0

Führung – ein Wort, das alles oder nichts bedeuten kann und wohl von jedem Menschen ein bisschen anders interpretiert wird. Leider stelle ich immer wieder fest, dass das Wort „Führung“ häufig mit einem sehr hierarchischen Image behaftet ist, denn das ist der vorherrschende Führungsstil in deutschen Büros. Doch wie lange kann das noch gut gehen? Die jungen Talente, die in den Arbeitsmarkt strömen, sind nicht dazu bereit, auf diese Art und Weise zu arbeiten. Diese Menschen möchten das große Ganze verstehen, etwas verändern und ihren Beitrag leisten.

Also werden viele Unternehmen bzw. Manager der Situation gegenüberstehen, dass sie junge Bewerber entweder nur schwer von sich begeistern können oder diese nicht lange im Unternehmen bleiben werden. Sie sind mit einer Generation konfrontiert, die Führung in ihrer bisherigen Form offen in Frage stellt. Obwohl das agile Führungsverständnis und die dafür essentielle Selbstorganisation genau das unterstützen, wird das Wort „Führung“ aufgrund seiner hierarchischen Prägung im agilen Kontext gerne vermieden.

Held oder Gärtner – welcher Führungsstil herrscht in Ihrer Organisation?

Dabei hat eine Führungskraft verschiedene Möglichkeiten, ihre Mitarbeiter zu führen. Es gibt eine Metapher zum Führungsverständnis, die ein Bild schafft, das bei mir sofort hängengeblieben ist: die Metapher des Helden und des Gärtners.

Der Held – typischerweise im Militär vorzufinden – tüftelt einen Schlachtplan für seine Mannschaft aus, bei dem er sein gesamtes Expertenwissen einsetzt. Er möchte seine Mannschaft so wenig wie möglich belasten. Daher kennt niemand außer ihm den Ablauf, er gibt die Kommandos und seine Kameraden sind Figuren, die diese Befehle ausführen. Können sie tatsächlich einen Sieg erringen, ist also ganz klar, wem dieser zuzuschreiben ist: dem Helden, der den Plan entworfen hat.

Der Gärtner geht ganz anders vor. Er stellt sich nicht in den Vordergrund, sondern begreift, dass er mit der Natur zusammenarbeiten muss, um Tomaten ernten zu können. Er sucht guten Samen aus, findet den optimalen Platz für die Pflanze, verwendet hervorragende Erde und sorgt immer für genügend Wasser bzw. Dünger, damit die Tomaten perfekt gedeihen können. Er stellt also die perfekten Rahmenbedingungen her, damit alle Faktoren, die für eine erfolgreiche Ernte notwendig sind, optimal ineinandergreifen können.

Die entscheidenden Unterschiede dieser beiden Führungsstile werden in der Stabilität der Teams bzw. der Organisationen deutlich. Systeme und Organisationen, die von einem Gärtner-Führungsstil geprägt sind, benötigen klare Rahmenbedingungen, die den Mitarbeitern den Freiraum zur Selbstorganisation und Entscheidungsfreiheit bieten. Das macht diese Unternehmen weitaus stabiler als Organisationen, in denen der einsame Held Micromanagement betreibt.

Der Weg vom Helden zum Gärtner – das agile Führungsverständnis

Doch wie führt man agil und wie stärkt man die Selbstorganisation? Wie können Sie sich vom Helden zum Gärtner entwickeln?

Der wichtigste Baustein für diesen Weg ist wohl das Vertrauen. Vertrauen in Ihr Team, denn Sie müssen Verantwortung abgeben und das Team seinen Weg finden lassen. Sie müssen bereit sein, Entscheidungen dort treffen zu lassen, wo die Informationen liegen und das Team darin unterstützen. Aber auch das Team muss vertrauen dürfen: Darauf, dass seine getroffenen Entscheidungen akzeptiert werden, dass es alle notwendigen Informationen bekommt und es die Freiheit hat, Selbstorganisation auszuprobieren. Dabei Fehler zu machen, muss erlaubt sein.

