Berater-Identität oder wo stehe ich im Spannungsfeld zwischen Rolle, Auftrag und Kunde?

Ein wunderbarer Beitrag von Bernd Krehoff („Vom Glauben und sich einlassen“) hat mich angeregt, auf dieses spannende Thema noch mal von einer anderen Perspektive aus einzugehen. Berater, aber auch Change Manager aller Art, haben, bezogen auf ihre Aufgabe, eine spezifische Rollenidendität. Diese Identität ist gespeist und geprägt von bewussten und unbewussten Wertvorstellungen, Glaubenssätzen und biographischen Erfahrungsinhalten und steuert Handeln und Verhalten. Rollenidendität ist somit zum einen definiert durch die faktischen Rollenanforderungen (erworben größtenteils in Ausbildungen) und zum anderen durch individuelle Vorprägungen. Diese Konstellation erfordert es von Beratern oder ähnlichen Dienstleistern, ihr Rollenverständnis immer wieder subjektiv zu reflektieren, zu hinterfragen und ggf. zu modifizieren. Berater werden zuallererst eingekauft, um Probleme zu lösen und Entwicklung (mit) zu gestalten, Wissensvorsprung einzubringen und trotzdem den Kunden „mitzunehmen“.

Die Rolle des Beraters bewegt sich permanent im Spannungsfeld zwischen der Orientierung an Menschen und der Orientierung an der Fachlichkeit. In den vier Feldern der Abbildung kann man seine  jeweils individuelle Rollenidentität im Sinne von vier Rollenmustern einordnen. Diese Struktur bietet sich damit als ein brauchbares Modell zur Selbstreflektion für Beraterrollen an.

Wer bin ich?

Ist die Orientierung an den Menschen/Kunden sehr aus geprägt, die Fachlichkeit gegebenenfalls zurückgestellt, definiert dieses Modell die Beraterrolle als “Freund”. Die Rollenmuster zeigen sich in einem starken Interesse an gutem Kontakt zu den Kunden und einem hohen Maß an Empathie, Geduld und Flexibilität. Die Ausgangslage, Bedürfnisse und Wünsche des Kunden werden in hohem Maße respektiert und eigene Konzepte ggf. (auch wenn man’s besser zu wissen glaubt) modifiziert und zurückgestellt. Grundsätzlich ist die “Freund-Identität” eher auf Konfliktvermeidung, Harmonie und Kompromisse ausgerichtet. In den Interaktionen spielt auch Emotionalität ein wesentliche Rolle
Zeigt die Ausprägung im Rollenverständnis stark in Richtung Fachlichkeit und ist der Fokus auf Menschen eher gering, definiert dies die Rollenidentität als “Fachspezialist“. Hier dominiert das  spezifische Wissen und Know-how und der starke Glaube an der Richtigkeit der eigenen Vorstellungen und Konzepte. Die (fachlich-sachliche) Welt wird in “richtig oder falsch” eingeteilt. Widerstände werden als feindselig wahrgenommen und als Fachspezialist mit z.T. missionarischer Überzeugungskraft gekontert. Das berufliche Handeln ist sehr rational ausgerichtet.
Sind sowohl Fach- als auch  Menschenorientierung gering ausgeprägt definiert sie die Rollenidentität  als “Delegierer“. Im Beraterkontext ist dieses Haltungselement eher als situative Komponente denn Identität zu sehen. Die Haltung als „Delegierer“ zeigt sich in der Weitergabe von Aufgaben und Verantwortung, in hoher Distanz zu Kunden und Aufgaben. Bewusstes „Delegieren“ kann in Ablösungsprozessen sinnvoll sein, dort wo eigene Fachkompetenzen nicht ausreichen. Oft wird versucht, dem Berater stellvertretend Führungsverantwortung zu übertragen. Hier ist die Kunst der (Rück) Delegation sinnvoll. Allerdings sollte dann wieder in die „Coach-Identität“ gewechselt werden können, um die Situation angemessen zu bearbeiten.
Das sicherlich anspruchsvollste Rollenmuster zeigt sich in der Funktion “Coach” im oberen rechten Feld. Die Werte- und Handlungsorientierung bezieht sich sowohl auf hohe Fachlichkeit als auch auf die Menschen/Kunden. Das bewusste Agieren in diesem Spannungsfeld erfordert hohe Bewusstheit bezogen auf das eigene Handeln und das permanente Wahrnehmen und Einbeziehen der vom Veränderungsgegenstand betroffenen und beteiligten Menschen/Kunden. Die „Coach-Identität” setzt professionelle Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, Fähigkeit zur Distanz (auch zu sich selbst) und Orientierung am Dialog/Konsens voraus. Die Ressourcen des Kunden sind ein wesentlicher Fokus und der Glaube daran, dass Betroffene aus diesen Ressourcen heraus mit beratender Unterstützung des „Coaches“ optimale und für ihn passende Lösungen findet. Die „Coach-Identität“ stellt die höchsten Herausforderungen an Berater und Change Manager, bietet aber auch die Chance, dem Spagat zwischen fachlichen Konzepten, Modellen und Menschen und sozialen Systemen am ehesten gerecht zu werden. Getreu der systemischen Prämisse, dass man ein soziales System nicht von außen steuern, sondern nur anstoßen kann.
In diesem Beitrag ging es mir zum einen darum, die Komplexität von Rollen wie Berater, Change Manager, ScrumMaster usw. im Umgang mit ihrer Rollenidentität darzulegen. Zum anderen sollen es Anregungen sein, sich mit den eigenen Identitätsmustern auseinander zu setzen, sich im Modell zu verorten, um bewusst und professionell in seiner Rolle agieren zu können.

Die Weisheit der Vielen

Als der britische Gelehrte Francis Galton im Herbst 1906 von seiner Wohnung in die Stadt Plymouth zur alljährlichen West of England Fat Stock and Poultry Exhibition, einer regionalen Viehmesse, aufbrach, war er sich ganz bestimmt nicht bewusst, dass er an diesem Tag über ein Phänomen stolpern würde, das die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler des 21. Jahrhunderts noch immer spaltet: Unter den richtigen Umständen sind Gruppen bemerkenswert intelligent und das Kollektiv meist klüger als die Gescheitesten in ihrer Mitte.
 
Galton, Wissenschaftler und besessen vom Messen körperlicher und geistiger menschlicher Eigenschaften, kam beim Flanieren über die Messe zu einem Wettbewerb, bei dem die Besucher das Gewicht eines massigen Ochsen schätzen sollten. Für eine geringe Summe bekam jeder Wettende eine nummerierte Karte mit Stempel, auf der der Name, die Adresse und das Schätzgewicht notiert wurden. Die genauesten Schätzungen sollten ein Preisgeld erhalten. An der Schätzung nahmen rund 800 Leute teil und versuchten ihr Glück. Die Teilnehmergruppe setzte sich sowohl aus Menschen mit Insiderwissen wie Bauern oder Metzgern, als auch aus Laien wie beispielsweise Büroangestellten zusammen. Galton erkannte in diesem Wettstreit eine Analogie zu einer demokratischen Gesellschaft, in der Menschen mit vollkommen unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen die Möglichkeit bekamen, freies Wahl- bzw. Schätzrecht auszuüben. Galton kam es aber nun darauf an, eine Antwort zu erhalten, wozu der Durchschnittsschätzer befähigt ist. Er borgte sich also nach der Auszählung die Wettkarten und unterwarf sie diversen statistischen Tests. Er addierte unter anderem die Schätzwerte aller Wettkandidaten, um den Mittelwert der Schätzung zu erhalten; also die Zahl, die die kollektive Weisheit der Masse darstellte. Galton hatte fest damit gerechnet, dass der mittlere Schätzwert weit daneben liegen würde. Er hatte sich geirrt. Der Schätzwert der Gruppe und der Realwert lagen gerade mal ein Pfund auseinander! Die Gruppe hatte mit ihrer Schätzung genau ins Schwarze getroffen.
 

