Scrum4Schools – IMS Maria Lanzendorf: Wo Jugendliche die Geschichte selbstorganisiert erforschen

Scrum4Schools ist in die nächste Runde gegangen – dieses Mal in Österreich. Samuel Plessing ist Geschichtslehrer an der Interessenorientierten Mittelschule (IMS) Maria Lanzendorf in Niederösterreich und er hat sich mit einer 4. Klasse (in Deutschland wäre das die 8. Klasse) auf das Experiment Scrum im Unterricht eingelassen. Kurzerhand hat er seinen Unterricht in den letzten Wochen vor dem Schulende umgestaltet.
Samuel Plessing schlüpfte dafür in die Rolle des Lehrmeisters (in Scrum: Product Owner), und formulierte sein Ziel klar: Da im Lehrplan der 2. Weltkrieg vorgesehen war, bekam jedes Lernteam den Auftrag, ein Büchlein mit Zeitzeugenberichten zu erstellen. „Mir war wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler durch den Kontakt mit noch lebenden Zeitzeugen ein besseres Bewusstsein für die Geschehnisse dieser Zeit entwickeln konnten“, beschreibt Samuel Plessing seine „Vision“. Jeweils vier bis fünf Schülerinnen und Schüler sollten an einem Büchlein arbeiten. Zur besseren Orientierung wurden Teilziele mit entsprechenden Anforderungen vorgegeben: Ein Teilziel war beispielsweise, über das Alltagsleben in den Jahren 1937 bis 1955 zu berichten. Als Anforderungskriterien wurde definiert, dass sich die Schüler dabei auf die Kindheit konzentrieren sollten, aus welcher Region der Zeitzeuge stammte und welche Veränderungen der Anschluss Österreichs mit sich brachte. Ansonsten durfte jedes Lernteam seiner Kreativität freien Lauf lassen und Bonuspunkte sammeln, denn am Ende des Sprints wurde im Klassenverband das beste Büchlein gekürt – die Sieger erhielten einen Preis.

Wie lief der Unterricht nach den Prinzipien von Scrum ab?

Zu Beginn jeder Arbeitseinheit, ob in der Schulstunde oder in einem selbst festgelegten Zeitfenster zuhause, traf sich jedes Lernteam zum Daily, um sich optimal abstimmen zu können: Welche Anforderungen wurden schon behandelt, was soll in der kommenden Einheit von wem erledigt werden und wo wird noch Hilfe benötigt? Am Beginn jeder neuen Woche fand ein Review statt, in dem jedes Lernteam seine Teilziele im Plenum präsentierte. Durch die unterschiedlichen Kompetenzen der Lernteam-Mitglieder fiel es zu Beginn nicht jedem Schüler leicht, sich auf diese neue Art des Arbeitens einzulassen. Der entstehende Teamspirit trug allerdings dazu bei, dass dieses Gefühl schnell verflog und die Schüler sich gegenseitig unterstützten und bestärkten.

Benotung: Die SchülerInnen entwickeln eine differenzierte Sicht auf Leistung

Am Ende des Sprints wurde jedes Teammitglied individuell benotet. Zunächst durfte jeder Schüler und jede Schülerin eine Selbsteinschätzung an Samuel Plessing kommunizieren, anschließend wurde gemeinsam im Team über die Benotung entschieden. Bei der individuellen Bewertung hatten sich einige Teammitglieder selbst eher schlechter bewertet als andere im Team – warum? Ein Schüler begründet dies damit, dass er weniger in Kontakt mit dem Zeitzeugen war als seine Teammitglieder. Aus seiner Perspektive hatte er weniger zum Produkt beigetragen. Doch was hier schön zu beobachten war: Die anderen Teammitglieder bestärkten den Schüler sofort und hoben hervor, dass er andere Teilaufgaben bearbeitet hatte, ohne die das gesamte Team nicht das liefern hätte können, was das Zeitzeugenbüchlein nun ausmachte. Die Schülerinnen und Schüler hatten also ein Gefühl dafür entwickelt, dass für eine gute Leistung – oder ein gutes „Produkt“ – weit mehr notwendig ist als das Offensichtliche und jeder Beitrag einen Wert hat.

