Agile HR
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Vor ein paar Wochen saß ich mit einem unserer Kunden im Visions-Workshop. Er zeichnete ein großartiges Bild über seine Vision und verortete die verschiedenen Abteilungen der Firma, um einen Kontext herzustellen. In der rechten Ecke des Bildes zeichnete er einige Kreise, die nicht wirklich eine Rolle für seine Vision spielten – mit dem begleitenden Satz: „Und hier sind die ganzen Deko-Bereiche, wie HR und IT …“ Autsch. Und er ist nicht der Einzige, der diese Wortwahl nutzt.

Dekoration bedeutet „Ausschmückung, Verzierung, Verschönerung“. Also etwas, das für das reine Funktionieren nicht unbedingt notwendig ist. Ein hübsches Beiwerk. Trifft das auf HR in eurem Unternehmen zu?

Natürlich, je größer das Unternehmen, desto weniger sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in persönlichem Kontakt mit der HR-Abteilung. Doch der Kontakt ist da. Mal direkt, mal durch Dinge, die durch HR in Gang gesetzt oder gesteuert werden, wie beispielsweise Prozesse zur Weiterbildung, internes Recruiting, Jobprofile o. Ä.

Die Zuständigkeiten von HR liegen darin, sich um das Mitarbeiter-Wohl zu kümmern, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und ein Umfeld zu schaffen, das diese Menschen dazu animiert, Höchstleistung zu liefern und sie lange im Unternehmen zu halten. HR trägt Verantwortung für die Schaffung und Wahrung der Unternehmenskultur, die Einhaltung der Werte. HR soll Karrierepfade entwickeln und dem Mitarbeiter, der Mitarbeiterin beratend zur Seite stehen – bei der Weiterentwicklung, Problemen mit den Vorgesetzten sowie bei Themen wie Work-Life-Balance. Und das sind nur einige Punkte. Ganz schön viel, oder?

Aufgaben Agile HR

Aktiv werden!

Die Welt hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt und zwar so schnell, dass einem schon mal schwindlig werden kann, wenn man drüber nachdenkt. Und vielleicht liegt hier das Problem mancher HR-Abteilungen?

Wenn man zu lange über etwas nachdenkt, besteht die Gefahr, dass man gar nicht „in die Puschen“ kommt. Es kann so verführerisch sein, eine Medaille von allen Seiten zu betrachten und noch mal nachzuforschen, ob es nicht noch eine 4. oder 5. oder vielleicht sogar 20. Dimension einer Situation gibt, etwas, das es zu bedenken und zuerst noch zu entscheiden gilt und wozu man erst noch Stellung beziehen muss, eine Meinung einholen kann, bevor… Ja, damit kann man wunderbar die Zeit verstreichen lassen.

Und genau das wollen wir im Agilen nicht. Da geht es ums Liefern. Um den Nutzer im Mittelpunkt. Darum, für diese Menschen in kurzer Zeit Nutzenstiftendes zu leisten. Und das im Großen und für Ihre gesamte Organisation.

Die Erwartungen an HR-Beauftragte steigen stetig weiter. Es wird teilweise vorausgesetzt, dass sie immer Antworten haben. Alle. Sofort. Es wird davon ausgegangen, dass sie das entsprechende Training an der Hand haben und sofort buchen können. Sie sollen sofort die richtigen neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Hand haben und einstellen. Die Anforderungen sind vielleicht oberflächlich gesehen ähnlich wie seit jeher. Die Brisanz kommt durch das Tempo der Veränderungen, der notwendigen Flexibilität und die Vielfalt der benötigten Kompetenzen.

Woher sollen die HR-Verantwortlichen das alles selbst können, was derzeit gefordert wird? Und wie sollen sie einen Rahmen schaffen, in dem das alles möglich ist, wenn sie es selbst nicht können oder vielleicht sogar dürfen oder wollen?

Agil ist längst viel mehr als ein Trend, bei dem man noch nicht einschätzen könnte, ob er sich durchsetzt. Die Arbeits- und Denkweisen verändern sich rapide und es braucht andere Skills, um diesem Wandel und den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Die HR-Abteilung spielt eine wichtige Rolle, damit man diesen im Unternehmen begegnen kann. Es ist es höchste Zeit, dass auch HR aus dem Dornröschenschlaf aufwacht und sich aktiv am Geschehen beteiligt. Aber wie kann das gehen?

