Mit Scrum4Schools dem Weltraum auf der Spur

Laura Vollmann-Popovic interviewt die Schülerinnen Selma Kreutzer und Marie Leverenz

Im September 2021 fragte mich Schulleiter Gert Mengel von der Don-Bosco-Schule Rostock, ob ich nicht Lust hätte, ein digitales Pilot-Projekt des Bildungsstartups teech GmbH mit der agilen Lernmethode Scrum4Schools zu begleiten. Bei dem Projekt handelte es sich um einen sogenannten teech circle zum Schwerpunktthema „Zukunftsforschung“, den Gert Mengel über ein Schulhalbjahr betreuen würde, idealerweise mit Unterstützung einer externen Expertin. Ziel des teech circles ist es, Schüler:innen unterschiedlicher Schulen entsprechend ihrer Interessen in genau den Projekten zusammenzubringen, für die sie brennen. Durch die Einbeziehung externer Expert:innen haben die Schüler:innen zudem die Gelegenheit, von und mit diesen zu lernen. Das klang nach einer spannenden Möglichkeit für mich, direkt mit Schüler:innen zu arbeiten und ihnen agiles Arbeiten im Rahmen eines konkreten Projekts näherbringen zu können.

Kann Raumfahrt nachhaltig sein?

Unser teech circle setzte sich aus drei Schülerinnen unterschiedlicher Schulen, einem Lernbegleiter (Gert Mengel) und einer externen Expertin (mir) zusammen. Seit September 2021 trafen wir uns jeden Donnerstag für 1,5 Stunden, um gemeinsam zu arbeiten und nutzten dafür die agile Lernmethode Scrum4Schools. Die Schülerinnen wählten für ihren teech circle die Forschungfrage „Kann Raumfahrt nachhaltig sein?“.

In diesem Blog-Beitrag sprechen zwei Schülerinnen unseres teech circles mit mir über ihre Erfahrungen mit Scrum4Schools: Marie (15 Jahre) und Selma (16 Jahre). Beide besuchen die Don-Bosco-Schule Rostock und haben mich schon alleine dadurch beeindruckt, dass sie sich über ein halbes Jahr committet haben, zusätzlich zum Regelunterricht an diesem Projekt mitzuwirken.   

Selma und Marie, was hat euch eigentlich dazu bewogen, freiwillig und außerhalb der Schulzeit an dem teech circle zum Thema „Zukunftsforschung“ teilzunehmen?

Selma: Vor allem die Zusammenarbeit mit Schüler:innen anderer Schulen und Länder hat mich sehr interessiert. Ich fand es sehr gut, dass man in dem Projekt eine Wahl zwischen einzelnen Themen hatte, mit denen man dann arbeiten konnte. Wie eine Art freiwilliges Schulfach, zu dem man hingeht, weil es einem Spaß macht.

Marie: Bei mir war es ähnlich. Das Angebot wurde von unserer Schule bereitgestellt und es klang spannend und hat direkt meine Aufmerksamkeit geweckt. Auch für mich war der Aspekt mit neuen Menschen zusammenarbeiten und diese kennenlernen zu können ausschlaggebend.

Ihr habt im Rahmen des teech circles nun erstmals mit einer agilen Lernmethode gearbeitet. Wie hat euch die Arbeit mit Scrum4Schools gefallen? Was fandet ihr besonders gut? Womit hattet ihr aber vielleicht auch Schwierigkeiten?

Marie: Ich fand die Freiheit, die uns Schülerinnen gegeben wurde, toll. Sowohl bei der Themenwahl, als auch bei der Frage WIE wir unser Lernprodukt ausgestalten und erarbeiten möchten. Mir hat das unglaublich beim kreativen und eigenständigen Denken geholfen, da nicht alles von vornherein vorgegeben war, wie in der Schule. Die Prinzipien, denen Scrum4Schools folgt, waren für mich leicht zu verstehen und super umsetzbar. Aber auch die Möglichkeit der digitalen Umsetzung eines Scrum4Schools-Projekts haben mich begeistert. Durch die Nutzung von Miro konnten wir z. B. super von unterschiedlichen Orten (Rostock, Berlin und Bonn) zusammenarbeiten. Das hat mir noch einmal den enormen Vorteil digitaler Tools für die Zusammenarbeit in Teams verdeutlicht. Wirkliche Schwierigkeiten gab es für mich nicht, da du uns gut durch die Arbeitstreffen geführt und die agilen Prinzipien immer erklärt hast.

Selma: Mir hat das Arbeiten mit Scrum4Schools auch sehr gut gefallen. Das eigenständige Arbeiten und das selbstständige Erschließen von Arbeitsschritten waren eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag. Normalerweise findet viel Frontalunterricht statt oder wir müssen vorgegebene Aufgaben lösen. Aber in diesem Projekt konnten wir selbst entscheiden, worüber wir während unserer Arbeitstreffen reden wollten oder was unsere nächsten Schritte sein sollten. Das hat mir besonders gut gefallen.

Was diese Methode jedoch auch unterstützt hat, war eine klare Struktur, auf die wir durch deine Moderation der Arbeitstreffen immer wieder zurückgekommen sind. Beispielsweise die Check-in- oder Check-out-Runden und unsere Team-Retrospektiven. So war es unser Projekt, aber mit einem klaren roten Faden, der uns immer wieder beim Arbeiten geholfen hat. Genau wie Marie hat mir außerdem der Umgang mit digitalen Tools sehr gut gefallen, beispielsweise dem Miro-Board oder MS Teams, über das wir die Zusammenarbeit und Kommunikation gesteuert haben. Aus diesen Erfahrungen konnte ich besonders viel mitnehmen.

Auf der anderen Seite fand ich es schwierig, in so kurzer Zeit ein Team zu bilden, das effektiv arbeiten kann. Manchmal gab es Unstimmigkeiten oder Unterbrechungen, die dazu geführt haben, dass sich die Recherche oder die Arbeit in die Länge gezogen haben. Im Rahmen der Team-Retrospektiven haben wir aber versucht, das kontinuierlich zu verbessern.

Was sind eurer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen der Projektarbeit mit Scrum4Schools und „normalem Unterricht“?

Selma: Der größte Unterschied war für mich die Umstellung zum eigenständigen Arbeiten. Es ist einfach ungewohnt, zu recherchieren oder Aufgaben zu erledigen, die nicht von der Lehrkraft vorgegeben wurden, sondern die man sich selbst vorgenommen hat. Dieses Pull-Prinzip hat mich aber positiv überrascht, denn sich selbst Themen auszuwählen, Aufgaben zu ziehen und selbst die Vorgehensweise zur Erreichung des gemeinsamen Ziels festzulegen, war sehr abwechslungsreich. Die Arbeit mit Scrum4Schools war vielfältig und hat Spaß gemacht. Was außerdem einen großen Unterschied gemacht hat, war das Verhältnis zwischen uns Schülerinnen, dir als externer Expertin und Gert Mengel als Lernbegleiter (und mein Schulleiter). Aufgrund des lockeren Umgangs miteinander (alle haben sich z. B. geduzt) fand ich die Arbeitsatmosphäre immer sehr entspannt und angenehm.

Marie: Bei mir war es, wie schon gesagt, die Selbstständigkeit und Freiheit, mit der wir arbeiten und lernen konnten. Anders als in der Schule wurden uns keine Aufgaben erteilt, sondern wir Schülerinnen haben als Team entschieden, was gemacht werden muss, damit wir unser Ziel erreichen und das Lernprodukt am Ende erstellen können. Die Aufgaben haben wir dann untereinander gerecht und im gegenseitigen Einverständnis aufgeteilt. Es gab keine Ansagen im Sinne von: „Das MUSS jetzt gemacht werden.“ Auch der Umstand, dass keine Bewertung oder Benotung vorgesehen ist, hat den Druck rausgenommen, was eine schöne Abwechslung war.

