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Wenn Unternehmen den agilen Weg antreten, stehen in der Regel viele Fragen im Raum: Muss die gesamte Organisation umgestellt werden? Wie funktioniert die konkrete Umsetzung? Brauchen wir noch Führungskräfte und falls ja: Welche Rolle nehmen sie ein? Insbesondere für die Banking-Branche, die sich auf veränderte Kundenwünsche einstellen muss, ist die agile Transition aktueller denn je.

Aufgrund der großen Nachfrage und um Antworten zu geben, veranstalteten wir am 11. Juni gemeinsam mit den Freibankern das Event „Evolution oder Revolution: Wege zur adaptiven Bankorganisation“. Zwei Bankerinnen – Dr. Christiane Decker, ehemaliges Vorstandsmitglied der Teambank und Laura Garcia, Agile Coach bei der ING Deutschland – berichteten an diesem Dienstagabend im Wiener Presseclub Concordia aus unterschiedlichen Perspektiven von ihren Erfahrungen.

Nach einer kurzen Einführung durch Freibanker-Gründer Wolfgang Weinig und mich startete Dr. Christiane Decker mit ihrem Vortrag über die nunmehr 10-jährige adaptive Geschichte von easyCredit/TeamBank AG. Adaptiv deshalb, weil sich die Bank entschieden hat, den Fokus auf eine übergeordnete Flexibilität und nicht rein auf Agile zu beschränken.

Dr. Christiane Decker, ehemaliges Vorstandsmitglied von easyCredit/TeamBank erläuterte die zahlreichen Einzelmaßnahmen, die die Teambank beim Umbau von einem B2C- zu einem Ein-Produkt-Anbieter erfolgreich unterstützten. Copyright: freibanker

Mit dieser Strategie gelang dem Unternehmen ein erfolgreicher Wandel: Im Rahmen des Veränderungsprozesses von einem B2C- zu einem Ein-Produkt-Anbieter erschuf das Unternehmen eine von Selbstorganisation und Authentizität geprägte Kultur. Dreh- und Angelpunkt der Unternehmensphilosophie sind dabei zum einen Werte und Prinzipien, die ihre Wurzeln in der Agilität haben. Zum anderen sind im bildlich veranschaulichten „easyTown“ die Vision und die Strategien dahinter für jeden Mitarbeitenden klar einsehbar. Die Visualisierungen hängen im Nürnberger Haupthaus transparent aus.

Schlüsselfaktor des Wandels: Mitarbeiter zu Fans machen

Im Veränderungsprozess spielte das Personalmanagement eine große Rolle. Das Ziel dahinter: Mitarbeitende zu Fans machen. Das gelingt, wenn Führungskräfte nahbar sind (Du-Kultur und offene Raumkultur bis ins Top-Management) und Werte authentisch und damit glaubwürdig gelebt werden. Auch das Konzept der Learning Journey trägt sicher dazu bei, dass das Unternehmen mehrfach als Top-Arbeitgeber ausgezeichnet wurde: Im Sinne von Self-Directed Learning dürfen Mitarbeitende auf Reisen gehen und sich aussuchen, von welchen Unternehmen – egal wo auf der Welt – sie lernen möchten. Die thematischen Schwerpunkte werden ebenfalls selbst gesetzt. Das fördert Motivation, Eigenverantwortung und Selbstorganisation.

Konträr dazu erzählte Agile Coach Laura Garcia, wie ING Deutschland innerhalb von nur zwei Jahren konsequent umorganisiert wurde. Vom Vorstand initiiert, läutete CEO Nick Jue den Wandel im Herbst 2017 mit dem Zitat “Wir wollen die erste agile Bank in Deutschland werden” ein. Nicht einmal zwei Jahre später ist das passiert: Die Hierarchieebenen wurden von fünf auf drei reduziert, jeder Mitarbeitende arbeitet selbstorganisiert, 800 von 4000 Mitarbeitenden sind mit neuen Rollen aktiv an der agilen Organisation beteiligt und die IT wird bei allen Prozessen nicht nur stark einbezogen, sondern ist fester Bestandteil der Produktentwicklung. Zudem entwickelte ING ein konkretes Arbeitsmodell, das stark auf die Zukunft ausgerichtet ist: „One Way of Working“ beinhaltet u.a. agile Methoden in den Teams und ein transparentes und stark fokussiertes Portfolio-Management.

“The truth is that we (banks) are the elephant on the market. We have a legacy to defend, while Fintechs are born agile!” brachte Laura Garcia, Agile Coach bei ING Deutschland auf den Punkt. Copyright: freibanker

Um bei diesem Kulturwandel, der hier in einem hohen Tempo vonstatten ging, alle Mitarbeitenden gut abzuholen, setzte das Unternehmen auf eine transparente und kontinuierliche Unternehmenskommunikation inklusive CEO-Kommunikation, und auf einen guten Mix aus Workshops und Events, die erklärend und spielerisch an die Veränderungen heranführten. Die Veranstaltung schloss mit einer Fragerunde ab, in der die Referenten die drängendsten Fragen der Teilnehmer beantworteten. Im Fokus stand das Alignment und wie man es bei selbstorganisierten Teams herstellen kann. Zudem interessierte die Gäste das Thema Macht- und Statusverlust auf Führungsebene besonders.

Mein Fazit: Es war ein gelungener und sehr informativer Abend, der anhand zweier Top-Unternehmen aufzeigte, wie unterschiedlich die Herangehensweisen im Veränderungsprozess sein können – und wie viele Wege letztendlich zum Erfolg führen.

 

Hier findet ihr die Präsentationen zur Veranstaltung

Christiane Decker – Wege zur adaptiven Bankorganisation

Laura Garcia – ING

Nachlese zur Veranstaltung

Geschrieben von

Christoph Schmiedinger Christoph Schmiedinger

Komplexe Themen und herausfordernde Technologien? Darin fühlt sich Christoph Schmiedinger besonders wohl. So entwickelt er u.a. Digitalisierungsstrategien für Großbanken in Deutschland und Österreich und begleitet hands-on den Wandel vom traditionellen zum agilen Unternehmen. Mit agilen Methoden arbeitet der gebürtige Österreicher seit beinahe zehn Jahren und hat dabei besondere Expertise in agilen Transitionen und skalierten Projekten sowie in der agilen Weiterentwicklung von ERP-Systemen und sicherheitskritischen Systemen aufgebaut. Sein Wissen dazu gibt er in Trainings und als Sprecher auf Konferenzen weiter. Christoph Schmiedinger ist der beste Beweis, dass sich Zielstrebigkeit, Offenheit und Humor bestens vereinen lassen. Besonders gerne arbeitet er mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen. „Commitment“ ist für ihn dabei einer der wichtigsten agilen Werte, weil er das Vertrauen schätzt, das in ihn gesetzt wird.

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