Retrospektive: Lernen aus dem eigenen Tun

Am Sprintende waren viele tolle Zeitzeugenbüchlein entstanden und fast alle Jugendlichen konnten die Note 1 erzielen. Darüber hinaus hatte den Schülerinnen und Schülern das Arbeiten mit Scrum wahnsinnig viel Spaß bereitet. Samuel Plessing hat die Rückmeldung bekommen, dass den Jugendlichen vor allem das selbstorganisierte Arbeiten gefallen hat und damit die Möglichkeit, sich die Aufgaben selbst einteilen zu können. Auch dem Herrn Lehrer selbst machte der Unterricht nach agilen Prinzipien viel Freude, weil auch er über den Tellerrand hinausblicken konnte. Er war zunächst überrascht und dann motiviert davon, wie sehr das Teamwork in seiner Klasse aufgeblüht ist. Völlig verblüfft habe ihn das selbstorganisierte Arbeiten und Denken seiner Schülerinnen und Schüler, durch das ganz unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven zum Vor-schein kamen, die im normalen Frontalunterricht vermutlich verborgen geblieben wären. „Ich denke, wenn man die jungen Menschen schon in der Schule mit Vorgehensweisen wie Scrum arbeiten lässt, sind sie ziemlich gut auf die moderne Arbeitswelt vorbereitet“, ist Samuel Plessing überzeugt.
Das Gewinner-Team des Zeitzeugenprojekts hat übrigens einen Gutschein für den Wiener Prater bekommen, den es bei dem Ausflug einlösen konnte, den die Klasse zum Schulabschluss gemeinsam dorthin gemacht hat. An der Interessenorientierten Mittelschule in Maria Lanzendorf geht es im Herbst übrigens mit Scrum im Unterricht weiter: Eine zweite Klasse (6. Klasse in Deutschland) wird in Geschichte und Englisch damit arbeiten. Wir sind gespannt und werden berichten!

Foto: CC0 Creative Commons – pixababy, geralt

Scrum4Schools – auch die Schule darf Freude machen

 
Leonardo da Vinci soll gesagt haben, dass Studieren ohne Leidenschaft das Gedächtnis verdirbt – ohne Leidenschaft könne es nichts von dem behalten, was es aufnimmt. Und wer an seine eigene Schulzeit zurückdenkt, dem fällt vielleicht die eine oder andere Situation ein, in der man nicht immer mit Eifer dabei war: langweilige Themen, man musste mit dem ungeliebten Nachbarn zusammenarbeiten usw.
Wir wollen die Leidenschaft und Freude an Deutschlands Schulen zurückbringen.
Was würde passieren, wenn Schüler sogar vor dem Klingeln in den Unterricht starten oder sich freiwillig Hausaufgaben geben? Was würde passieren, wenn Lehrer sechs Wochen vor Ende des Schuljahres mit dem vorgegebenen Lehrplan fertig wären und Zeit hätten, sich der individuellen Herausforderungen ihrer Schüler anzunehmen? Wie das funktionieren kann, wollen wir mit 10 Pilotprojekten zeigen.
Gemeinsam mit befreundeten Kollegen aus dem In- und Ausland möchten wir die Schule anpassungsfähiger machen. Scrum4Schools als Rahmenwerk soll dabei als Grundlage dienen. Kleine, selbstorganisierte Gruppen bestimmen ihren eigenen Weg, der in die Richtung der gegebenen Lernziele führt. Für Lehrer und Schüler ist das eine Alternative zu bisherigen Unterrichtsformen.
“Scrum4Schools” ist eine Lernform, bei der Lernteams innerhalb eines festen Rhythmus Aufgaben lösen. Die einzelnen Schritte werden von den Teams dabei völlig selbstständig geplant. Der Lehrer/die Lehrerin legt das Lernziel fest und steht den Schülern beratend zur Seite, die sich selbst um die Erarbeitung des Wissens kümmern. Mit Scrum4Schools übernehmen die Schüler also selbstständig mehr Verantwortung für ihren Lernprozess. Die Folge davon sind intrinsische Motivation, Freude, persönliches Wachstum und bessere Resultate.
Lernen als selbstgewählte Herausforderung ist ein Schlüsselelement von Scrum4Schools. Die Ziele sind: effektiver zu lernen und sich selbst besser einschätzen zu können (Wer bin ich, was kann ich?). Gleichzeitig lernen die Schüler, im Team zu arbeiten und den Wert der Fähigkeiten ihrer Mitschüler zu schätzen. Sie machen die Erfahrung, dass Lernen nicht nur Kraft geben kann, sondern dass sie gemeinsam bessere Resultate erreichen können. Gemeinsam mit anderen etwas erreichen zu wollen, sich dabei einzubringen und Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen, ist auch eine wichtige Fähigkeit für die Arbeitswelt, in der agile Arbeitsweisen inzwischen zum Alltag gehören.
In den kommenden Wochen werden wir hier das Konzept hinter Scrum4Schools ausführlich erläutern und freuen uns auf Fragen, Anregungen und Diskussionen.