Begleiterin oder agiler Begleiter ein Arbeitsmodell erstellt, das iteratives Arbeiten inkl. Reflexionsschleifen ermöglicht. Wohlwollend stellen Sie Terminserien ein, moderieren die Meetings wie bspw. die Retro oder Dailys und beinahe automatisch verbringen Sie sehr viel Zeit mit einer Hand am Flipchart und frontal vor dem Team. Sie erklären vieles, schaffen Transparenz über Themen und Zusammenhänge etc.

Nun frieren Sie diese Szene ein, zoomen aus der Situation heraus und betrachten diese mit einiger Entfernung. Was können Sie aus der Metaperspektive beobachten?

Vielleicht erkennen Sie Folgendes:

  1. Ein Team, das eine Kultur des „Command & Control“ gewohnt ist und Selbstverantwortung nur aus dem Duden kennt.
  2. Eine ehemalige Teamleitung / Teilprojektleitung, welche die alte Rolle noch nicht ganz loslassen konnte und wie gewohnt Aufgaben zuweist und Ansagen macht.
  3. Einen Agile Coach, der die Selbstorganisation des Teams stärken möchte und das dem Team sogar offenlegt, der aber gleichzeitig stark steuert und die Entwicklung der Autonomie im Team unbewusst zurückhält – durch das frontale Stehen und seinen hohen Redeanteil. Alles in der guten Absicht, das Meeting bestmöglich zu gestalten und das Team zu unterstützen.
  4. Ein Team, das alles abnickt und Anweisungen einfach befolgt – den Blick stets brav auf die moderierende Person oder die ehemalige Teamleitung gerichtet.

Wege zur Selbstorganisation

Wie können Sie die Selbstorganisation in Ihrer Rolle als agile Begleiterin oder agiler Begleiter fördern? Oder anders formuliert: Wie können Sie dem Team eine gewichtige Stimme zuteilwerden lassen? Folgende Maßnahmen haben sich in der Praxis als hilfreich erwiesen:

  1. Stellen Sie sich nicht direkt an das Flipchart! Meetings sind die Bühne der Teams, in denen Sie eine Nebenrolle spielen: Sie achten auf die Akustik, die Beleuchtung, das Bühnenbild und vieles mehr, damit die Hauptdarsteller ungehindert auf der Bühne performen können. Mit einer Ausnahme: Sie machen die Einführung und den Abschluss eines Meetings. Experimentieren Sie ruhig ein wenig, welche Position im Raum sich für Sie und das Team gut anfühlt.
  2. Achten Sie darauf, dass Ihr Redeanteil hauptsächlich aus Fragen besteht. Fragen Sie interessiert nach. Fragen Sie, wen das Team noch involvieren könnte, ob es noch etwas zu ergänzen gibt. Und fragen Sie, ob das Team noch weitere Lösungsansätze kennt. Was passiert durch das Fragen? Es regt die Synapsen der Teammitglieder an, die Systemlandschaft, in der sie sich bewegen, gedanklich nach Handlungsmöglichkeiten abzufahren. Was vermeiden Sie dadurch? Die Teammitglieder bekommen keine Lösungen auf dem Servierteller präsentiert und sind aktive Gestalter statt nur Befehlsempfänger.
  3. Setzen Sie sich anfangs ein Ziel, wie viele Fragen Sie an einem Tag stellen wollen, um das Fragenstellen zu trainieren. Es mag Ihnen eingangs etwas roboterartig vorkommen. Bald werden Sie das als Selbstverständlichkeit betrachten.
  4. Und ein zusätzlicher Tipp: Widerstehen Sie dem Drang, einfach drauflos zu sprechen, wenn Sie das Gefühl haben, das Team stockt. Nehmen Sie sich ruhig gelegentlich Zeit, das Team einfach zu beobachten. Diese Beobachterrolle ermöglicht Ihnen, bewusster wahrzunehmen, was im Meeting geschieht. Achten Sie darauf, wer eine führende Rolle einnimmt, wer sich zurückhält und welche Dynamiken entstehen. Erkennen Sie immer wiederkehrende Muster? Wandert der Blick Hilfe suchend zu Ihnen? Spielen Sie den Ball zurück ans Team, auch wenn es manchmal zwei bis drei Anläufe braucht. Die Teams kommen selbst auf Lösungen.

Was Sie dadurch bewirken

Wenn Sie die Teams fleißig mit Fragen gefüttert und die Teammitglieder erlebt haben, dass dadurch wertvolle Informationen offengelegt werden, beginnen diese selbst, mehr Fragen zu stellen. Sie werden sehen, dass sie sich zu Beginn an Ihren häufig gestellten Fragen orientieren. Parallel dazu beginnen die Teammitglieder automatisch, mehr Informationen zu liefern, weil sie

  1. lernen, dass sie wertvoll sind und
  2. erkennen, dass eine Frage ohnehin gestellt wird, wenn sie diese nicht schon von sich aus im Vorhinein beantworten.

Fazit

Besonders zu Beginn, wenn die Rolle als ScrumMaster oder Agile Coach aufgenommen wird, ist es eine große Herausforderung, die Teams nicht zu stark durch die Meetings zu steuern und zu viel Präsenz in altbekannten Mustern zu zeigen. Erinnern Sie sich an die Weisheit, die man aus vielen Managementseminaren kennt: „Wer fragt, der führt.“ Oder übertragen auf den agilen Kontext: Ask the team!

Geschrieben von

Vera Ferreira Mafra Vera Ferreira Mafra Menschen wollen mitgestalten, wenn man ihnen dazu den passenden Rahmen bietet – davon ist Vera Ferreira Mafra überzeugt. Als versierte Team-Trainerin hat sie die Gabe, Kommunikationsstrukturen klar zu erkennen und mit den Beteiligten so zu verändern, dass sie den Weg für Potenziale freimachen. Sie kann sich schnell in Systeme hineindenken und –fühlen und scheut sich nicht davor, das auszusprechen, was manche nur denken. Ihr Fokus liegt immer auf dem, was bereits funktioniert, um die Menschen darin zu bestärken. Das Neue, das manchmal Angst macht, lebt Vera Ferreira Mafra vor, damit andere Methoden und Prozesse unbefangen ausprobieren können. Teams auf diese Weise an ihren Herausforderungen wachsen zu sehen, sagt sie, sei das, was sie an ihrer Arbeit am meisten liebe.

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