0

Scrum wird häufig als Zaubertrank für alle möglichen komplexen und weniger komplexen Projekte und Aufgaben gesehen – gerade so, als ob ein kleiner, pfiffiger Gallier ein Fläschchen vom Druiden seines Vertrauens leert und ganze Legionen klassischer Projektsoldaten aufmischt. Scrum ist aber kein Zaubertrank, sondern tägliche Arbeit. Häufig ist es freudige und erfüllende Arbeit, aber eben Arbeit und keine hedonistische, augenblickliche Genugtuung – ähnlich wie nur regelmäßige Workouts den Körper „in shape“ bringen. Was nützt es, einmal im Monat einen ganzen Tag im Fitnessstudio zu verbringen und an allen anderen Tagen einen großen Bogen darum zu machen?

Simon Sinek, einer der inspirierendsten Management-Vordenker unserer Zeit, hat es in einem Dialog ähnlich formuliert und zwar in einer Art und Weise, die durch Klarheit und Einfachheit für sich steht.

Das Besondere erwächst aus konstantem Tun!

Wenn wir mit Scrum arbeiten, machen wir viele eher unscheinbare Dinge, die für sich gesehen unspektakulär sind und isoliert betrachtet keine große Auswirkung haben. Wie bei körperlicher Fitness funktioniert Scrum nur, wenn es täglich praktiziert und gelebt wird – intensive Workouts, in Abwechslung mit Technik und Ausdauer. Wir treffen uns vorbereitet zum Daily, um die Zusammenarbeit zu synchronisieren, das Planning ist mit einem priorisierten Backlog vorbereitet, im Review sind die Scheinwerfer auf das Team gerichtet und das Team kann live zeigen, welche tollen Sachen es realisiert hat, im Pre-Planning entsteht ein einheitliches Verständnis zu User Storys (diese werden auch durchgehend geschätzt), der Product Owner hat eine inspirierende Produktvision und in der Retro ist die „Prime Directive“ die Grundlage des Dialogs.

Darüber hinaus werden die Werte und Prinzipien gelebt und es wird alles unternommen, damit Dysfunktionen im Scrum-Team identifiziert, bearbeitet und aufgelöst werden. Alle diese Aspekte, immer und immer wieder durchgeführt, machen Scrum so besonders. Auch wenn es schwerfällt und der Terminkalender voll ist, ist es immens wichtig, dieses Durchhaltevermögen zu zeigen und den Rhythmus aufrecht zu halten.

Weitermachen, selbst wenn die Welt unterzugehen scheint

Ich habe ein Jahr im Mittleren Westen der USA gelebt. Es ist eine Region, die heiße Sommer – fast wie in Nordafrika – kennt und im Winter regelmäßig Schneestürme, sogenannte Blizzards, erlebt. An meiner High School war ich Teil eines hervorragenden Leichtathletik-Teams, das eine herausragende Siegesstrecke über mehr als ein Jahrzehnt aufgebaut hatte. Als ich dort war, zog einer dieser Blizzards aus der Arktis herunter.

Die Temperaturen lagen irgendwo bei -10°C, es wehte starker Nordwind und bei schwerem Schneefall sammelten sich schnell 40 Zentimeter Neuschnee. Natürlich haben einige Athleten unseren Trainer gefragt, ob wir an diesem Tag das Training ausnahmsweise ausfallen lassen können. Die Antwort unseres Trainers war unmissverständlich: Er sagte, dass es genau diese Tage seien, die uns besser machen. Diese Tage seien es, die dazu führen, dass wir immer etwas schneller laufen, etwas weiter oder höher springen und etwas weiter werfen als die anderen Teams, weil wir unseren Rhythmus beibehalten und gemeinsam den Widrigkeiten trotzen.

Zugegeben, der sportliche Mehrwert dieses Trainings war überschaubar. Dass ich mich nach mehr als einem Jahrzehnt noch immer detailliert an diese Trainingseinheit erinnere, zeigt den mentalen Einfluss. Wir wussten genau, dass wir keine Rahmenbedingungen fürchten mussten, und egal was kommen würde: Wir würden immer unser Ding durchziehen. Im Mai, bei den wirklich wichtigen Wettkämpfen, konnte es nur einfacher werden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass genau aus diesem Durchhaltevermögen das Sieger-Gen erwächst, mit dem große Athleten und Teams „die engen Kisten“ für sich entscheiden. Für ScrumMaster bedeutet dies: Regeltermine finden statt – auch wenn die Umstände besser sein könnten, wichtige Personen nicht anwesend sind und „ausnahmsweise“ wirklich Seltenheitswert hat.

Durchhaltevermögen überwindet einfach alles – ob bei einem Blizzard im Mittleren Westen, im Fitnessstudio oder in einem agilen Projekt!

Geschrieben von

Matthias Rodewald Matthias Rodewald In seiner Freizeit beschäftigt sich Matthias Rodewald leidenschaftlich gerne mit Permakultur. Dazu muss man ein Gespür für die Zusammenhänge und Vorgänge in einem System haben und für die Momente, in denen man eingreifen oder das System „selber machen lassen“ muss. Als Betriebswirt denkt Matthias Rodewald natürlich ökonomisch, wägt Risiken und Chancen von Maßnahmen ab, denkt in Mehrwerten – und achtet trotzdem darauf, dass der einzelne Mensch gestärkt aus der Zusammenarbeit hervorgeht. Wandel ist für Matthias Rodewald ein Ausdruck von Lebendigkeit, der in menschlichen Systemen ein kräftiges „Warum“ braucht. Diese Frage traut sich Matthias Rodewald zu stellen, um den Mut und die Kraft zur Veränderung in die richtigen Bahnen zu lenken.

Ähnliche Beiträge: