5 spielerische Kreativitäts-Booster

Im Bus zu einem vorentscheidenden Spiel: Trainer Jürgen Klopp zeigt seinen Spielern vom FC Liverpool ein Video vom Haka-Tanz des neuseeländischen Rugby-Teams. Dieses Video und seine Ansprache dazu sollen die Mannschaft so beflügelt haben, dass sie das Spiel und auch die Meisterschaft gewonnen hat. Was mir das Beispiel von Klopp zeigt: Menschen zu inspirieren bzw. zu motivieren, heißt vor allem: sie aktivieren. Solche Tricks lassen sich auch im Feld der Kreativität anwenden, um Höchstleistungen zu beschwören.

Wenn ich Transformationen begleite, halte ich immer wieder Workshops ab, in denen kreatives Denken gefragt ist, um Prozesse neu zu gestalten oder neue Produkte zu entwickeln. Oft höre ich von den Teilnehmenden aber: „Ich bin nicht kreativ“. Besonders in Remote-Meetings schleicht sich schnell eine unbehagliche Stille ein, weil keiner Lust hat, sich die Blöße zu geben. Das muss aber nicht so sein! Sie können großartige Ergebnisse erzielen und dabei sogar Spaß haben. Denken Sie an Jürgen Klopp. Keine Angst, Sie müssen nicht den Haka lernen. Ich zeige Ihnen fünf Wege, wie Sie zum Kreativ-Coach werden und die Ideen-Meisterschaft gewinnen können:

1.    Visions-Bingo

Dies ist wohl die simpelste und auch mitunter spaßigste Methode, Ihre Teilnehmenden in Kreativ-Virtuos:innen zu verwandeln. Das Ziel dieser Übung ist, die Gruppe in eine möglichst produktive und erfindungsreiche Stimmung zu versetzen. Nehmen wir an, Sie wollen eine Vision erstellen. Bevor Sie damit anfangen, halten Sie ein Visions-Bingo ab. Dafür lesen Sie inspirierende Visionen von Unternehmen vor und lassen die Teilnehmenden erraten, von wem sie sind. So schlüpfen sie bereits spielerisch in die Rolle von Visionär:innen. Das kann auch in anderer Form geschehen. Der springende Punkt ist, dass in den Teilnehmenden Assoziationen oder Erinnerungen an Kreativität wachgerufen werden. Sie können hierfür auch eine dieser Check-in-Fragen benutzen:

  • Was ist eine großartige Erfindung für dich?
  • Erzähl uns von einem Moment, in dem du mit Fantasie ein Problem gelöst hast.
  • Was ist ein gutes Beispiel für ein gelungenes Produkt für dich?

Vorteile

  • Da diese Übung kurz und in sich geschlossen ist, kann Sie mit den nächsten Methoden einfach kombiniert werden
  • Geringer Moderationsaufwand und Vorbereitung
  • Teilnehmende werden spielend auf Kreativität gepolt
  • Teambuilding durch Teilen von Erfahrungen und Meinungen

Nachteile

  • Gibt nur Anreiz, keine Struktur für die eigentliche Ideenfindung
  • Teilnehmende können die Übung als kindisch empfinden

2.    Brainstorming

Echt jetzt? Ist doch ein alter Hut. Aber ein überaus nützlicher. Brainstorming fördert die Erzeugung neuer, ungewöhnlicher Ideen in einer Gruppe von Menschen. Zuerst stellen Sie eine Gruppe aus beliebig vielen Teilnehmenden zusammen. Abgestimmt auf Ihre Problemstellung laden Sie Expert:innen, Manager:innen, User oder Mitarbeiter:innen aus anderen Abteilungen ein. Die Ausgangsfrage sollte nicht zu allgemein formuliert werden: Welches Produkt können wir erstellen? Und auch nicht zu spezifisch: Welches Bauteil nutzen wir zum Befestigen der Türen am Auto?

