Wer kämpft, verliert: 5 Gründe, warum Zusammenarbeit besser ist als Wettkampf

Am Beispiel von CrossFit habe ich erklärt, wie Gemeinschaft auch in der Unternehmenswelt Potenziale freisetzen kann. Hier möchte ich genauer auf den Schaden eingehen, den Wettkämpfe anrichten und welche Alternativen es zum Wettkampf gibt. Denn entgegen der populären Meinung fördern sie die Leistung nicht. Bei Wettkämpfen gibt es nur drei Gewinner:innen und viele Verlierer:innen. Bei einem Marathon hingegen ist jede:r ein:e Gewinner:in, der oder die diese Mammutaufgabe schafft. Die Atmosphäre am Ende eines Marathons, wenn alle erschöpft, aber glücklich sind, unterscheidet sich deutlich von jener eines Rennens oder Turniers, bei dem eine kleine Gruppe glücklich, die Mehrheit aber niedergeschlagen und enttäuscht ist. Welche Fallen birgt also der Wettkampf und wie kann man sie entschärfen?

Wettbewerb ist nicht nur schädlich für den Geist, sondern auch ineffizient. Motivation versiegt nicht, weil es zu wenig Wettbewerb gibt und wir erbringen auch nicht bessere Leistungen, weil wir konkurrieren. Der Wunsch, sich zu bemühen, entsteht selten aus dem Wunsch, andere zu schlagen. Das gilt für alle Bereiche, insbesondere für das Bildungswesen, aber ich will mich hier mehr auf die Welt der Unternehmen konzentrieren.

1. Wettbewerb erzeugt Ängste

Die Möglichkeit, als Verlierer:in zu enden, ist bedrückend. Die Spannung, gewinnen zu müssen oder nicht verlieren zu dürfen, hemmt die Leistung oder verführt sogar dazu, die anderen zu täuschen. Es kann sich auch auf das Selbstwertgefühl auswirken, da die meisten Teilnehmer:innen per Definition verlieren. So zeigen Forschung und Erfahrung, dass Konkurrenz destruktiv auf unsere Psyche wirkt und Gift für unsere Beziehungen ist.

Jedes Arrangement, bei dem der Erfolg der einen vom Misserfolg der anderen abhängt, ist zum Scheitern verurteilt. Und das Beste ist, dass es immer eine gesündere Alternative gibt, um sich zu motivieren: Sie können die eigene Leistung zum Beispiel mit einem absoluten Standard vergleichen oder mit dem Ergebnis des letzten Jahres. Daher mein Rat: Führen Sie Standards für Teams ein und vermeiden Sie es, Teams untereinander zu vergleichen. Vergleichen Sie lieber die Leistung eines Teams mit dessen Leistungen in der Vergangenheit. Um das Verständnis von Gemeinschaft zu stärken und alte Rivalitäten zwischen Abteilungen zu beseitigen, sollten Teams crossfunktional besetzt sein und Silos abgebaut werden.

2. Wettbewerb ist klassifizierend und ausgrenzend

„Wir lieben es, zu rangieren. Schlimmer noch, wir schaffen künstliche Knappheit, wie Preise, Unterscheidungen, die aus der Luft gegriffen sind, damit einige sie nicht bekommen können. Jeder Wettbewerb beinhaltet die Erfindung eines gewünschten Zustands, wo vorher keiner war und auch nicht sein muss“, sagt Bildungsexperte Alfie Kohn.

Im Bildungswesen zum Beispiel erfassen standardisierte Testergebnisse nicht das Wertvollste im Lernprozess; vielmehr fördern sie bedeutungslose Vergleiche zwischen Schüler:innen und auch zwischen Schulen. Sie sind ein Sortiergerät, um die sogenannte Spreu vom Weizen zu trennen. Schlimmer noch: Pädagog:innen stehen unter dem Druck, ihre Schüler:innen so zu unterrichten, dass sie für den Test zurechtgetrimmt werden. Dabei verzichten sie auf potenziell innovative Lehrformen, um sicherzustellen, dass die Schüler:innen punktuell – für die Klausuren – „funktionieren“. Im Unternehmenskontext bedeutet dies: Die gesetzten Standards werden nicht dazu eingesetzt, um Teams zu vergleichen. Stattdessen sollen Standards ihnen dabei helfen, ihren aktuellen Entwicklungsstand zu erfassen und so Verbesserungspotenzial zu erkennen und zu nutzen. In Scrum nutzt man Retrospektiven nach jeder Iteration zur Standortbestimmung und Verbesserung. Ein Kanban-Board ist ebenfalls ein gutes Tool, um Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren.

