Mit den Scrum-Werten durch die Woche – ein Selbstversuch

Als Berater bekommt man so einige Unternehmen zu sehen. Und eines haben diese fast alle gemeinsam: plakative Unternehmenswerte, Leitbilder und Richtlinien als Grundlage für ein erfolgreiches Miteinander – am liebsten auf bunten Postern gut sichtbar in jedem Büro angebracht.
Gerade der Generation Y wird immer wieder nachgesagt, dass sie sich ihren zukünftigen Arbeitgeber nicht anhand von Prestige oder Status aussuche, sondern vor allem auf die vom Arbeitgeber vermittelten Werte schaue.

Auch Scrum fußt auf fünf Werten, die neben den 12 Prinzipien das Fundament für die agile Zusammenarbeit in Teams bilden: Offenheit, Fokus, Mut, Respekt und Commitment. Diese fünf Werte scheinen leicht verständlich, doch was bedeuten sie im Alltag und wie können sie gelebt werden? Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir für jeden Tag der Arbeitswoche einen Wert ausgesucht und diesen bewusst gelebt. Natürlich kann man diese fünf Werte in der Praxis nicht isoliert voneinander betrachten, daher soll die Aufteilung auf verschiedene Wochentage hier eher der Veranschaulichung dienen.

Montag – Offenheit

Eine neue Woche startet bei uns im Projekt und ich als ScrumMaster habe ein neues Team übernommen. Neben der klassischen Übergabe bekomme ich von meinem Vorgänger auch ein paar inoffizielle Informationen mit auf den Weg, zum Beispiel, wer im Team gerne mal Diskussionen torpediert. Offenheit bedeutet im agilen Kontext unter anderem, sich auf neue Themen, Arbeitsweisen und neues Gedankengut einzulassen. An diesem Montag heißt Offenheit also für mich, meinem neuen Team ohne vorgeformte Meinung zu begegnen.

Als Menschen denken wir gerne in Schubladen, weil diese es uns erleichtern, Dinge und Situationen in das persönliche Erfahrungsnetz einzuordnen. Im Alltag kann das durchaus effizient sein. Wir können nicht jede Einzelheit in allen Facetten beleuchten, sondern müssen auf vorhandene Denkmuster zurückgreifen. Beim agilen Arbeiten ist es jedoch zum Teil wichtig, mit diesen Mustern bewusst zu brechen, um das tatsächliche Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu identifizieren. Ohne Offenheit würde ich dazu tendieren, die Teammitglieder in Schubladen zu stecken.

Hier nehme ich gerne eins der Modelle aus dem Schulz von Thun Institut für Kommunikation zur Hand, um Klarheit über (Kommunikations-) Strukturen innerhalb des Teams zu gewinnen und diesem mit Verständnis anstatt Schubladendenken entgegenzutreten. Auch bei mir selbst wende ich z. B. das Kommunikationsquadrat gerne an, insbesondere in stressigen Situationen. Es hilft mir, kurz innezuhalten und mich zu erinnern, auf „welchem Ohr“ ich gerade auf Empfang geschaltet habe.

Dienstag – Fokus

Diese Woche steht der Sprintwechsel an und damit zunächst zwei wichtige Meetings, um den vorherigen Sprint abzuschließen: das Review und die Retrospektive. Die Struktur von Scrum und die regelmäßigen Meetings unterstützen das Team nicht nur darin, einen gemeinsamen (Arbeits-)Rhythmus zu finden, sondern helfen auch dabei, das Augenmerk auf bestimmte Themen zu lenken. Da meine Hauptaufgabe als ScrumMaster darin besteht, das Team zu befähigen, so schnell wie möglich zu liefern, ist die Gestaltung der Meetings ein wichtiger Teil auf diesem Weg. Wenn ich als Moderator mein Team durch die Meetings (wie z. B. ein Sprint Planning) führe, heißt das für mich: genau hinschauen, das Ziel im Auge behalten und aufpassen, dass sich das Team nicht in kleinen Diskussionen verliert.

Mittwoch – Mut

Im agilen Kontext bedeutet Mut, sich den Veränderungen und Herausforderungen zu stellen, die das Arbeitsumfeld mit sich bringt, und dann auch die Konsequenzen unserer Entscheidungen zu tragen. Wie eingangs erwähnt, habe ich diese Woche ein neues Team übernommen. Mein Vorgänger hat das Team ein gutes Jahr lang geführt und das Team hat sich an seinen Stil gewöhnt. Nun liegt es an mir, Wege zu finden, mich mit dem Team einzuschwingen. Das bedeutet, in den Meetings verschiedene Formate auszuprobieren, um zu sehen, welches für das Team das aktuell ertragreichste ist. Dabei kann es auch durchaus passieren, dass das Team ein bestimmtes Format nicht annimmt – mit dem Mut, verschiedene Herangehensweisen auszuprobieren und damit auch Rückschläge in Kauf zu nehmen, kann ich lernen, was für mein Team am besten passt.

