0

Eva Böckh-Thomsen hat während der Corona-Maßnahmen ihre Führungsrolle bei Toll Collect angetreten und die neuen Herausforderungen mit Bravour gemeistert. Anfang Juni trafen wir uns „analog“, als Boris und ich mit den Führungskräften des Unternehmens eine Corona-Retro durchführten. (Wie die Corona-Retro gelaufen ist, könnt ihr hier nachlesen.)

Als ich Eva kennenlernte, strahlte sie Lust auf Bewegung und Erfolg mit jeder Pore aus. Sie trat ihren Job mit neuen Arbeitsweisen, Tools, Mitarbeitern und Kollegen ausschließlich remote an. So etwas habe ich selbst noch nie erlebt und deshalb habe ich sie gebeten, ihre Erfahrung in einem Interview mit uns zu teilen.

Ssonja: Was war die Herausforderung dabei, deine Mitarbeiter fast ausschließlich digital kennenzulernen?

Eva: „Ich habe für mich einen Vergleich gefunden, um die Herausforderung zu beschreiben. Als Jugendliche hatte ich eine Brieffreundschaft in Portugal. Lange vor dem ersten persönlichen Treffen haben wir uns geschrieben. Beim digitalen oder schriftlichen Kennenlernen sind wir darauf angewiesen, Befindlichkeiten und Emotionen konkret zum Ausdruck zu bringen, um den Kontakt in Gang zu bringen und Vertrauen aufzubauen. Dies gilt auch im Arbeitsleben.

Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis war für mich die stringente Anwendung von digitalen Besprechungsformaten, die auch ansonsten beim Überwinden von Distanz gelten: aktives Zuhören, Kreisarbeit und ein Check-in und Check-out mit Feedback am Ende von Web-Konferenzen. Die nächste Stufe war, die Teilnehmer der Web-Konferenzen zur Aktivierung ihrer Laptop-Kamera zu bewegen. Mit dem Hinweis auf die Entlastung auch der eigenen Ohren durch Zuschalten des Bildes plus Vorbild meinerseits hat das gut funktioniert.“

Ssonja: Wie weit bist du – nach deinen eigenen Ansprüchen – in dieser Zeit gekommen?

Eva: „Ich bin nicht so weit davon weg, sagen zu können, es hat funktioniert. Ich bin als remote Führungskraft angekommen. Für die Abrundung des Gesamteindrucks braucht es dann allerdings die persönliche Begegnung mit dem Mitarbeitenden des Fachbereichs. Ich meine sogar eine Begegnung ohne Maske, denn auch die Maske verhindert die Sichtbarkeit von Mimik und Gestik, die für das Verständnis des Gesamtbildes wichtig sind.“

Ssonja: Wie hast du den Anschluss an die Teams gefunden?

Eva: „Als Führungskraft gewinnt man in der Regel schnell Anschluss. Denn ein Umstand wirkt auch trotz Corona: Menschen sind neugierig. Die Neugier gegenüber einer Führungskraft, die Entscheidungen trifft, die jeden Einzelnen auch persönlich betreffen, ist naturgemäß sehr groß. Wichtig ist, wie es dann weitergeht. Ich meine, wie man die Situation dann, nachdem Neugier geweckt wurde, als Führungskraft weiter in die Hand nimmt. Nach meiner Erfahrung kommt dann die Phase des aktiven Zuhörens und des Interesses gegenüber jedem Einzelnen und seiner Tätigkeit. Eine wunderbare Möglichkeit dafür wurde mir durch meine Teams bei Toll Collect auch in digitaler Form eröffnet mit dem sogenannten Schulterblick. Einzelne Teammitglieder haben in einer Web-Konferenz ihre Arbeitsprozesse vorgestellt. Zuerst hatten sie sich mit Foto einzeln vorgestellt. Großartig. Auch auf ihrer Seite bestand offensichtlich das Interesse, mir zu zeigen, wer eigentlich im Team ist, um damit die Anonymität aufzubrechen. Die Basis für die Zusammenarbeit war gelegt.

Ssonja: Konntest du deine eigenen Ideen einbringen?

Eva: „Ein wichtiger Punkt, um sich als remote Führungskraft mit den eigenen Ideen gut einbringen zu können, ist das Stilmittel der Frage. Entwirf einen Rahmen und frage deine Teams per Mail an den gesamten Bereich nach Ideen für die Ausfüllung. Dieser Bottom-up-Ansatz war rückblickend gut, um allen Mitarbeitenden des Fachbereichs die Gelegenheit zu geben, mit mir von Anfang an zusammenzuarbeiten.“

Ssonja: Wie war es für dich, mit einer komplett neuen Infrastruktur zu arbeiten?

Eva: „So manchen Vorsatz, den ich im Vorfeld gefasst hatte, konnte ich direkt nach dem Lock-Down über Bord werfen. Morgenkaffee in einem kurzen Pitch mit den Directs am Runden Tisch, kurzer Austausch auf dem Gang, Offene-Tür-Politik, kurze Fahrstuhlreden mit neuen Kollegen, Lobbyarbeit über Fachbereichsgrenzen hinweg durch geplante oder auch spontane Lunchverabredungen. Alles dies war nicht mehr möglich.