3. Wettbewerb verhindert das Teilen von Ideen, Talenten und Fähigkeiten

Wettbewerb macht uns reaktiv, aggressiv, verschlossen gegenüber neuen Ideen und feindlich gegenüber Alternativen. Er erzeugt Misstrauen und Feindseligkeit. Er erzeugt Redundanzen zwischen Menschen, die versuchen, die gleichen Probleme zu lösen, weil sie nicht kooperieren. Es entsteht eine kontradiktorische Mentalität, die eine produktive Zusammenarbeit unwahrscheinlicher macht. Vor allem fördert es den falschen Glauben, dass Spitzenleistungen oder Erfolg selbst ein Nullsummenspiel sind.

Was ist also die Alternative? Kooperatives Lernen, wie Peer Coding oder Mob Programming. Wenn die Arbeit in Paaren oder kleinen Gruppen gefördert wird, um sich gegenseitig beim Lernen zu helfen, fühlen sich die Teilnehmer:innen besser, sind empathischer und entwickeln ausgefeiltere kognitive Strategien, durch die sie wiederum mehr lernen. Der Schlüssel liegt darin, die nicht-individualistische Idee zu fördern, sich aufeinander zu verlassen und füreinander verantwortlich zu sein, wenn man Erfolg haben will. Diese Herangehensweise kann z. B. durch Teamziele anstelle von Einzelzielen gefördert werden.

4. Konkurrenz lenkt vom Fokus ab

Die Fokussierung auf das Gewinnen lenkt die Aufmerksamkeit oft vom Ziel der Aufgabe weg. Optimale Leistung wird dann erreicht, wenn die Arbeit an sich als befriedigend und herausfordernd empfunden wird, und nicht, wenn sie zu einem Mittel für ein externes Ziel wird, wie z. B. die Nummer Eins zu sein.

Die Forschung legt nahe, dass Konkurrenz bei einfachen, routinemäßigen Aufgaben motivierend wirken kann, weil die Arbeit sonst zu monoton wird. Aber wenn es um Problemlösung oder Kreativität auf hohem Niveau geht, wird die Qualität vom Wettbewerb untergraben. Viele große Erfinder:innen standen in einem regen Austausch mit Kolleg:innen, der entscheidende Impulse für ihre Ideen brachte. Daher basieren wohl sämtliche vorherrschende kreative Methoden auf Gruppenarbeit und Communities (z. B. Brainstorming, Design Thinking).

5. Wettbewerb ist kurzsichtig

Eine wettbewerbsorientierte Denkweise erschwert die echte Transformation von Organisationen und der Gesellschaft. Solche Veränderungen erfordern eine kollektive Anstrengung und langfristiges Engagement, das durch die Wettbewerbsbesessenheit immer in irgendeiner Weise in Mitleidenschaft gezogen wird. Bevor eine Transformation gestartet wird, ist es daher umso wichtiger, das Ziel, die Erwartungen und eine Vision festzulegen, damit alle in eine gemeinsame Richtung gehen.

Wir können das Leben und Organisationen entweder als Wettrennen oder als Marathon betrachten. Im ersten Fall tritt jeder gegen jeden an (Stichwort Silos und daher gibt es nur wenige Gewinner:innen), während wir im zweiten Fall nur gegen uns selbst antreten und viele gewinnen können. Wann immer es möglich ist, sollte eine Organisation eine Marathon-Kultur pflegen. Trotzdem sollten auch nicht einfach Teilnehmermedaillen verteilt werden –  es muss eine Herausforderung sein. Jede:r, die oder der bestimmte Qualitätsstandards erreicht, sollte Anerkennung erfahren.

Je mehr Energie eine Person oder eine Organisation darauf verwendet, die Nummer Eins zu sein, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie authentische Qualität erreichen und aufrechterhalten kann. Wettbewerb basiert auf externer Motivation. Wenn wir uns also dem Gewinnen verschreiben, entfernen wir den Spaß und das Spiel aus der Erfahrung und verarmen so.

Titelbild: Pietro Mattia, Unsplash

Geschrieben von

Steffen Bernd Steffen Bernd Ob es Prozesse, Organisationen oder ihn selbst betrifft – Verbesserungen sind Steffen Bernds Leidenschaft. Vor allem, wenn dabei konstruktives Feedback und Motivation Hand in Hand gehen. In seinem Werkzeugkoffer findet er dafür neben den agilen Methoden auch Coaching- und effektive Kommunikationsansätze. Als erfahrener und zertifizierter Business Coach mit einer Affinität für Sprachen versteht er sich sowohl auf das Analysieren als auch auf das kreative Zusammenarbeiten. Seine Schwerpunkte setzt er in Lean Six Sigma, agile Prozessbegleitung und effektiver Kommunikation. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seinem Sohn, beim Crossfit oder als ehrenamtlicher Lifecoach für Hilfsorganisationen.

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