Gibt es nur den einen Experten?

Die Erkenntnis, dass die Lösung von Problemen im kollektiven Wissen liegt, stieß und stößt allerdings nicht nur auf Zustimmung – im Gegenteil und nicht zuletzt, weil viele von uns der Meinung sind, dass wichtiges (zur Lösung beitragendes) Wissen nur in wenigen Köpfen vorhanden sei. Man geht dabei davon aus, dass die Problemlösung ausschließlich von der einen, richtigen Person gefunden werden kann. Deshalb macht man sich häufig auf die verzweifelte und oftmals aussichtslose Suche nach dem einen Experten. Diese Auffassung kommt nicht von ungefähr, wenn man sich die Literatur ansieht. Bereits 1841 verfasste der Schotte Charkes Mackay ein Buch mit dem Titel “Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds” (Ungewöhnliche populäre Irrtümer und Massenwahn), in dem er vollends in Frage stellt, ob eine Menschenmenge überhaupt mit Wissen ausgestattet sein kann. In die gleiche Kerbe schlagen Aussagen wie “Jeder Mensch ist, für sich genommen, einigermaßen vernünftig und rational – als Mitglied einer Menge wird er prompt zum Dummkopf ” (Bernard Baruch, Börsenspekulant) oder “Die Masse erreicht niemals das geistige Niveau ihres herausragendsten Mitglieds, sondern sinkt vielmehr auf das unterste individuelle Niveau in ihren Reihen” (Henry D. Thoreau). Selbst prominente Vertreter stellen eine mögliche Weisheit der Vielen in Frage. Friedrich Nietzsche postuliert: “Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen die Regel.”  All diese Aussagen und Denkrichtungen haben gemeinsam, dass sie nicht daran glauben, dass Gruppen imstande sind, klug zu handeln und einen hohen Grad an Geschicktheit beim Lösung von Problemen innehaben.

Oder ist die Gruppe klüger?

Jetzt steht Meinung gegen Meinung. Allerdings präferiere ich, weil ich es selbst schon gesehen und am eigenen Leib erfahren habe, Francis Galtons Ansatz. Er und viele seiner Erben, wie James Suroiecki („Die Weisheit der Vielen – warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handelns nutzen können“) und Jochen May („Schwarmintelligenz im Unternehmen – wie sich vernetzte Intelligenz für Innovation und permanente Erneuerung nutzen lässt“) erbringen in unzähligen Beispielen den Beweis, dass Gruppen geradezu prädestiniert sind, die richtigen Entscheidungen zu treffen und Probleme mit Erfolg zu beheben. Trotz des Faktums, dass ihre Einzelmitglieder weder über eine hohe Intelligenz noch über andere herausragende Fähigkeiten verfügen.
Ich erlebe eben genau das tagtäglich im agilen Umfeld. Gruppen, Scrum-Teams genannt, treffen ständig (gute) Entscheidungen und tun dadurch viele Dinge richtig. Schaut euch nur ein Estimation Meeting an. Jedes Mitglied der Gruppe schätzt auf der Grundlage des eigenen Verständnisses den Funktionsumfang einer User Story und übersetzt die Entscheidung in eine Zahl, die lediglich eine Relation aussagt (“also so ungefähr und in Relation zu anderen User Stories”). Und interessanterweise macht das jedes Teammitglied für sich. Das Resultat ist (fast immer) eine Schätzung, die die Grundlage einer Planung (SP1 und SP 2) ist, die in einem eindeutigen Versprechen (Commitment) für eine Lieferung mündet. Großartig!

Vom Glauben und sich Einlassen

Neulich standen zwei übertrieben freundliche und korrekt gekleidete Menschen vor meiner Tür. Auf meine Frage, ob sie jemanden suchten, kam die Antwort: „Wir suchen Sie!“
Ich mag es nicht, wenn Menschen mit dem einen Ziel das Gespräch suchen, den anderen restlos für seine eigenen Überzeugungen zu gewinnen. Zugleich finde ich es bemerkenswert, dass diese zwei Missionare einen herrlichen Samstag Nachmittag für das Putzen von Türklinken opferten und darin ganz offenbar einen Sinn sahen. Die Straßen und Parks waren an jenem Nachmittag voll mit fröhlich-unbefangenen Menschen, die mit einem Spaziergang oder einer Radtour ihrem Leben nachgingen.

