Scrum4Schools im alltäglichen Unterricht – Gespräch mit Informatiklehrer Dennis Busch

Dennis Busch unterrichtet Informatik an der Staatlichen Berufsschule Lichtenfels, mit Schwerpunk IT-Technik und vernetzte Systeme. Er ist Quereinsteiger und war früher selbstständig als IT-Berater tätig. Ein Vorteil, wie er findet, denn dadurch war er von Beginn an sehr offen für neue Lernmethoden und hat schnell damit begonnen, agile Methoden in seinen Unterricht zu integrieren. Heute gestaltet er beinahe seinen kompletten Unterricht mit Scrum4Schools. Ich habe mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen.

Laura: Dennis, als ich gehört habe, dass du fast deinen ganzen Unterricht mit Scrum4Schools organisierst, bin ich natürlich hellhörig geworden. Wie bist du zu Scrum4Schools gekommen und was hat dich dazu bewogen, mit der Methode im Unterricht zu arbeiten?

Dennis: Meine größte Herausforderung als Lehrer war lange die Frage, wie ich mit der Heterogenität der Schüler:innen gut umgehen kann. Ein Beispiel: Du hast eine Unterrichtsstunde zum Thema „Operatoren“. In deiner Klasse sitzen Schüler:innen, die schon Erfahrung im Programmieren haben und für die diese Unterrichtsstunde total langweilig ist, und solche, die damit bisher keinerlei Berührung hatten. Dann kannst du dir jetzt mit allen möglichen pädagogischen Tricks überlegen, wie du diese Wissensunterschiede ausbalancieren kannst, z. B. über Zusatzaufgaben. Das hat aber oft den Effekt, dass sich die leistungsstarken Schüler:innen denken: „Wenn ich Zusatzaufgaben machen muss, dann bin ich lieber nicht schneller fertig.“ Und auf der anderen Seite hast du die Leute, die, egal was du machst, es trotzdem nicht verstehen.

Du stehst einer unglaublichen Spannbreite an Erfahrungs- und Wissenshintergründen gegenüber, da die Menschen, die gemeinsam in deiner Klasse sitzen, unterschiedliche Schulformen durchlaufen haben. Und auch wenn du dir viel Mühe gibst, sprichst du am Ende trotzdem immer die Mitte an. Und damit war ich nie zufrieden. Klar, es funktioniert schon irgendwie, du kannst viel machen mit Differenzierung nach unten oder nach oben, aber das hat sich für mich nie richtig angefühlt.

Ich habe viel ausprobiert, z. B. mit Gaming im Unterricht gearbeitet. Dann habe ich einfach mal „Scrum“ und „Schule“ bei Google eingegeben und da bin ich zunächst auf EduScrum gestoßen. Das klang interessant, ich habe mich zu einem Webinar angemeldet und dort viele Ideen für mich rausgezogen. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass der Ansatz noch nicht ganz zu dem passt, was ich brauche. Ich habe also weitergesucht und bin auf die Scrum4Schools-Homepage gestoßen, habe dort eure Checkliste entdeckt und an eurem Methodentraining teilgenommen.

Laura: Was hat dir denn an Scrum4Schools so gut gefallen?

Die Scrum4Schools-Checkliste fand ich sehr eingängig und hilfreich. Der Aufbau und die Beschreibungen der Rollen, Treffen und Artefakte sind insgesamt sehr gelungen und leicht verständlich. Zudem erlaubt die Methode, unabhängig vom Lernziel, eine flexible Gestaltung der Sprints (Lernzyklen), was für mich extrem wichtig war und ist.

Laura: Wie organisierst du deinen Unterricht mit Scrum4Schools? Wie sieht deine Schulwoche aus?

Ich arbeite mittlerweile mit meinen Klassen fast ausschließlich nach Scrum4Schools. Das heißt, die Schüler:innen arbeiten in Lernteams selbstorganisiert und eigenverantwortlich. Ein Sprint (Lernzyklus) dauert in der Regel eine Woche – das sind für jede Klasse fünf Unterrichtsstunden – und endet immer mit einem relativ kurzen Review (Feedback-Runde) und einer Retro (Rückschau).

Laura: Spannend! Wie baust du denn deine Erkundungsaufträge auf?

Ich habe mir schon vor Jahren eine fiktive Firma ausgedacht, die heute den groben Rahmen für meinen Unterricht mit Scrum4Schools bildet. In diesem fiktiven Unternehmen kann ich alle Handlungsbögen unterbringen, die für das Fach Informatik wichtig sind. Etwa alle vier Wochen steht ein anderes Thema im Mittelpunkt. Ein Beispiel: Das Unternehmen hat ein recht altes IT-Netzwerk, das von IPv4 auf IPv6 umgestellt werden soll. Die Schüler:innen haben also die Aufgabe, sich in ihren Lernteams zu überlegen, wie das Netzwerk-Update umgesetzt werden kann. Ich definiere auf dem Erkundungsauftrag Akzeptanzkriterien, die erfüllt und im Review (Feedback-Runde) vorgestellt werden müssen. Im konkreten Fall muss z. B. ein Netzwerkplan erstellt werden.

Auf dem Erkundungsauftrag mache ich auch transparent, was die Schüler:innen am Ende wissen und können müssen. Dabei orientiere ich mich am Lehrplan und dem, was in den Zwischen- oder Abschlussprüfungen abgefragt wird. Das ist wichtig, denn ich kann im Rahmen der fiktiven Handlungssituationen nicht zu 100 % sicherstellen, dass sich alle Schüler:innen das für die Prüfung notwendige Wissen auch angeeignet haben. Deshalb gibt es auf meinem Erkundungsauftrag einen eigenen Abschnitt „Das müsst ihr am Ende wissen/können“. Da steht dann z. B.: Ihr müsst wissen, wie eine IPv6 Adresse aufgebaut ist.

Die Erkundungsaufträge waren am Anfang noch recht ausführlich, mit vielen Lernschritten und Informationsquellen. Das ist im Laufe der Zeit und mit der wachsenden Erfahrung der Schüler:innen immer weniger geworden. Am Anfang habe ich noch Erkundungsaufträge im Umfang von zwei-drei Seiten erstellt, jetzt bin ich bei knapp einer Seite. Die Lernteams wissen immer besser, wo sie sich die Informationen besorgen können und was sie für ihre Dokumentationen brauchen.

Laura: Eine Frage, die Lehrkräfte in der Auseinandersetzung mit Scrum4Schools oft umtreibt, ist: Wie überprüfe ich, ob die Schüler:innen sich das notwendige Wissen angeeignet haben? Hast du eine Antwort für sie?

Besonders hilfreich ist da das Review (Feedback-Runde), in dem die Lernteams regelmäßig präsentieren, was sie erreicht haben. Hier kann ich als Lehrkraft feststellen, ob die Teams geschafft haben, was sie sich vorgenommen haben oder ob es vielleicht eine Diskrepanz zwischen dem Erreichten und dem Geforderten gibt. Bei Bedarf kann ich unterstützen und dem Team helfen, die Differenz rechtzeitig aufzuarbeiten.

Was ich auch nutze, sind Übungsaufgaben. Die verteile ich immer erst nach einiger Zeit, wenn die Lernteams sich ins Thema eingearbeitet haben. So haben die Teams die Möglichkeit, ihr Wissen zu überprüfen und frühzeitig festzustellen, wo es ggf. noch Nachholbedarf gibt. Wir besprechen die Übungen im Anschluss entweder im Team oder mit der gesamten Klasse, wodurch ich eine weitere Feedbackschleife mit den Schüler:innen habe und herausfinden kann, ob jemand noch Unterstützung benötigt.

Laura: Welchen Herausforderungen bist du begegnet und wie hast du sie gemeistert?

Die Länge der Sprints (Lernzyklen) war am Anfang meine größte Herausforderung. Ich musste erst ausprobieren, was für mich und meine Schüler:innen gut passt und mit Blick auf die zeitlichen Kapazitäten sinnvoll ist. Ich habe dann festgestellt, dass fünf Unterrichtsstunden pro Woche für einen Sprint prima funktionieren. Es gibt immer ein Überthema, zu dem sich die Lernteams pro Sprint neues Wissen und Inhalte erarbeiten. Auch beim Taskboard (Lerntafel) mussten wir erst verschiedene Optionen ausprobieren, bevor wir das für uns passende Model fanden. Haptische Taskboards, die im Klassenzimmer hängen, haben nicht gut funktioniert. Wir haben dann verschiedene digitale Tools ausprobiert, z. B. Trello. Jetzt haben wir eine eigene Lösung gefunden, die fast ohne personenbezogene Daten funktioniert. Wir nutzen das Open-Source-Programm WEKAN.

Laura: Was sagen denn eigentlich deine Schüler:innen zu dieser neuen Art zu lernen?

Die 12. Klassen sind ganz schnell darauf angesprungen, obwohl ich bei dieser Gruppe zunächst etwas Bammel hatte. Schließlich sitzen hier die erfahrensten Schüler:innen, die auch schon Berufserfahrung mitbringen. Daher war ich auf die erste Review (Feedback-Runde) und die Retro (Rückschau) sehr gespannt. Erfreulicherweise war das Feedback fast ausschließlich sehr positiv. Sehr gefallen hat ihnen das selbstständige Arbeiten in den Lernteams, sie hatten richtig Spaß dabei.

In den 11. Klassen war es am Anfang etwas anders. Die waren an diese Art der Zusammenarbeit nicht gewöhnt, viele waren skeptisch und mussten sich in das neue Lernen erst einfinden. Einigen Teams fiel es schwer, selbst Verantwortung für ihren Lernerfolg zu übernehmen und die Frage „Wann können wir wieder normalen Unterricht machen?“ wurde öfters gestellt.

Wir haben uns Zeit genommen, um die Frage zu diskutieren: „Was ist für euch normaler Unterricht?“ Am Ende haben wir einen schönen Kompromiss gefunden: Wenn die Klasse das Bedürfnis nach einem Input durch mich als Lehrkraft hat, weil z. B. wichtige Prozesse unklar sind oder ein Lernteam bei einer Problematik nicht weiterkommt, dann schaffen wir den Raum für ein Lehrgespräch. Zwei bis drei Mal ist das auch passiert, aber spannenderweise wurde das Bedürfnis mit jedem Review (Feedback-Runde) weniger.

Laura: Was beobachtest du bei deinen Schüler:innen mit Blick auf ihren Lernerfolg?

Ich bin extrem begeistert, wie schnell, selbstständig und eigenverantwortlich die Schüler:innen mittlerweile lernen und was für tolle Ergebnisse sie erzielen und präsentieren. Ein so komplexes Thema wie DSGVO und Datenschutz haben sie sich z. B. in nur 5 Unterrichtsstunden mit Scrum4Schools angeeignet und präsentiert. Sie wissen mittlerweile sehr genau, was sie lernen müssen, bringen es sich teilweise gegenseitig bei und am Ende müssen sie oft nur noch nach dem suchen, zu dem noch keiner im Team etwas weiß. Und das kriegen sie richtig gut hin. Ich war begeistert, was ich für Präsentationen bekam, und habe meinen Schüler:innen das Feedback gegeben, dass sie sie genauso gut beim Kunden hätten halten können. Das Lernziel wurde zu 120 % erreicht.

Es ist toll zu sehen, wie sie an sich selbst wachsen und ihre Kompetenzen ausbauen. Manchmal fühle ich mich ganz komisch, wenn ich im Online-Unterricht nichts von den Lernteams höre, weil sie in ihren Breakout-Sessions arbeiten. Manchmal frage ich nach, ob alles okay ist, und dann kommen solche Präsentation raus. Daran merke ich, dass die Methode funktioniert.

Du willst im Unterricht ebenfalls mit Scrum4Schools arbeiten?

Dann komm zu einem unserer Methodentrainings und erfahre, wie du als Lehrkraft deine Schüler:innen mit Scrum4Schools befähigen kannst, in selbstorgansierten Lernteams zu arbeiten. Das Training bietet einen idealen Einstieg in agile Lernformate. Aktuelle Termine findest du auf unserer Homepage.

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Titelbild: Brooke Cagle, Unsplash

Geschrieben von

Laura Vollmann-Popovic Laura Vollmann-Popovic Die Themen Bildung und Beteiligung beschäftigen Laura Vollmann-Popovic schon sehr lange. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Schulen zusammen und unterstützt Schüler:innen und Lehrerkräfte dabei, Bildungsprozesse aktiv mitzugestalten. Der erste Schritt dahin: den Spaß am Lernen in die Klassenzimmer bringen! Als Trainerin für Scrum4Schools unterstützt Laura junge Menschen dabei, Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen, ihre Teamfähigkeit, Selbstsicherheit, Kreativität und Sozialkompetenzen zu stärken und Schule zu einem Ort zu machen, an dem man gemeinsam fürs Leben lernt. Ihr Talent, Menschen für Neues zu begeistern, setzt sie auch privat ein und organisiert u. a. politische Studienreisen nach Bosnien und Herzegowina. Gemeinsam mit Anna Czerny, Program Manager für Scrum4Schools in Österreich, hat sie ehrgeizige Pläne für Scrum4Schools.

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