Der Aufbau der ganz neuen Infrastruktur unter Corona war in erster Linie eine Kopfsache: akzeptieren, dass das Gewöhnliche, Beliebte, Vertraute nicht mehr möglich war, den Schalter in Richtung „Ich brauche eine Alternative, die genauso erfolgreich ist“, umlegen. Für diese Energiearbeit war zunächst hilfreich, dass am Anfang niemand geglaubt hat, dass der Normalzustand über Wochen nicht wieder eintreten würde. Das Zurechtfinden innerhalb der neuen Strukturen war tatsächlich auch nicht das Problem. Eine Motivationsdelle hatte ich erst, als mir klar wurde, es wird sich an der neu gelebten Struktur, die wirklich viel Disziplin und Energie abverlangt, nicht sehr bald etwas ändern. Dies einzusehen und zu akzeptieren, hat mir in Bezug auf den remote Einstieg als Führungskraft am meisten abverlangt.“

Ssonja: Du bist jetzt voll im Team integriert. Welchen Tipp hast du für Menschen, die auch gerade remote einen neuen Job antreten?

Eva: „Das Besondere war nicht der remote Start als solcher, sondern einen Neustart hinzulegen in einer Situation, die es in dieser Dimension noch nicht gegeben hat und die jedem Einzelnen Besonderes abverlangt. Für mich hieß das, vor allem zu Beginn zuhören und hinhören, um auch Zwischentöne zu bemerken, wenn es hieß, ich fühle mich allein gelassen, überfordert, gestresst, habe Angst, und zu verstehen, ob Corona alleine der Auslöser dafür war. Dies war gleichzeitig die Chance, den Mitarbeitenden sofort ganz nah zu sein und Hilfe für Probleme durch teils ungewöhnliche Maßnahmen anzubieten oder Entscheidungen zu treffen, die ein Normalstart nie zugelassen hätte.

In der ersten Zeit ging es nur darum, die gesamte Mannschaft im Homeoffice arbeitsfähig zu machen. Es ging so weit, dass wir ein Laptopschloss mit einem Bolzenschneider geknackt haben, um dem Mitarbeiter, der krankheitsbedingt nicht ins Büro kommen konnte, seinen Laptop hinterherzuschicken. So etwas wäre unter normalen Bedingungen nicht denkbar gewesen.

Rückblickend halte ich meine Entscheidungen für ungewöhnliche, aber erfolgreiche Maßnahmen, die die Entstehung von Nähe und Vertrauen zwischen mir und meiner Mannschaft beschleunigt haben. Es war eine Art Prüfung, die uns einen entscheidenden Schritt näher zusammengebracht hat und die beste Möglichkeit war, mich als Trainer dieser Mannschaft zu verstehen, um das Team auf unser nächstes großes Match vorzubereiten. Ich möchte diese Zeit und die an mich gestellten Anforderungen nicht missen. Sie hat uns beigebracht, bereit zu sein und notfalls alles anders zu machen. Und sie hat gezeigt: Wir hatten es einfach drauf. Manchmal auch nur aus dem Instinkt heraus.”

Ssonja: „Eva, es gibt manchmal Begegnungen, die einfach nur inspirieren. Danke für die Begegnung mit Dir und dass wir sie gemeinsam teilen. Viele reden gerade auch von ‚Frauenpower‘. Ich nenne sie: Leadership-Power. Danke Dir.“

Wie wir euch unterstützen können

Wir begleiten euch gerne bei der Corona-Retrospektive in eurem Unternehmen. Wir arbeiten mit euch gemeinsam auf, wie es in den letzten Monaten gelaufen ist und was wir für eure Organisation daraus lernen können. Hier geht’s zur Corona-Retrospektive.

Bild: Pexels License, Lisa Fotios

Geschrieben von

Ssonja Peter Ssonja Peter Das agile Arbeiten hat Ssonja Peter als Führungskraft mehr begeistert und auch verändert, als alle Veränderungsprozesse davor. Ihre Meinung: Modernes Leadership im agilen Umfeld fördert durch Mit- und Vormachen eigenverantwortliches Arbeiten im Team und damit Intrapreneurship maximal. Als einen der wirksamsten Hebel hat sie dabei das kontinuierliche Liefern erlebt: Es erfüllt Teams mit Freude und Stolz, weil gemeinsam mit dem Kunden eine ideale Lösung gefunden wurde. Was muss man dabei als Führungskraft lernen? Tiefes Vertrauen in Mitarbeiter und das „Loslassen“. Das Bankgeschäft kennt die Betriebswirtin und Bankkauffrau Ssonja Peter dabei bis ins kleinste Detail. Seit 2000 hat sie in verschiedenen Führungspositionen in deutschen Großbanken den fundamentalen Wandel der Branche selbst mitgestaltet. Dazu gehörten auch agile Transformationen im Rahmen von Digitalisierungsinitiativen.

Ähnliche Beiträge: