Authentische Kommunikation: beobachten, ohne zu werten

„Ach Steffi. Das, was du hier machst, ist ja ganz nett, aber bei uns funktioniert Agilität einfach nicht.“

Ich erinnere mich noch genau daran, als ich diesen Satz bei einem Kunden das erste Mal hörte und welche Gefühle er bei mir auslöste: Unverständnis, das Bedürfnis mich zu rechtfertigen und auch ein bisschen Groll. Schließlich hatte ich zu dem Zeitpunkt schon einige Wochen als ScrumMaster mit dem Team gearbeitet. Sollte die Zeit, die ich in das Team investiert hatte, vergebens gewesen sein?

„Natürlich funktioniert Agilität auch bei euch. Wir haben doch schon viel erreicht.“
„Wir verschieben bunte Zettel auf dem Board und haben mehr Meetings als vorher, sonst nichts.“
„Aber diese Meetings helfen uns bei …“
„Lass es gut sein, Steffi.“

Ich habe diesen Dialog stark gekürzt wiedergegeben, aber ich glaube, Sie erkennen den Punkt: Wir waren festgefahren. Mein Gegenüber beharrte auf seinem Standpunkt und ich hatte, außer Rechtfertigungen, nicht viel vorzubringen. Ich verließ die Situation mit einem schalen Gefühl: Dieser Mensch hatte mich tief gekränkt.

In den kommenden Tagen verschlechterte sich meine Laune zusehends. Ich sah das Team als unwillig. Was soll ein ScrumMaster in einem Team bewirken, das schlicht und ergreifend nicht will? Es war damals eine sehr frustrierende Zeit.

Heute jedoch weiß ich: Ich hatte nicht richtig hingehört und dadurch auch das eigentliche Problem nicht erkannt. Ein Zitat, das dem indischen Philosoph Jiddu Krishnamurti zugeschrieben wird, half mir, das zu verstehen:

„Die Fähigkeit, zu beobachten, ohne zu bewerten, ist die höchste Form von menschlicher Intelligenz.“

JIDDU KRISHNAMURTI

Lassen Sie uns kurz in die oben beschriebene Situation zurückgehen. Was hatte ich beobachtet? Da war ein Mensch, der feststellt, dass Agilität bei ihm im Team nicht den erhofften Effekt brachte. Und wie hatte ich das Gehörte bewertet? Als eine Kritik an meiner Arbeitsweise und vielleicht sogar an meiner Person. Ich hatte die Beobachtung mit der Bewertung vermischt.

Auch die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall B. Rosenberg als Prozesssprache lehrt uns, zunächst die Beobachtung klar von unserer Bewertung zu trennen. In einem zweiten Schritt untersuchen wir, warum die gemachte Beobachtung zu den Gefühlen führt, die wir in einer bestimmten Situation haben. Also: Warum hatte ich mich durch die Aussage der Kollegin angegriffen gefühlt? Was war in mir geschehen? Rückblickend ist mir bewusst, dass mein Bedürfnis nach Anerkennung meiner Leistung und der Wunsch nach Zugehörigkeit verletzt wurden. Deswegen konnte ich lediglich Rechtfertigungen hervorbringen und habe es versäumt, auf das Bedürfnis der Kollegin zu hören, das hinter ihrer Aussage steckte.

In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit den Komponenten und Prinzipien der GfK auseinandergesetzt und sie immer wieder im Alltag geübt. Erst vor kurzem fand ich mich in einer ähnlichen Situation wieder, wie ich sie eingangs beschrieben habe. Dieses Mal war das Ergebnis allerdings ein völlig anderes:

„Steffi, seit Einführung von Scrum ist alles nur noch komplizierter worden. Ich habe darauf keine Lust mehr.“
„Was genau ist für dich komplizierter geworden?“
„Diese Post-it’s, die wir verschieben. Das bringt doch nichts.“
„Hast du das Gefühl, dass sich – außer Äußerlichkeiten (die Post-it’s) – nichts an den Rahmenbedingungen geändert hat?“
„Ja, genau! Die Chefs machen doch alles wie vorher. Diktieren von oben und wir müssen die Aufgaben dann ausführen. Aber heißt es nicht, dass mit Scrum auch mehr Verantwortung und Mitspracherecht ins Team gegeben werden soll? Davon merke ich nichts.“

Sehen Sie den Unterschied? Durch den Blick hinter die Bewertung (Es ist komplizierter geworden / Ich habe keine Lust mehr) sind wir an den wahren Kern gelangt. Mein Teamkollege hatte erkannt, dass die Rahmenbedingungen in seinem Unternehmen noch nicht mit den agilen Werten konform waren. Er selbst hatte sich offenbar schon intensiv mit ihnen auseinandergesetzt und war keineswegs unwillig (so hätte ich die Situation früher möglicherweise bewertet).

Nach unserem Gespräch bin ich mit ihm übereingekommen, dass wir in einem Workshop gemeinsam mit dem Team herausfinden, an welchen Stellen die Umwelt um das Scrum-Team herum noch eine Schärfung der agilen Rahmenbedingungen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation benötigt. Im Ergebnis hatte sich auch die Grundhaltung im Team verändert: Sie fühlten sich ernstgenommen und gaben der Agilität eine echte Chance.

Ich hoffe, dieser Artikel konnte Ihnen zwei Dinge aufzeigen:

  1. Unsere Art zu kommunizieren kann maßgeblich zur Erreichung unserer Ziele beitragen.
  2. Durch die bewusste Trennung von Beobachtung und Bewertung können wir Konflikte vermeiden oder auflösen.

Möchten Sie sich über Kommunikation in der Rolle des ScrumMasters mit uns austauschen? Dann lassen Sie gerne einen Kommentar da. Ich freue mich auf Ihren Beitrag!

Titelbild: Pexels License, Andrea Piacquadio

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