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Es sind viele Schritte notwendig, bis ein Team selbstorganisiert arbeiten kann. Wenn es dann endlich so weit ist, muss man Selbstorganisation zulassen und aushalten können.

Was meine ich damit? Ein Beispiel aus der Praxis: In einem meiner Teams hat ein Teammitglied eine Aufgabe „gezogen“. Das heißt: Diese Person übernimmt die Verantwortung dafür, dass die Aufgabe end-to-end erledigt wird. Am Anfang gestaltet sich das oft schwieriger, als man denkt – besonders dann, wenn nicht in vollem Umfang klar ist, was mit Selbstorganisation alles einhergeht.

Feedback führt aus der Komfortzone

Die nun verantwortliche Person fragte nach jedem einzelnen Schritt beim Product Owner nach, ob es denn „so richtig“ sei und was im nächsten Schritt zu tun sei. Das Nachfragen war dabei nicht auf fehlende Informationen oder Kompetenzen zurückzuführen, sondern diente der Absicherung. Frei nach dem Motto: „Ich frage lieber einmal mehr nach, bevor ich eine auf den Deckel bekomme.“ Zwar war noch nie ein Teammitglied auf diese Weise zurechtgewiesen worden, allerdings war diese Denkweise scheinbar tief verankert und äußerte sich in diesem Absicherungsverhalten.

Das restliche Team beobachtete das Verhalten des Kollegen eine Zeit lang, bis letztlich ein Teammitglied das Wort ergriff:

„Eine Aufgabe zu ziehen bedeutet, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Du hast dir die Aufgabe gezogen und die End-to-End-Verantwortung dafür übernommen. Also bitte ich dich: Löse die Aufgabe, triff die nötigen Entscheidungen, nimm die damit einhergehenden Risiken in Kauf und leite die nächsten Schritte ein, ohne dich jederzeit absichern zu wollen. Wenn irgendetwas am Ergebnis nicht passt, werden wir im Review Zeit haben, das zu besprechen.“

Wow. Der ganze Raum war still. Diese Stille auszuhalten ist schwer, aber wichtig, um zu lernen, dass Feedback nichts Schlimmes ist. Niemand musste der angesprochenen Person zur Seite springen, um sie zu verteidigen. Genauso wenig musste sich jemand um seinen Job Sorgen machen. Das war ein klares Feedback auf inhaltlicher Ebene, ohne die Person auf persönlicher Ebene anzugehen.

Ist es unangenehm zu hören, dass man nicht ständig nochmal nachfragen und sich absichern soll? Ja, ist es! Geht die Welt deswegen unter? Nein, geht sie nicht. Aber es passiert etwas: Man lernt, die Dinge anders zu machen und die Erwartung an die Selbstorganisation zu erfüllen. Außerdem macht es mehr Spaß, wenn man frei arbeiten kann und sich nicht immer absichern muss.

Konstruktives Feedback durch gewaltfreie Kommunikation

Um klares Feedback geben zu können, braucht es Vertrauen und Respekt in einer Gruppe. Zudem spielt es eine wichtige Rolle, wie man Feedback gibt. Marshall B. Rosenberg erklärt in seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation“, wie man die Dinge ansprechen kann, ohne den Gesprächspartner persönlich zu kränken.

Rosenberg unterteilt die Kommunikation in vier Schritte:

  1. Beobachten
  2. Gefühl
  3. Bedürfnis
  4. Bitte

Der Autor fasst die Schritte in folgendem Merksatz zusammen: „Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“ Dieses Formulierungsmuster kann dabei helfen, dem Gegenüber Feedback wertschätzend und konstruktiv zu vermitteln. Natürlich handelt es sich dabei eher um eine Orientierungshilfe, aber dieses Feingefühl für konstruktives Feedback scheint auch unser Teammitglied zu besitzen, das seinen Kollegen auf die Situation hingewiesen hat.

Was wir daraus gelernt haben

Ich habe am Abend mit dem gesamten Team reflektiert und die Situation noch einmal aufgegriffen, um die Lernerfahrung für alle transparent zu machen. Klares Feedback hilft, ein Teammitglied verantwortlich zu halten. Ebenso hat es deutlich gemacht, dass mit Selbstorganisation nicht nur die Freiheit entsteht, zu entscheiden, woran ich als nächstes arbeiten möchte, sondern auch die Verantwortung einhergeht, diese Aufgabe sorgfältig abzuarbeiten.

Selbstorganisation ist ein langer Weg und braucht immer wieder reflexive Phasen, um aus dem Geschehenen zu lernen. In meinem Beispiel hätte ohne die Reflexion leicht das Gefühl entstehen können, dass man für einen Fehler vor der ganzen Gruppe bloßgestellt würde. Das kann fatale Folgen haben, deshalb es ist wichtig, Feedback achtsam zu geben, um sicherzustellen, dass die Intention verstanden wird. Die Botschaft war in unserem Fall eine positive: „Wir lernen, was Selbstorganisation ist und was das für den Einzelnen bedeutet. Feedback im richtigen Ton und an der richtigen Stelle hilft, sich zu verbessern.“

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