Agilität beginnt im eigenen Mindset

Mit einem Personalentwickler von einem meiner Kunden sprach ich mal darüber, wie wichtig es ist, dass die beteiligten Personen die agilen Werte verstehen, verinnerlichen und sich darüber austauschen, was sie für jeden Einzelnen bedeuten. Er nickte ganz fröhlich und sagte schnell: „Jaja, genau, die Werte, total wichtig. Das brauchen die auf jeden Fall.“ Als ich ihn fragte, was denn für ihn persönlich beispielsweise der Wert Offenheit bedeute, hielt er inne und musste erkennen, dass er darauf keine Antwort hatte. Wie soll er den Menschen diese Werte nahebringen, wenn er sie für sich selbst noch nicht kennt? Denn Offenheit und auch alle anderen Werte können für jeden Menschen etwas vollkommen anderes bedeuten.

You can´t take people to where you haven´t been

HR ist zurzeit ebenso getrieben wie alle anderen Abteilungen auch. Vielleicht sogar noch mehr, da die Menschen in den Fachabteilungen zu HR gehen und Hilfe erwarten. Umso wichtiger scheint es, dass HR zunächst selbst lernt, agil zu denken und zu handeln. Und das schnell. Wann nutzt man Design Thinking? Wann lieber Lean Startup? Wo ist der Unterschied zwischen Scrum und Kanban? Wie ist es, ScrumMaster zu sein und wieso kriege ich als PO die Vision nicht rübergebracht? Wenn die HR-Verantwortlichen nicht selbst die Methoden erlernt sowie verinnerlicht haben und nicht wissen, wie man die Rollen mit Leben füllt, wie sollen sie dann die aktuellen Fragen beantworten?

Bringt die agile Arbeitsweise in eure tägliche Arbeit. Stück für Stück. Bei der Entwicklung neuer Produkte, beim Aufbrechen mittlerweile hinderlicher Strukturen, bei allem was ihr tut. Bei einem meiner Vorträge zu dem Thema fragte ein HR-Mitarbeiter, was er konkret ab dem nächsten Tag anders machen könne. Ich verwies auf das „Gesetz der zwei Füße“. Dieses Gesetz besagt, dass ich – sollte ich in einer Situation entweder nichts mehr für mich lernen oder aber nichts für die Gruppe beitragen können – frei bin, die Situation zu verlassen.

Ich schlug vor, dieses Prinzip ab dem nächsten Tag auf jedes Meeting anzuwenden, welches an diesem Tag stattfinden sollte. Ein Raunen ging durch den Saal. Revolutionärer Gedanke? Anscheinend. Und dennoch: Probiert es aus und seid so nett, dem Einladenden im Nachgang zu erklären, wieso ihr gegangen seid, damit dieser seine Einladung beim nächsten Mal ggfs. anpassen kann.

Die HR-Abteilung tanzt derzeit auf vielen Hochzeiten: Unterstützung bei der Digitalisierung des Unternehmens, Digitalisierung der eigenen Produkte, dann noch dieses Agil … Ich wünsche euch viel Erfolg bei diesen Tänzen, die Flexibilität, um Zusammenstöße zu verhindern, ein gutes Gleichgewicht, um die nicht zu verhindernden Zusammenstöße aufzufangen, sowie Geduld und Milde für euch selbst beim Lernen der neuen notwendigen Schritte. Und bitte nicht vergessen, die Erfolge, die kommen werden, zu feiern.

Photo: rawpixel.com/Pexels

Geschrieben von

Anja Möschler Anja Möschler Wie man Menschen durch herausfordernde Situationen führt, weiß Anja Möschler aus mehreren Perspektiven: Als Teamleiterin im Recruiting hat sie Mitarbeiter fachlich und disziplinarisch geführt, sie war für das Change Management bei Umstrukturierungen verantwortlich und schließlich hat sie Mitarbeiter in der herausfordernden Phase des Outplacements begleitet. Mit Respekt vor den Erfahrungen, Wahrnehmungen und Emotionen anderer seien diese Aufgaben am besten zu bewältigen, ist Anja Möschler überzeugt. Zugute kommen ihr in Zeiten der Veränderung auch ihre natürlichen Führungsstärken wie Entscheidungskraft, Lösungsorientierung und die Fähigkeit, genau zuzuhören. Das macht sie vor allem für Führungskräfte, die ihren richtigen Platz im agilen Setting finden wollen, zu einer wertvollen Sparringpartnerin.

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