Und dann wäre da noch die Transparenz. Transparenz über das große Ganze, eine Vision, auf die das Team hinarbeitet. Die Vision gibt Orientierung bei Entscheidungen. Wie am Nordstern immer kann sich das Team immer wieder daran ausrichten.

Transparenz bedeutet aber auch, die Rahmenbedingungen der Mitgestaltung deutlich zu machen. Zu oft erlebe ich, dass gar nicht klar ist, in welchen Bereichen Teams eigene Entscheidungen treffen dürfen und wann die Führungspersönlichkeit gerne eingebunden sein möchte. Machen Sie diese Rahmenbedingungen deutlich! In welchen Bereichen bewegt sich das Team in einem weiten Rahmen und darf ganz frei selbst entscheiden und wo haben Sie klare, nicht verhandelbare Erwartungen? Eine spielerische Variante, um Klarheit über diese Rahmenbedingungen zu gewinnen, ist das Delegation Poker von Jurgen Appelo.

Sind die Rahmenbedingungen gesetzt, sprechen Sie eine Einladung zur Mitgestaltung an Ihre Mitarbeiter aus. Und zu guter Letzt: Zeigen Sie Wertschätzung für die Ergebnisse und Änderungen im Verhalten. Natürlich benötigt Veränderung Zeit. Die Zusammenarbeit mit Ihren Teams wird sich nicht von heute auf morgen ändern und es wird auch nicht von Anfang an alles glatt laufen. Doch es ist wichtig, die Schritte in die richtige Richtung anzuerkennen!

Finden Sie Ihren persönlichen Weg der Führung

Ich lade Sie dazu ein zu reflektieren: Was bedeutet Führung für Sie? Ist Ihr aktueller Führungsstil dem des Helden oder des Gärtners näher? Egal, wo Sie sich verorten: Machen Sie sich darüber hinaus bewusst, wie weit der aktuelle Rahmen der Selbstorganisation für Ihre Teams ist und wo Sie ihn eventuell noch weiter fassen können.

Für mich persönlich hat sich folgende Definition von Führung herauskristallisiert: Führung bedeutet, anderen dabei zu helfen, jeden Tag ein Stückchen besser zu werden und tolle Ergebnisse zu liefern. Das kann in einzelnen Fällen heißen, klare Anweisungen zu geben – in anderen Situationen hingegen muss der Rahmen für die Mitgestaltung sehr weit abgesteckt werden und man muss der Selbstorganisation freien Lauf lassen.

Simon Sinek macht den Unterschied der Führungsstile in seinem berühmten „Start with why“ Talk auf folgende Weise klar: “(…) there are leaders and those who lead (…)”. Leader führen Kraft ihres Amtes. Durch ihre Position im Unternehmen können sie Macht und Autorität ausüben. Und dann gibt es Menschen, die uns anleiten, weil sie uns inspirieren, weil sie ein Vorbild für uns sind. Und wer möchte nicht gerne Vorbild sein?

 

Geschrieben von

Kristina Uhl Kristina Uhl Kristina Uhl kennt die Herausforderungen, wenn klassisches und agiles Projektmanagement aufeinandertreffen. Gleich nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre hat sie in der Praxis das Beste aus beiden Welten auf einen Nenner gebracht – denn der Schlüssel zum Erfolg ist immer der Mensch. Nicht nur mit ihrem methodischen Wissen, sondern vor allem durch ihren Blick für Stärken und den respektvollen Umgang mit allen Beteiligten unterstützt Kristina Uhl Teams und den Einzelnen dabei, über sich hinauszuwachsen. Gleichzeitig stabilisiert sie die Beziehungen zu den Projekt-Stakeholdern durch kompetentes Beziehungsmanagement.

Ähnliche Beiträge: