Nachhaltige Banken: 6 Fokuspunkte für die Transformation

Die Bedeutung von ESG im Bankensektor nimmt seit zwei Jahren stark an Bedeutung zu. Einerseits werden die Banken aufgrund der Regulatorik zum nachhaltigen Wirtschaften gezwungen und andererseits wird von den Kund:innen von Morgen eine sozial-ökologische Ausrichtung der Banken als selbstverständlich erachtet. Um vom Getriebenen zum Treiber zu werden, brauchen Banken eine neue Ausrichtung, in der die Orientierung am Menschen, der Netzwerkgedanke und neue Kennzahlen in den Fokus gestellt werden. Wenn Banken beginnen, im Kern nachhaltig zu denken, sich sozial-ökologisch positionieren und jetzt bereits die notwendige Expertise aufbauen, werden sie als ESG-Vorreiter frühzeitig auch ökonomisch von der Neuausrichtung profitieren.

Doch wird dies auch von den Banken bereits so wahrgenommen? Sehen sie ESG und Nachhaltigkeit tatsächlich als Chance für die ganzheitliche Trasformation oder nur als eine weitere regulatorische Last, die nun schrittweise auf sie zukommt?

Diese Fragen diskutierten die Gastgeber:innen Lucia Stiglmaier, Dijana Susilovic (borisgloger consulting) sowie Wolfgang Wainig (Freibanker) in ihrem Webinar vom 24. Februar 2022 “OILA – ESG als Once in a Lifetime Opportunity für die ganzheitliche Transformation in Banken” mit Entscheidungsträger:innen aus der österreichischen und deutschen Bankenwelt. Das Resultat waren zahlreiche Denkanstöße. Daraus leite ich 6 wesentliche Fokuspunkte für die Nachhaltigkeitstransformation ab:

1. Das Ziebild

„Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur lösen durch ein Bild von der Zukunft, die wir wollen.“

Dirk Kannacher, Vorstand der GLS Bank

Menschen lieben Struktur und Stabilität. Deshalb halten wir gerne an unseren Gewohnheiten fest und begegnen allem, was neu ist, vorerst mit Ablehnung oder Widerstand. Banken und Finanzinstitute wissen, dass Nachhaltigkeit wichtig ist, und grundsätzlich wollen alle einen Beitrag leisten – das liegt in der Natur des Menschen. Dennoch fehlen häufig die Motivation und Begeisterung, die wirklich für die Veränderung anspornen.

Doch warum ist das so? Häufig sei es das fehlende Zielbild, das die Menschen in den Unternehmen zurückhält und immer wieder in die alten Gewohnheiten zurückdrängt, sind sich die Expert:innen einig. Sind das Ziel und vor allem das dazugehörige WARUM hingegen klar, glaubhaft und inspirierend, dann ist auch die Bereitschaft, tatsächlich etwas zu verändern, eine ganz andere. Anstatt der Risiken und Unsicherheiten, die zuvor im Vordergrund waren, rücken die Chancen und Möglichkeiten in den Fokus. Die Diskussionsrunde ist sich einig: Ein klares Zielbild, aber vor allem der Glaube an dieses Bild, wird den Banken helfen, alte Gewohnheiten zu verlassen und etwas Neues starten zu können.

2. Die Freiwilligkeit

„Eine Transformation funktioniert nur, wenn Freiwilligkeit da ist. Mit Zwang oder Pflicht wird nie das erreicht werden können, was durch Freiwilligkeit erreicht werden kann.“

Lucia Stiglmaier, Beraterin bei borisgloger

Weder die Mitarbeiter:innen noch die Kund:innen können gezwungen werden, bei einer Transformation mitzumachen, sondern können nur freiwillig einer Einladung folgen, berichtet Lucia Stiglmaier aus ihrer Erfahrung mit Unternehmenstransformationen. Von den Mitarbeiter:innen werde eine solche Einladung besonders gut angenommen, wenn sie vom Top-Management kommt und dabei die Dringlichkeit und Wichtigkeit der Transformation klar wird. Authentizität ist entscheidend, denn nur wenn diejenigen, die etwas predigen, dies auch tatsächlich leben, werden die Menschen ihrer Einladung folgen.

3. Der Mensch

„Frage an alle Bankmanager:innen: Wann wart ihr das letzte Mal beim Kunden und habt gefragt, was er oder sie wirklich braucht?“

Dirk Kannacher, Vorstand der GLS Bank

Was wollen die Kund:innen wirklich? Was bewegt, verunsichert, beängstigt oder begeistert sie? Was sind ihre tatsächlichen Bedürfnisse und Probleme und wie können diese bedient werden? Das sind die Fragen, mit denen sich Banken nun ganz stark auseinandersetzen sollen. Doch werden diese Fragen auch tatsächlich in der Praxis gestellt? „Immer erst dann, wenn die Arbeit gemacht gewesen ist, sind wir zu den Menschen rausgefahren und haben über ihre Probleme gesprochen und Lösungen gesucht. Doch wie können Bankmanager:innen ihre Dienstleistung in Zukunft so ausrichten, dass Kundenfokus ins Zentrum ihres Handels rückt?“, stellt Dirk Kannacher in den Raum.

Aktiv ZUHÖREN ist das Schlagwort, das in der Diskussionsrunde immer wieder fällt. Aber nicht nur in Bezug auf Kund:innen, sondern – ganz wichtig – auch in Bezug auf die Mitarbeiter:innen. Denn was soll dabei herauskommen, wenn Banken neue Angebote schaffen, die Kund:innen wirklich brauchen, jedoch ihre Mitarbeiter:innen nicht miteinbezogen werden und diese nicht vermitteln können? Die Orientierung am Menschen, sowohl auf Kunden- als auch auf Mitarbeiter:innenseite, wird in Zukunft für eine erfolgreiche und nachhaltige Zukunft der Banken noch viel mehr an Bedeutung gewinnen. 

4. Die Messbarkeit

„Wenn ich nun neue Themen, wie nachhaltige Projekte besetzen möchte, dann muss ich mich bei meiner Steuerung auch genau auf diese neuen Themen und Projekte fokussieren. Damit ändere ich die Richtung meiner Aufmerksamkeit und letztlich auch mein Verhalten. Ich muss also in meine Steuerungssystematik bis hin zu den KPIs die Aspekte Kundenorientierung, Wertstiftung und Nachhaltigkeit mit aufnehmen.“

Christiane Decker, Partnerin bei Freibanker

Christiane Decker war in ihrer Tätigkeit als Vorständin mit der Herausforderung konfrontiert, dass die traditionellen Steuerungssysteme der Banken hauptsächlich darauf ausgerichtet sind, Rentabilität bzw. Ertrag sowie Effizienz bzw. Kosten zu messen. Wenn eine Bank nun nachhaltig transformiert werden soll, ist eine ganz andere Herangehensweise gefordert, denn die klassischen KPIs können die nachhaltige Wirkung im Portfolio nicht adäquat abbilden. Vielmehr müssen die finanziellen, klassischen Steuerungskennzahlen um innovative, nicht-klassische KPIs erweitert werden.

Neben den Vorgaben der EU-Taxonomie (z. B. Angabe des Anteils der Umsatzerlöse, der mit ökologischen Produkten und Dienstleistungen erzielt wird) können weitere Kennzahlen wie Energieratings, Verbrauch natürlicher Ressourcen im Unternehmen, CO2-Fußabdruck der IT, Recyclingquote etc. eingeführt werden. Das hilft den Unternehmen, das Bewusstsein und die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit und ESG in der Steuerung zu schärfen. Denn nur was gemessen und beobachtet wird, kann auch gesteuert werden.

5. Die Netzwerke

„Wir brauchen keine Lösungen mehr, die einer allein umsetzt, sondern starke Netzwerke, Gemeinschaften und Kooperationen, um gemeinsam die Ziele in Bezug auf ESG und Nachhaltigkeit erreichen zu können.“

Wolfgang Wainig, Gründer und Partner bei Freibanker

Wenn die Nachhaltigkeitsthemen in den Banken stärker werden, wird auch der Gemeinschafts- und Netzwerkgedanke in den Vordergrund rücken, meinen die Expert:innen.

Es gilt also, Geschäftsmodelle für Banken zu entwickeln, die ihre Stakeholder näher zu sich bringen und ein gemeinsames Ökosystem schaffen, wo ständige Interaktion möglich ist. Dadurch können Expertisen aus den unterschiedlichsten Bereichen vereint und Synergien genutzt werden. Es muss also nicht mehr alles von allen alleine gemacht werden, sondern jede:r leistet einen Beitrag mit dem, was er oder sie am besten kann. Durch den Einbezug der unterschiedlichsten Perspektiven und Meinungen (z. B. von Kund:innen, Investor:innen, weitere Stakeholder) können völlig neue Geschäftsmodelle und Innovationen entstehen. Die Devise lautet: Weg vom Konkurrenzdenken, hin zum Gemeinschaftsdenken.

6. Die Agilität

„Vor allem bei einem sich schnell ändernden Umfeld, bei zeitlichem Druck und hohen Unsicherheiten können agile Methoden Struktur schaffen.“

Dijana Susilovic, Beraterin bei borisgloger

Dass die Nachhaltigkeitstransformation grundsätzlich als herausfordernd wahrgenommen wird, zeigt das Ergebnis dieser Mentimeter-Umfrage im Plenum deutlich:

Die Transformation erlebe ich als:

Wie kann dieser Herausforderung am besten begegnet und die Transformation durchgeführt werden? Agile Strukturen können Abhilfe schaffen und die Antwort auf das „Wie“ sein, sind sich die Gastgeber:innen einig. Während vor einigen Jahren Agilität noch vornehmlich mit IT-Projekten in Zusammenhang gebracht wurde, setzen nun vermehrt auch Finanzdienstleister darauf. Vorreiter sind beispielsweise Start-up-Unternehmen wie Robinhood, N26, Wise oder die niederländische Bank ING.

Doch wie können Nachhaltigkeitstransformationen mit Agilität konkret bewältigt werden? Zu Beginn werden die Anforderungen an die Transformation ermittelt und eine starke Vision entwickelt. Für die Umsetzung werden selbstorganisierte, multidisziplinäre Teams geformt, für die hohe Transparenz und Entscheidungsfreiheit charakteristisch sind. Diese Teams arbeiten an kleinteiligeren (z. B. überarbeiten sie nicht gleich das ganze Portfolio einer Bank, sondern entwickeln einzelne Produkte) und dafür rascheren Lieferungen in kurzen Abständen. Dadurch erhalten sie schnelleres Feedback von den Kund:innen und können die Produkte kontinuierlich verbessern.

Der Einbezug der Kund:innen ist ein entscheidender Pfeiler: Durch die Kollaboration mit Endnutzer:innen können innovative und vor allem nachhaltige und zukunftsfähige Produkte, Dienstleistungen und Prozesse erarbeitet werden.

Was tun wir jetzt?

Christoph Auer von den Freibankern bringt es im Check-out auf den Punkt:

„Wir sind oft zu komplex – im Kern geht es einfach nur ums Tun. Don’t waste the purpose – mit ESG haben wir einen starken Purpose! Das ist der wahre Treiber der ganzheitlichen Transformation. Und jetzt gilt es, das in die tatsächliche Umsetzung zu bringen.“

Christoph Auer, Partner bei Freibanker

Ich glaube fest daran, dass ESG eine große Chance für eine ganzheitliche Transformation der Banken ist. Nicht nur um sich neu zu positionieren und als Vorreiter des grünen Wandels an Reputation zu gewinnen, sondern vor allem, weil Banken das Potenzial besitzen, maßgeblich Einfluss auf eine klimaneutrale Zukunft zu nehmen. Auch einige Stimmen von Teilnehmer:innen unterstreichen dies: „Wir brauchen mehr von solchen Abenden.“

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Titelbild: Towfiqu barbhuiya, Unsplash

Geschrieben von

Johanna Santner Johanna Santner „Jede Veränderung bringt eine Chance mit sich", davon ist Johanna Santner überzeugt. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass es gerade die unangenehmen Veränderungen sind, die meist das größte Potenzial für Wachstum und Entwicklung bergen. Dank ihrer authentischen Art und ihrer Gabe, sich in komplexe Situationen hineinzuversetzen, gelingt es ihr, Menschen und Organisationen bei genau solchen Veränderungen effektiv zu begleiten und zu unterstützen. Ihr besonderer Fokus liegt auf der ganzheitlichen, nachhaltigen Transformation von Banken und Finanzinstitutionen. Dabei schafft sie ein (Arbeits-)Umfeld, in dem Menschen sich wohlfühlen und das Beste für sich und das Unternehmen herausholen. In ihrer langjährigen Tätigkeit für einen internationalen Industriekonzern lernte sie die vielen Seiten und Facetten von Finanzabteilungen kennen: vom KMU-Geist in der Wiener Niederlassung bis zum internationalen Flair in der Konzernzentrale. Hier war es auch, wo sie ihre Begeisterung für Agilität entdeckte, als sie als Vermittlerin zwischen Teams agierte. „Als ich erstmals mit Agilität in Berührung kam, habe ich erkannt, dass wir durch Diversität und multidisziplinäre Teams, Transparenz und Offenheit, aber vor allem durch Mut, Dinge auch mal anders zu tun, viel mehr erreichen können“, sagt Johanna über diese Zeit. Die gebürtige Salzburgerin ist immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen – nicht nur in ihrer Tätigkeit als Beraterin, sondern auch als passionierte Sportlerin beim Bergsteigen, Klettern oder ihrem Yoga-Workout.

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