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Schätzen ist ein wichtiger Bestandteil des Scrum Flows und der Grundstein für die Release-Planung. Die vorher gepflegten und priorisierten User Stories aus dem Product Backlog werden durch das Entwicklerteam selbst geschätzt, damit es seine eigene Kapazität und Auslastung festlegen kann. Wichtig ist, dass nur nach Funktionalitäten geschätzt wird und nicht nach Aufwand oder Projekttagen.

Grundsätzlich gibt es viele Möglichkeiten, User Stories zu schätzen und jedes Entwicklerteam bevorzugt unterschiedliche Schätzweisen. Am bekanntesten ist wohl das Schätzen nach der unreinen Fibonacci-Reihe (1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 40, 100) oder nach T-Shirt-Größen (XS, S, M, L, XL). Je kleiner die User Story eingeschätzt wird, also je geringer die Story Points ausfallen, desto geringer schätzt das Team die Komplexität der Story ein und desto schneller kann die User Story vom Entwicklerteam umgesetzt werden.

Ziel ist es, eine User Story so zu erstellen, dass die Umsetzung innerhalb eines Tages zur Lieferung eines Produktinkrements führt. Ist die User Story zu groß geschätzt, wird diese in kleinere Sub-Tasks aufgeteilt, um die Lieferung zwischen den Daily Scrums zu gewährleisten. Wichtig ist dabei zu beachten, dass Teammitglieder die User Stories oft sehr unterschiedlich einschätzen. Das liegt an den unterschiedlichen persönlichen Entwicklungsstufen: Jede Person würde eine User Story anders umsetzen – je nachdem, wie viel Erfahrung sie bereits hat.

Sie merken schon, das klingt gar nicht so einfach und es gibt auch jede Menge zu beachten. Und so richtig spannend ist es irgendwie auch nicht, oder?

Vom Graus zum Spaß

Mein Team befand sich genau vor dieser Schwierigkeit. Schätzen war für die Teammitglieder ein Graus und anstrengend. Die Motivation fehlte einfach. Wieso das Schätzen notwendig und wichtig ist, war ihnen durchaus bewusst, es hakte jedoch an der Umsetzung. Das ihnen niemand diese Aufgabe abnehmen konnte, war meinen Leuten auch bewusst.

Als Interim Scrum Master ist es mein Ziel, die Lieferfähigkeit und Motivation meines Teams hoch zu halten und es durch schwierige Phasen zu führen. Also versuchte ich, eine Lösung für dieses Unwohlsein meines Teams zu finden. Eines Tages hatte ich einen Gedankenblitz: Das Team sollte seine Arbeit zwischendurch immer mal wieder unterbrechen und Dampf ablassen. Mit Gummigeschossen sollten sie Saugnäpfe auf Türen und Fenstern und alles, was nicht niet- und nagelfest war, abschießen, um in Bewegung zu kommen.

Sie ahnen es sicherlich schon: Kurzerhand zeichneten wir eine Zielscheibe mit der unreinen Fibonacci-Reihe darauf und ab sofort schätzte das Team durch Schüsse auf diese Zielscheibe. Trifft ein Teammitglied eine Zahl auf dieser Scheibe, wird über die Zahl im Team abgestimmt und bei Einstimmigkeit ist die User Story somit geschätzt. Herrscht Uneinigkeit, wird erneut geschossen – so lange, bis sich das Team einig ist. Diese Methode macht meinen Teammitgliedern nicht nur sehr viel mehr Spaß, sondern fördert auch noch die Motivation und Treffsicherheit der Teammitglieder.

Den eigenen Weg des Schätzens finden

Was möchte ich damit sagen? Grundsätzlich ist es wichtig, dass jedes Team seine eigene Art und Weise der Zusammenarbeit findet und diese Verpflichtung eingeht und wertschätzt. Auch bei borisgloger consulting sind wir in Teams strukturiert. Die Mitglieder meines eigenen Teams gehen etwas anders miteinander um als die Kolleginnen und Kollegen in anderen Teams. Selbstverständlich haben alle Teams auch gemeinsame Grundsätze, zum Beispiel den anderen ausreden zu lassen, dem anderen zuzuhören und ihn zu respektieren. Jedoch gehört es in meinem Team auch zum guten Ton, einem anderen zu sagen, wenn er oder sie blödes Zeug faselt. Einen Schlag in den Nacken gibt es gratis dazu – danach drücken wir uns und haben uns wieder lieb. Das sind unsere Regeln und diese Regeln müssen von Außenstehenden zwar nicht verstanden, aber akzeptiert werden.

Die Quintessenz ist: Jedes Team ist individuell und braucht seine eigenen Regeln, um die Zusammenarbeit zu stärken.

Kleiner Tipp an die Scrum Master da draußen: Findet heraus, was eurem Team Spaß macht, bestärkt und unterstützt sie darin und seht zu, wie das Team dadurch wächst und gedeiht.

 

Foto: pixabay license, meineresterampe

Geschrieben von

Lena Jessen Lena Jessen

Strategisches Denken und praktisches Umsetzen – Lena Jeßen kann beides. Zwischen diesen Polen schafft die Industriekauffrau und internationale Betriebswirtin Klarheit über den Weg zum Ziel. Mit ihrem Wissen in Design Thinking und agilen Entwicklungsmethoden hat sie mit und für Ingenieure Produkt- und Qualitätssicherungsstrategien entworfen und gezeigt, dass „New Work“ auch im traditionellen Engineering funktioniert. So war Lena maßgeblich für die Entwicklung der #nwing-Konferenz des VDI verantwortlich.  Aus Lena’s Sicht sind für die gemeinsame Entwicklung von etwas Neuem vor allem zwei Dinge wichtig: die eigene Lust am Lernen und die Fähigkeit, zuzuhören und Fragen zu stellen. Damit gelingt nicht nur eine offene und ehrliche Kommunikation, die ein Wir-Gefühl schafft, sondern auch die Rückkehr der Einfachheit in die verschiedensten Abläufe und Prozesse – und das ist schließlich das Ziel der Agilität.

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