Wie fändet ihr es, wenn eure Lehrer:innen den Unterricht immer mit agilen Lernmethoden wie Scrum4Schools gestalten würden?

Selma: Ich denke, es wäre ein guter Ausgleich, wenn die Lehrer:innen zwar nicht nur noch mit dieser agilen Lernmethode arbeiten, aber den „normalen“ Unterricht immer mal wieder mit Scrum4Schools durchführen würden. So könnten sich die Schüler:innen auch mal selbst Aufgabenbereiche erschließen und hätten aber trotzdem immer Lehrkräfte, die ihnen zur Seite stehen. Vielleicht wäre eine Mischung aus den verschiedenen Methoden ein Kompromiss, um den Unterricht für Schüler:innen interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten.

Marie: Ich denke auch, dass eine stärkere Nutzung von Scrum4Schools im Unterricht gut wäre, da es ein schönes Miteinander und stärkeres Gemeinschaftsgefühl fördert. Auch für das selbstgesteuerte und interessengeleitete Erlernen von Themen bietet es sich sehr gut an. Ich finde es klasse, dass man im Team arbeitet und gemeinsam ein Produkt bzw. Ergebnisse entwickelt, bei dem jede:r seine individuellen Stärken einbringen und entfalten kann.

Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass ich mir eine ausschließliche Nutzung von Scrum4Schools noch nicht vorstellen kann. Ich persönlich befürworte ein Schulsystem mit Bewertungen durch Noten, da es mir selbst einen guten Überblick gibt, wo ich mich verbessern kann. Ich fühle mich dadurch nicht unter Druck gesetzt und bin der Meinung, dass ich auch nur aus diesem Grund zur Schule gehe. Hinzu kommt, dass es für mich und meinen Jahrgang wahrscheinlich zu spät ist, ohne Noten zu arbeiten, denn wir benötigen diese, um durch das Abitur zu kommen. Andererseits sollte das niemanden davon abhalte, sich für jüngere Generationen für eine Schule ohne Noten einzusetzen. Darin sehe ich durchaus auch Vorteile, wenn Schule von anfang an so gestaltet wäre. (Anmerkung: Noten sind bei Scrum4Schools im Unterricht nicht ausgeschlossen, sondern eher die Regel. In unserem konkreten Projekt spielten Noten jedoch keine Rolle.)

Habt ihr die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden während des Scrum4Schools-Projektes anders wahrgenommen als im Regelunterricht? Was ist euch aufgefallen?

Marie: Ich habe unseren Schulleiter auf jeden Fall besser kennengelernt und ihn in einer neuen Rolle erleben dürfen. Da ich ihn im Unterricht bisher nicht hatte, kann ich aber keinen Vergleich zwischen dem Regelunterricht und dem Lernen mit Scrum4Schools ziehen. Was deine Rolle als Lehrende im Projekt angeht, so konnte ich aber wirklich deutliche Unterschiede gegenüber Lehrkräften an unserer Schule feststellen – im positiven Sinne. Du hast die neue Lernmethode sehr gut erklärt und uns durch den kompletten Prozess begleitet. Das hat mir Sicherheit gegeben und die Möglichkeit, mich selbst auszuprobieren.

Ich habe die Zusammenarbeit im teech circle als viel schöner als Unterricht empfunden. Und ich konnte mich selbst von einer ganz anderen Seite kennenlernen und habe festgestellt, dass ich mich oft selbst unterschätze. Jetzt bin ich mir meiner eigenen Stärken bewusster geworden, was sich wirklich gut anfühlt. Was ich auch spannend fand, war, dass mich andere Menschen aus der Schulgemeinschaft (Klassenkammerad:innen, aber auch meine Klassenlehrerin) auf das Projekt angesprochen haben. Es bestand also auch ein gewisses Interesse an dem, was wir tun, über unseren teech circle hinaus.

Selma: Da ich weder mit dir noch mit Gert Mengel vorher zusammen Unterricht hatte, ist das für mich schwer zu beurteilen. Mir ist aber aufgefallen, dass sich die Lehrkraft bei Scrum4Schools stark zurücknimmt und darauf achtet, keine Aufgaben zu verteilen. Ich kann mir vorstellen, dass das gar nicht so einfach ist, wenn man bedenkt, dass sonst von ihnen ein ganz anderes Verhalten verlangt wird. Ich glaube sogar, dass es vielen schwerfällt, keine Aufgaben zu verteilen oder den Schüler:innen vorzuschreiben, was sie tun sollen. Seit Jahren arbeiten sie nur mit dieser einen Methode. Da ist es verständlich, wenn nicht gleich alles so funktioniert, wie Scrum4Schools es verlangt. Gerade deshalb fand ich die Erfahrung interessant, auch mal anders mit Lehrenden zu kommunizieren und zu arbeiten.

Welche Verbesserungsvorschläge habt ihr?

Selma: Für kommende Jahrgänge, die auch dieses Angebot wählen können, würde ich mir wünschen, dass das Projekt von Anfang an etwas transparenter gemacht wird. Zu Beginn des Schuljahres wusste ich nicht ganz, was mich erwartet. Auch die ersten Meetings waren eher zum Kennenlernen von teech als zum Arbeiten an unserem Projekt. Ich hätte vorher außerdem gerne gewusst, wie groß die Altersspanne der Teilnehmer:innen ist. Ansonsten denke ich, dass die kleinen (technischen) Startschwierigkeiten und Verzögerungen darauf beruhten, dass wir die ersten sind, die dieses Projekt ausprobieren durften.

Marie: Ich fände es schön, wenn es gelänge, noch mehr Menschen für solche Projekte und besonders die Lernmethode Scrum4Schools zu begeistern oder darüber aufzuklären.

Gibt es noch etwas, das ihr uns und unseren Leser:innen mitteilen möchtet?

Selma: Ich hoffe, dass die Bildungsinitaitive mit der Lernmethode von Scrum4Schools weiter wächst und irgendwann im normalen Unterricht genutzt wird. Das würde den Schulalltag deutlich abwechslungsreicher machen.

Marie: Ich möchte gerne allen jungen Menschen sagen: Falls ihr die Möglichkeit bekommt, mit einer agilen Lernmethode wie Scrum4Schools zu arbeiten, nutzt sie! Man bringt sich selbst weiter und lernt, noch besser mit anderen zu arbeiten. Zudem sammelt man reichlich neue Erfahrungen und kann anderen auch etwas Gutes tun. Außerdem macht es reichlich Spaß!

Laura: Ihr beiden, vielen lieben Dank für das tolle Gespräch.

Titelbild: Serafin Reyna, Unsplash

Geschrieben von

Laura Vollmann-Popovic Laura Vollmann-Popovic Die Themen Bildung und Beteiligung beschäftigen Laura Vollmann-Popovic schon sehr lange. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Schulen zusammen und unterstützt Schüler:innen und Lehrerkräfte dabei, Bildungsprozesse aktiv mitzugestalten. Der erste Schritt dahin: den Spaß am Lernen in die Klassenzimmer bringen! Als Trainerin für Scrum4Schools unterstützt Laura junge Menschen dabei, Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen, ihre Teamfähigkeit, Selbstsicherheit, Kreativität und Sozialkompetenzen zu stärken und Schule zu einem Ort zu machen, an dem man gemeinsam fürs Leben lernt. Ihr Talent, Menschen für Neues zu begeistern, setzt sie auch privat ein und organisiert u. a. politische Studienreisen nach Bosnien und Herzegowina. Gemeinsam mit Anna Czerny, Program Manager für Scrum4Schools in Österreich, hat sie ehrgeizige Pläne für Scrum4Schools.

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