Donnerstag – Respekt

Am Donnerstag steht im Team eine Diskussion zur Weiterentwicklung unserer Ziele und der Aufgaben auf dem Weg dorthin auf der Agenda. Durch verschiedene Kommunikationsstile und Persönlichkeiten, die aufeinandertreffen, können hierbei hitzige Diskussionen entstehen. Da fällt es manchmal schwer, durchzuatmen und den jeweils unterschiedlichen Standpunkt des anderen zu akzeptieren. Was mir dabei hilft: mir und meinem Team immer wieder klarzumachen, dass unterschiedliche Standpunkte gewinnbringend zu neuen Einsichten führen können.

Freitag – Commitment

Das Wort Commitment hat verschiedene Übersetzungen im Deutschen, weshalb oft die englische Variante gewählt wird, um seiner Bedeutung gerecht zu werden: Selbstverpflichtung und freiwillige Bindung. Im Klartext bedeutet Commitment, einen Beitrag für das eigene Team und das Unternehmen leisten zu wollen und diesem Willen auch Taten folgen zu lassen.

Am Freitag habe ich mir im Rahmen eines Meetings eine Aufgabe gezogen, deren erfolgreiche Erfüllung nun in meiner Verantwortung liegt. Ich habe mich entsprechend meiner aktuellen Kapazitäten freiwillig für diese Aufgabe entschieden und bin damit auch eine Verpflichtung eingegangen, die ich nach bestem Gewissen einhalte. In meinem Team habe ich beobachten können, dass gelebtes Commitment dazu führt, dass Aufgaben gewissenhafter erledigt werden: Wenn sich die Teammitglieder freiwillig für eine Aufgabe entschieden haben (anstatt diese zugeteilt zu bekommen), waren ihre Motivation und das Verantwortungsgefühl für die qualitative und pünktliche Lieferung größer. Zusätzlich entsteht eine positive Gruppendynamik: Wenn transparent ist, wer welche Aufgaben hat, und diese Ergebnisse regelmäßig im Plenum gezeigt werden, möchte man selbst nicht ohne Aufgabe und Ergebnis dastehen.

Ist der Selbstversuch geglückt?

Eine Woche mit einem agilen Wert pro Tag liegt hinter mir. Und in dieser Woche ist es mir leichtgefallen, die Werte in meinem Alltag zu leben. Dennoch sind wir Menschen – es kann mitunter eine große Herausforderung sein, sich im Alltag jederzeit aller Werte bewusst zu sein und vor allem auch danach zu handeln. Indem ich mir als Teil eines agil arbeitenden Teams regelmäßig vor Augen führe, dass ich durch das Leben dieser Werte wesentlich erfolgreicher bin, erscheinen diese fünf großen Worte auf einmal viel nahbarer.

Als ScrumMaster oder Agile Coach arbeite ich nicht nur mit diesen Werten, sondern repräsentiere sie. Darum muss ich immer wieder prüfen, ob ich selbst das lebe, was ich in meinen Teams verankern möchte.

Geschrieben von

Paulina Heins Paulina Heins Der Kontakt mit vielen verschiedenen Kulturen führt unweigerlich dazu, dass man die eigenen Denk- und Handlungsweisen zu überdenken lernt. Mit Scrum hat Paulina Heins einen guten Weg gefunden, um diese Reflexionsstärke noch weiter zu professionalisieren und im täglichen Arbeitsleben sinnvoll einzusetzen. Von Natur aus neugierig sucht sie die Veränderung aktiv, weil Stillstand und Routine nur selten neues Potenzial zutage fördern. Paulina Heins hat einen sechsten Sinn dafür, Impediments zu erkennen und diese zu lösen. Dabei schafft sie es, neben den Bedürfnissen der Teammitglieder auch strategische Überlegungen im Blick zu behalten. Am liebsten arbeitet sie mit spielerischen Methoden, um komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen. Und vorzugsweise mit Teams, in denen man gemeinsam denkt, lernt sowie ungewöhnliche Ansätze ausprobiert.

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