scrum4schools
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In der Wirtschaft sind agile Methoden wie Scrum schon längst angekommen, doch lässt sich das auch auf das Schulsystem übertragen? Die Interessenorientierte Mittelschule Maria Lanzendorf in Niederösterreich hat sich mit unserer Initiative Scrum4Schools auf das Experiment eingelassen und im vergangenen Schuljahr den Geschichtsunterricht in einer 4. Klasse (entspricht der 8. Klasse in Deutschland) mit Scrum gestaltet. Innerhalb eines Sprints, welcher über einen Zeitraum von vier Wochen ging, haben drei Schülerteams Zeitzeugenbücher zum 2. Weltkrieg umgesetzt.

Genau wie beim klassischen Scrum erarbeiten Schülerteams in sogenannten Sprints selbständig eigene Inhalte zu einem vorgegebenen Thema. Das Lernziel – in diesem Fall die Erstellung des Zeitzeugenbüchleins – wird vom Lehrer vorgegeben, der als Lerncoach in die Rolle des Product Owners schlüpft und den Teams zusätzlich als inhaltlicher Experte zur Seite steht. Die Wahl für das Zeitzeugenbüchlein erklärt der Geschichtslehrer Samuel Plessing wie folgt: „Mir war wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler durch den Kontakt mit noch lebenden Zeitzeugen ein besseres Bewusstsein für die Geschehnisse dieser Zeit entwickeln konnten“. Die Lernteams bestanden aus ca. 5 Schülern, die sich selbständig zusammenfanden und auch die Zeitzeugen wurden selbständig aus dem Bekanntenkreis der Schüler rekrutiert.

Daneben gibt es angelehnt an die weiteren zentralen Scrum-Rollen, das Lernteam, welches selbständig Lerninhalte zu einem vorgebenden Thema erarbeitet, sowie den Strukturheld, der Teil des Lernteams ist und das Team zum erfolgreichen projektorientierten Arbeiten befähigt (ScrumMaster).

Innerhalb eines festen Zeitrahmens werden nach dem Prinzip Plan – Do – Check – Act vier Schritte regelmäßig wiederholt, bis das finale Lernziel erreicht ist. Das Lernziel besitzt dabei immer einen produktähnlichen Charakter; in diesem Fall ein Zeitzeugenbüchlein im Geschichtsunterricht. In jedem sogenannten Sprint wird zuerst das Ziel definiert („Fertig bedeutet für uns, wenn…“). Anschließend geht es im Do in die aktive Lern- und Arbeitsphase. Zu Beginn jeder Unterrichtsstunde treffen sich die Teams zum Daily, in dem aktuelle Fragen und Probleme geklärt werden. Am Ende des Sprints treffen sich alle Schülerteams zum Review. Dort stellen sie im Plenum ihre Zwischenergebnisse vor und erhalten von ihren Mitschülern und dem Lerncoach Feedback. Abschließend wird in der Retrospektive Feedback zur Zusammenarbeit im Lernteam eingeholt, welches ebenfalls in die nächsten Sprints mit einfließt.

Zur besseren Orientierung waren Teilziele mit vordefinierten Anforderungskriterien bereits vorgegeben. So lautete das erste Teilziel beispielsweise, über das Alltagsleben in den Jahren 1937 bis 1955 zu berichten. Als Anforderungskriterien sollten sich die Schüler intensiver mit der Kindheit und der Herkunft ihrer Zeitzeugen beschäftigen und erforschen, welche Veränderungen der Anschluss Österreichs mit sich brachte. Lieferte ein Team mehr als nötig, so wurde dies mit Bonuspunkten belohnt.

Zum Ende des Sprints wurde über die individuelle Note entschieden – aber nicht vom Lehrer allein, sondern in Abstimmung mit allen Teammitgliedern. Außerdem floss auch die eigene Selbsteinschätzung der Schüler in die Benotung mit ein. Dadurch wird ein hoher Grad an Transparenz im Bewertungsprozess geschaffen. Schüler lernen zudem, dass ein gutes Ergebnis nur geliefert werden kann, wenn jeder aus dem Team seinen Anteil zum Erfolg beiträgt.

Aufgrund der durchweg positiven Resonanz bei Schülern und Lehrer ging das Projekt Scrum4Schools an der IMS Maria Lanzendorf in die Verlängerung. Seit Herbst 2018 arbeitet eine 2. Klasse (entspricht der 6. Klasse in Deutschland) in den Fächern Englisch und Geschichte mit Scrum. Samuel Plessing erklärt dazu: „Ich denke, wenn man die jungen Menschen schon in der Schule mit Vorgehensweisen wie Scrum arbeiten lässt, sind sie ziemlich gut auf die moderne Arbeitswelt vorbereitet“. Auch das Learning aus dem Pilotprojekt wird in zukünftige Projekte einfließen. So werden Termine wie Feiertage, Klassenfahrten oder Wandertage nun viel stärker im Planning berücksichtigt, damit eine pünktliche Fertigstellung der Projekte gewährleistet ist.

Geschrieben von

Julia Wilhelm Julia Wilhelm Ihre soziale Kompetenz hat Julia Wilhelm gleich zu Beginn ihres Berufslebens in einem herausfordernden Umfeld trainiert: Als Flugbegleiterin hat sie gelernt, klare (Selbst-)Organisation und den respektvollen Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und Kulturen zu vereinen. Die Faszination für das erfolgreiche Zusammenwirken von Menschen in Systemen ist geblieben und hat sie schon während ihres Studiums der Wirtschaftspsychologie mit dem Thema Agilität von Organisationen in Berührung gebracht. Als Coach und Beraterin lebt Julia Wilhelm Selbstorganisation, Teamfähigkeit und den konstrultiven Umgang mit Fehlern selbst vor. Geduld mit der Geschwindigkeit anderer ist dabei ihre große Stärke sowie eine systemische Denk- und Handlungsweise, die Lösungen hervorbringt, die durch bloßes Hinterfragen verborgen bleiben würden.

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