Es gibt nach dem Erfinder Alex Osborn vier grundsätzliche Regeln beim Brainstorming:

  1. Kombinieren und Aufgreifen von bereits geäußerten Ideen ist erwünscht
  2. Kommentare, Korrekturen und Kritik sind verboten
  3. Möglichst viele Ideen in kürzester Zeit (Zeitrahmen ca. 5–30 Minuten)
  4. Freies Assoziieren und Phantasieren ist erlaubt

In der ersten Phase von ca. 30 Minuten versuchen die Teilnehmenden, Ideen zu finde, wobei im Idealfall Ideen aufeinander aufbauen und einander stimulieren. Wichtig: Ein:e Protokollant:in sollte mitschreiben, im besten Fall sichtbar für die Teilnehmenden. In der zweiten Phase werden die Ergebnisse sortiert und bewertet. Nach einer Pause werden nun sämtliche Ideen von dem oder der Moderator:in vorgelesen und von den Teilnehmenden bewertet und sortiert. Hierbei geht es zunächst nur um bloße thematische Zugehörigkeit und das Aussortieren von problemfernen Ideen. Die Bewertung und Auswertung können in derselben Diskussion durch dieselben Teilnehmenden erfolgen oder von anderen Fachleuten getrennt vorgenommen werden.

Vorteile

  • Einfach zu erstellen
  • Geringer Aufwand
  • Ausnutzung von Synergieeffekten in der Gruppe

Nachteile

  • Hohe Abhängigkeit vom Mitmachen der Teilnehmenden
  • Hoher Aufwand bei der Selektion geeigneter Ideen
  • Gefahr gruppendynamischer Konflikte

3.    Freewriting

Eine weitere einfache und effektive Methode ist das Freewriting von Peter Elbow, Professor für Englisch an der Universität von Massachusetts und Autor mehrerer Bücher. Wie der Name schon verrät, brauchen Sie hierfür nur Stift und Papier und können einfach drauflosschreiben. Nehmen wir an, in Ihrem Workshop geht es darum, neue Produktideen zu erstellen. Dann bitten Sie die Teilnehmenden um eine Produktidee. Selbst wenn ihnen keine spontan einfällt, sollen Sie losschreiben für sieben Minuten, ohne den Stift vom Papier zu heben. Vertrauen Sie mir, nach einer Minute des Schreibens wird ihnen eine Idee einfallen. Nach den sieben Minuten nehmen Sie sich dann ein-zwei Minuten Zeit, um zu unterstreichen, was für Sie am wichtigsten ist. Dann weitere fünf Minuten nonstop schreiben. Um ihre Idee zu bewerten, erzählen die Teilnehmenden sie der Person neben sich. Die oder der Nachbar:in soll die Idee parodieren. Wenn Ihre Produktidee zum Beispiel vertikale Gärten in der Stadt sind, könnte eine mögliche Parodie sein: Großstadt-Öko oder Urbaner Bauer. Danach können Sie Ihre Idee in einen Satz gießen und präsentieren, für vertikale Gärten zum Beispiel: Ein effizientes Beet für jeden Großstädter oder ein bisschen grün für den Haushalt. So entstehen mehrere Ideen. Ich lasse die Teilnehmenden die beste Idee wählen und fahre mit der dann fort.

Vorteile

  • Klarer Ablauf und Timebox
  • Geringer Moderationsaufwand und Vorbereitung
  • Einfache Selektion
  • Abwechslung durch Medienbruch

Nachteile

  • Anzahl von Ideen ist limitiert auf Zahl der Teilnehmer:innen
  • Ideen werden erst im Nachgang hinterfragt
  • Wenn es für die Teilnehmenden ungewohnt ist, längere Texte zu schreiben, lassen sie sich leicht ablenken

4.     Negativkonferenz

Stellen Sie sich vor: Eine Managerin, mit ernster Miene und Akten unter dem Arm, eilt durch die Gänge eines Großraumbüros, ruft im Vorbeigehen ihrem Assistenten zu, die Führungsriege ASAP in den großen Meetingsaal einzuberufen. Dort angekommen hämmert sie die Akten auf den Tisch und guckt ernst in die Runde: „Unser Produkt ist ein absoluter Reinfall. Ich will von euch wissen, was hier falsch gelaufen ist!“

Willkommen zur Negativkonferenz. Sie stellt die Umkehrung des klassischen Brainstormings dar, indem die Teilnehmenden nicht nach Lösungen für ein Problem, sondern nach Problemen suchen. Dabei ist es erlaubt, zu einem bestimmten Sachverhalt bestehende oder potenzielle Fehler, Schwachstellen, Störungen, Kritikpunkte und andere negative Merkmale deutlich oder sogar übertrieben hervorzuheben und neue Probleme und Schwierigkeiten zu erfinden. Als Ergebnis erhält man so verschiedene negative Szenarien, für welche die Teilnehmenden in einem weiteren Schritt der Ideenfindung neue Lösungen erarbeiten können, etwa in einem Brainstorming. Die Methode eignet sich besonders gut, um ein Alleinstellungsmerkmal zu erarbeiten.

Vorteile

  • Einfach zu erstellen und geringer Aufwand
  • Synergieeffekte der Gruppe werden nutzbar gemacht
  • Eröffnet neuen Blickwinkel

Nachteile

  • Moderationsaufwand
  • Priorisierungsaufwand
  • Längere Transition zur Lösungsfindung

5.    Methode 635

Eine weitere Brainwriting-Technik, aber anders als Freewriting. Die Methode heißt 635, weil 6 Teilnehmende jeweils 3 Ideen in 5 Runden aufschreiben oder weiterentwickeln. So können innerhalb von 30 Minuten bis zu 90 Ideen entstehen, die im Anschluss sortiert und priorisiert werden können (siehe Brainstorming). Die Teilnehmenden erhalten jeweils ein großes Blatt Papier. Dieses wird mit drei Spalten und sechs Zeilen in 18 Kästchen aufgeteilt. Jede:r Teilnehmende wird aufgefordert, in der ersten Zeile zu einer gegebenen Fragestellung drei Ideen (je Spalte eine) zu formulieren. Jedes Blatt wird nach angemessener Zeit – je nach Schwierigkeitsgrad der Problemstellung etwa drei bis fünf Minuten – von allen gleichzeitig im Uhrzeigersinn weitergereicht. Der oder die Nächste soll versuchen, die bereits genannten Ideen aufzugreifen, zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Wichtig ist, dass Unterhaltungen limitiert werden, sonst verliert die Übung an Dynamik und die Timebox reißt. Diese Methode ist geeignet für Probleme geringer oder mittlerer Komplexität und kann auf eine Brainstorming Session zur Vertiefung aufbauen.

Vorteile

  • Direktes Feedback
  • Viele Ideen in relativ kurzer Zeit
  • Ideen werden nicht zerredet
  • Protokoll über den Werdegang der Idee entsteht
  • Alle Teilnehmenden kommen zu Wort und sind involviert

Nachteile

  • Kaum Möglichkeit für Rückfragen bei Unklarheit
  • Durchführung aufwendiger als bei den anderen Methoden
  • Starrer Ablauf ohne Vertiefung der eigenen Gedanken
  • Unterschiedliche Geschwindigkeit der Teilnehmenden

Titelbild: Robert Katzki, Unsplash

Geschrieben von

Steffen Bernd Steffen Bernd Ob es Prozesse, Organisationen oder ihn selbst betrifft – Verbesserungen sind Steffen Bernds Leidenschaft. Vor allem, wenn dabei konstruktives Feedback und Motivation Hand in Hand gehen. In seinem Werkzeugkoffer findet er dafür neben den agilen Methoden auch Coaching- und effektive Kommunikationsansätze. Als erfahrener und zertifizierter Business Coach mit einer Affinität für Sprachen versteht er sich sowohl auf das Analysieren als auch auf das kreative Zusammenarbeiten. Seine Schwerpunkte setzt er in Lean Six Sigma, agile Prozessbegleitung und effektiver Kommunikation. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seinem Sohn, beim Crossfit oder als ehrenamtlicher Lifecoach für Hilfsorganisationen.

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