Missionarische Berater, ungläubige Kunden

Als Berater sind wir immer wieder versucht, unseren Erfolg an der Nachmacherquote zu messen. Macht der Kunde es genau so, wie wir ihm das gesagt haben? Abweichungen werden dann oftmals von uns als Rückfall in alte Verhaltensmuster interpretiert. Der Kunde sieht das meist ganz anders: Er versucht, Scrum an seine Realität anzupassen und dabei seinen eigenen Weg zu gehen. Er glaubt nicht, dass die Erfolgsstories von anderen bei ihm funktionieren können und geht dann im Zweifelsfall lieber einen Kompromiss zuviel ein.
Beide Positionen sind problematisch. Der missionarische Berater überhebt sich in seiner Rolle. Indem er das Verhalten seines Kunden bis in letzte Detail festnageln will, nimmt er ihm das letzte Stück Freiheit. Der skeptische Kunde hat indes ein anderes Problem: Er will nicht so recht an das glauben, was sein Berater ihm erzählt. Er lässt sich auf Veränderungen nur so weit ein, wie diese seinen gewohnten Standpunkt nicht zu sehr in Frage stellen. Damit versperrt er sich den Weg zu der Veränderung, die er mit Scrum erreichen kann.
Es gibt keinen dümmeren Satz als jenen, der besagt, alles sei relativ. Natürlich sind wir in unseren Überzeugungen und Verhaltensweisen von unserer Subjektivität geprägt. Das, was ich glaube, ist meinen Erfahrungen und meinem Charakter geschuldet.
Das muss aber noch längst nicht bedeuten, dass unsere Glaubenssätze und Überzeugungen nur für uns Gültigkeit haben. Jeder von uns hat Erfahrungen gemacht, in denen er über seinen eigenen Schatten gesprungen ist. Situationen, in denen Menschen Schlechtes tun und wir aufrichtig darüber empört sind. Eigene Handlungen, die wir zutiefst bereuen. Menschen, die wir lieben. In solchen Situationen glauben wir nicht zaghaft, sondern zeigen Haltung. Wir tun das, was wir tun, in der Überzeugung ihrer intersubjektiven Richtigkeit.
Einen starken Glauben: Das wünsche ich  allen, die sich und ihre Welt verändern wollen. Sich auf etwas Neues einlassen kostet Kraft und ist alles andere als selbstverständlich. Wer da erstmal alle Zweifel und Einwände ausräumen will, der wird kaum über seine eigenen Grenzen hinauskommen. Deshalb ist es manchmal gut, einfach glauben zu können, ohne alles wissen zu müssen.
Wie  geht es dir heute und jetzt? Machst du einen Veränderungsprozess durch, der viele Fragen aufwirft? Hast du den Prozess vielleicht sogar selber angestoßen? Wie gehst du mit Zweifel um? Mit der Skepsis, die jedem einmal entgegen schlägt? Unser Coach, Dieter Rösner, hat mir einen wunderbaren Trick beigebracht: Wenn jemand etwas in Frage stellt, ohne sich darauf eingelassen zu haben, dann bitte ihn oder sie, es einfach mal auszuprobieren, und dir danach zu sagen, ob es Sinn gemacht hat oder nicht. Allein schon die Erfahrung – es ausprobiert zu haben – führt dazu, dass die Kritik konstruktiv wird.
Und ja: Es gibt einen Unterschied zwischen festem Glauben und blindem Glauben. Der blinde Gläubige folgt anderen und will sich dabei selber aufgeben. Der standhaft Gläubige folgt anderen, um mehr über sich und seine Welt zu lernen. Während der eine in immer größere Abhängigkeit gerät, kann der andere eines Tages den Hut packen und eigenständig weitermachen.
[quote author = “Ludwig Wittgenstein”]Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt).[/quote]

Kreativitäts-Fitnessplan

Der Titel suggeriert das Versprechen, dass man die eigene Kreativität trainieren kann. Stimmt auch. In diesem Beitrag verbergen sich einige Empfehlungen und Übungen von mehreren Autoren, die zwar weder Fitnessstudio noch Geräte gebrauchen, aber wohl eine gewisse Disziplin abverlangen.

Routine durchbrechen

Die einfachste Übung besteht darin, die eigene Routine zu durchbrechen. Tragen Sie paar Wochen die Uhr auf der rechten Hand, und schreiben Sie statt mit der rechten mit der linken Hand. Trinken Sie den Kaffee statt in der Früh erst am Nachmittag, erforschen Sie ALLE möglichen Wege zum Büro, gehen Sie zu einem anderem Zeitpunkt ins Fitnessstudio, stehen Sie mal 1 Stunde früher auf und so weiter. Es sollen keine großen Sachen sein – nein, Kleinigkeiten. Dabei sollte man sich selbst beobachten. Sie werden überrascht sein, wie oft man über eigenen Automatismen stolpert. Der physische Routinebruch kann sich auch auf gedankliche Routinen übertragen, sodass man bei Problemen auf andere Lösungsmethoden kommen kann.

Gehirnjogging

Holly G. Green empfiehlt in ihrem Blog, sich täglich eine Rätselaufgabe und ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um sie zu lösen. Zudem kann man den Rest der Firma daran beteiligen, indem man in öffentlichen Bereichen wie der Kantine wöchentlich ein Puzzle publiziert und für die richtige und/oder originellste Antwort einen Preis verleiht.
Beispiel für die Kopfknibbelei von Holly G. Green: Ein Mann steht auf einer Seite eines Flusses, sein Hund auf der anderen. Der Mann ruft sein Hund, der sofort den Fluss überquert, ohne nass zu werden und ohne eine Brücke oder ein Boot zu verwenden. Wie hat der Hund das gemacht? Nehmen Sie sich einfach paar Minuten Zeit. Antwort am Ende dieses Beitrags.

Abseits der eigenen Interessen „schwimmen“

Empfehlungen, sich auf regelmäßiger Basis mit interessensfremden Themen zu beschäftigen, werden von mehreren Experten ausgesprochen. Eine Empfehlung lautet, jeden Tag eine halbe Stunde zufällige Inhalte aus dem Internet zu lesen und die interessanten Fakten zu notieren. Die aufgeschriebenen Informationen sollte man zu einem späterem Zeitpunkt nochmals anschauen. Das erweitert den Horizont und schafft neue Verknüpfungen.
Die oben erwähnte Holly G. Green liest wöchentlich ein Magazin oder einen Blog, das oder der nichts mit der eigenen Industrie zu tun hat. Zudem liest sie monatlich ein Buch, das nicht in den „üblichen“ Interessenbereich fällt. Oder man besuchte eine branchenfremde Messe/Convention besuchen und fokussiert sich darauf, was man daraus lernen kann. So hat sich Peter Drucker, Pionier der modernen Managementlehre, rund 2 Jahre Zeit genommen, um sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen – zum Beispiel mit japanischer Dichtung. Wohl gemerkt: neben seinen hauptberuflichen Aktivitäten.

Denk – kata

Eine Kata ist eine Übungsform, „die aus stilisierten Kämpfen besteht, welche jedoch im Karate ausschließlich gegen imaginäre Gegner geführt werden“. Kombiniert man die Idee der Kata mit der Methode der „6 Hüte“ von DeBono, die ursprünglich für die Gruppenarbeit gedacht war, entsteht eine andere mögliche Anwendung. Man nimmt also ein Problem und übt den Lösungsweg mit dem systematischen Aufsetzen von allen 6 Hüten, die für bestimmte Denkrichtungen stehen (kritisch, kreativ, neutral, etc).
Antwort auf die Kopfknibbelei, die Ms. Green angibt ist „Der Fluss ist gefroren“. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten. Es kann ja sein, dass es sich um einen engen Fluss handelt, sodass der Hund einfach drüberspringen kann. Fragen Sie Ihre Freunde & Kollegen, könnten Sie von Sprachjongleuren Hinweise bekommen wie „kann ja sein, dass der Hund schon vorher nass war – beim Zurückschwimmen war er gar nicht trocken“. Geht ja auch.
Ich wette, es sind noch einige andere Antworten möglich – probieren Sie es aus!

Eine Erleuchtung: Scrum als Coaching-Tool!

Und als ich hinauszog, die Welt zu bescrummen, so erkannte ich, wie vielseitig einsetzbar es tatsächlich ist. Jeden Prozess können wir mit Scrum optimieren und jedes Scrum-Team wird effizienter und hat Spaß bei der Arbeit. Mit strahlenden Augen sitze ich in jeder neuen Situation da, die ich als mögliches Scrum-Einsatzfeld erkenne. Und gerade las ich ein Buch über Coaching- und Interventionsmethoden, als ich plötzlich aufstehen, die Tür des Zugabteils aufreißen und rufen wollte: „Leute – ich habe etwas entdeckt! Scrum ist eine Coaching-Methode!!! Ja, wir machen Coaching und ja, wir machen Scrum. Und wir begleiten Menschen, die Scrum machen und nennen es Scrum Coaching. Das ist nichts Neues, das gibt es schon lange. Aber ich meine Scrum selbst als Coaching-Methode!”

Wissen, was man will

Um ein glücklicher Mensch zu sein, muss ich wissen, was ich will, das Ziel positiv formulieren und mir auf dem Weg zu meinem Ziel immer klarer werden, wie es denn tatsächlich aussehen wird. Je klarer meine Vorstellung von dem Ziel heute schon ist, desto leichter erscheint mir der Weg dorthin. Genau das ist es ja, was wir in Scrum erreichen wollen. Liebe Leute, wenn ihr ein Produkt entwickeln wollt, braucht ihr ein Ziel und eine klare Vorstellung davon. Sprecht ganz viel darüber, macht euch zunächst klar, was ihr wollt und überlegt euch dann, wie ihr es erreichen könnt! Dann, wenn Klarheit herrscht, geht die Umsetzung fast wie von selbst. Wir merken das in den Sprint Plannings – je klarer der PO die Story an das Team kommuniziert, desto einfacher wird die Bearbeitung. Heruntergebrochen auf einzelne Schritte kann ich dann nachvollziehen, wie nah ich meinem gesteckten Ziel schon gekommen bin und kann meine Anstrengungen am Taskboard sehen.
Scrum-Coaching bekommt für mich nun eine ganz andere Bedeutung, wenn ich meine Entwicklungs- und Lebensziele damit erreichen möchte. Als Selbstcoaching-Tool beispielsweise. Also nicht IN Scrum, sondern MIT Scrum coachen. Ich meine damit: ob ich eine Software entwickle oder ein anderes geistiges Produkt – mit Scrum sollte das doch funktionieren. Angenommen, ich setze mir als Ziel, mehr mit meiner Familie zusammen zu sein. Dann stelle ich mir die Frage: “Was will ich eigentlich genau, was will ich erreichen, was sind Rahmenbedingungen, die mich einschränken? Und wie finde ich am Ende heraus, dass ich mein Ziel auch tatsächlich erreicht habe?” Ich gehe also einmal im Geiste oder auf Papier die PO Checkliste durch. Und dann überlege ich mir, welche Schritte nötig sind, was muss ich tun: Mit meinem Chef über neue Arbeitszeiten sprechen, einen Homeoffice-Platz einrichten, etc. Mit dem Unterschied, dass ich selbst mein eigener PO und Teil des Umsetzungs-Teams bin. Zusammen mit meinen Kollegen, meiner Familie und Freunden, die mir bei der Erreichung meines Ziels helfen können. Aber ich brauche einen ScrumMaster, meinen Coach, der mich daran erinnert, dass ich an meinem Ziel arbeiten muss. Wenn ich einen Coach habe, der mich unterstützt, ist das wunderbar. Wenn ich selbst auch noch mein eigener Scrum Master sein muss, wird es schwierig. Da stecke ich in zu vielen Rollen gleichzeitig und muss sehr diszipliniert bleiben. Aber dann kann ich mir mit Scrum Artefakten oder Tools helfen. Zum Beispiel kann ich an einem Taskboard die Umsetzung organisieren und mich fokussieren. Am Ende kann ich dann reviewen, ob ich mein Ziel erreicht habe und den Prozess reflektieren.
Heureka! Scrum ist überall!

Inspiration

Viele von euch kennen meine Impulse, Zitate oder Videos, die ich mit euch per Mail oder Twitter teile. Ich wurde gefragt, ob ich meine Top 5 mal hier posten könnte. Da mir eine Menge einfällt, fällt mir die Wahl ziemlich schwer. Aber ich will mal thematisch vorgehen.
Hiermit meine Top 5 und ein paar Wörter zum Thema „INSPIRATION“.

Der Flügelschlag eines Schmetterlings

Habt ihr schon mal einen Weitspringer in seiner Vorbereitung auf einen anstehenden Wettkampf beobachtet? Akribisch genau misst er seinen Anlauf ab. Er hat seine Schrittzahl im Kopf, die er vom Absprungbalken aus abgeht und bis dorthin abzählt, wo er seinen Anlauf beginnen wird. Exakt dort platziert er ein persönliches Erkennungszeichen, damit er weiß, wo sein Anlauf startet. Wenn der Athlet an der Reihe ist, begibt er sich zu seiner Marke, geht den gesamten Sprungablauf noch mal in seinem Kopf durch, motiviert sich, läuft los und … übertritt (manchmal). Der Springer nimmt Blickkontakt mit seinem Trainer auf, der den Sprung beobachtet hat. Die beiden tauschen sich mit Zeichen aus. Der Springer nickt, geht zu seiner Marke und verschiebt sie um wenige Zentimeter nach hinten. Er nimmt wieder Anlauf, springt, trifft das Brett und landet: Bestweite!
 
copyright Dolores Omann
 
Eine kleine Intervention kann zu einer großen Veränderung führen. Natürlich ist das nicht der Normalfall und auch nicht planbar. Tritt ein solcher Effekt jedoch ein, dann spricht man vom Schmetterlingseffekt: In einem komplexen, nichtlinearen dynamischen System besteht eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen. Geringfügige Interventionen in den Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer signifikant anderen Entwicklung führen.
In einer meiner letzten Retrospektiven, die ich als ScrumMaster begleiten durfte, kam mir spontan eine Intervention in den Sinn, die in ihrer Wirkung einem Schmetterlingseffekt nahe kommt. Schritt 3, die Beantwortung der Frage „Was lief gut“ war abgeschlossen. Nach dem Separator, einer kurzen Verschnaufpause, wollten wir uns der Frage „Was könnte verbessert werden?“ widmen. Mir war bereits im gesamten Sprint und auch in der Retrospektive aufgefallen, dass die Teammitglieder wenig Eigeninitiative und Selbstverantwortung übernommen hatten. Immer wieder klagten sie über Impediments, die sie an mich abgaben und die Schuldigen fanden sie ständig in anderen Teammitgliedern, den widrigen Umständen und/oder der verkrusteten Organisation.
 
Ich entschied mich spontan, die anstehende Frage leicht zu verändern bzw. eine Differenzierung vorzunehmen. Statt die Teammitglieder „nur“ mit der Frage zu konfrontieren, „Was könnte verbessert werden?“, bat ich sie, außerdem Antworten auf die Frage zu finden:
 
Was könntest DU als Teammitglied verbessern?


Ich habe schon viele Retrospektiven begleitet, beobachtet oder selbst durchgeführt. Ich habe allerdings selten eine so tiefgreifende Veränderung im Denken und Reflektieren erlebt. Die Zentrierung auf die eigenen Ressourcen, Möglichkeiten, Chancen und Sorgen hatte zu einer Perspektivenerweiterung beigetragen. So entstand eine spürbar intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Team und der Verantwortung mit dem individuellen Beitrag. Die Formulierung von Ich-Botschaften (statt der üblichen Man-Botschaft) kann als großer Erfolg verbucht werden. Das intrinsisch motivierte Übernehmen von Verantwortung ist ein großer Schritt auf dem Weg zu einer wirklichen Veränderung im Denken und Handeln.
 
Ich kann euch ScrumMaster nur einladen, diese Intervention auszuprobieren. Vielleicht hat sie ja die Kraft des Flügelschlags eines Schmetterlings.

The Art of Non Conformity – FUCK IT!

Lebe dein Leben, so wie DU es WILLST. Aber – Moment, da muss man ja zunächst wissen, was man will. Ich habe eine Freundin, die eigentlich den ganzen Tag nichts zu tun hat. Sie arbeitet wenig und sie hat außer des Managements ihres eigenen Lebens keine weiteren Verpflichtungen. Sie ist todunglücklich, depressiv und immer am Limit ihrer Leistungsfähigkeit. Auf die Frage, was sie vom Leben will, kommt keine klare Aussage. In seinem Buch “The Art of Non-Conformity” beschreibt Chris Guillebeau, dass es zunächst wichtig sei herauszufinden, was man im Leben erreichen will. Nun ja, das ist ehrlich gesagt langsam langweilig. Das haben uns Lothar Seiwert, Stephen Covey [The 7 habits of high effective people], und was weiß ich wer noch alles erzählt. Zu wissen, was man will. Die wohl einfachste Frage der Welt, oder? Und was ist, wenn man weiß, was man will, es aber so einfach nicht erreichen kann?
Gibt es vielleicht einen Weg für all die Leute, die sich gerade mit dieser Frage schwer tun? Die diese so wichtige Lebensfrage gar nicht beantworten wollen, weil sie selbst bereits so viel Stress aufbaut?Wie wäre es also mit einem anderen Ansatz? In “Fuck It” beschreibt John C. Parkin den Weg “Loslassen, Entspannen, Glücklich sein”, indem man die Dinge einfach ganz anders, nämlich durch Loslassen erreicht. Also nicht ständig hinter den Dingen herzurennen, sondern die Dinge durch Loslassen zu erreichen. Das ist an sich ein gar nicht so schlechter Rat. Wie soll sich etwas in uns entfalten, wenn wir “krampfhaft” darauf zu steuern? In dem Buch “Muße. Vom Glück des Nichtstuns” wird genau dieser Ansatz vollkommen neue gedacht. Es geht darum, zu entspannen.
Wir arbeiten alle zu viel, wir wollen zu viel in der Arbeit und in unserem Leben. Auch das soll noch perfekt sein. Wenn wir in den Urlaub fahren, auch der muss perfekt sein. Wir brauchen mittlerweile Coaches, die den normalen Business-Menschen zur Seite stehen, damit der normale Mensch überhaupt noch funktionieren kann. Die Arbeitszeit von Menschen, die in unserer Gesellschaft etwa zum Bruttosozialprodukt beitragen, steigt ständig. Wer etwas erreichen will, muss heute bereit sein, wesentlich mehr als 40 Stunden in der Woche zu arbeiten (ja, das ist auch bei bor!sgloger so!).
Aber ist das gut? Mehr und mehr Kinder erkranken an ADHS. Aber es ist noch gar nicht wirklich klar, wieso das in unserer Gesellschaft passiert. Bekommen diese Kinder einfach viel zu früh zu viele Eindrücke, dann hat sich doch der Versuch, unsere Kinder noch perfekter an unsere Umwelt anzupassen, mittlerweile pervertiert.

Werft die Ratgeber weg!

Ein Grund für diese Pervertierung sind die Ratgeber: Sie schüren die Hoffnung, dass wir alle unsere Ideale, unser ganzes Leben selbst bestimmen können. Sie alle wollen uns zeigen, wie man es denn nun richtig machen kann. Wir müssen endlich aufhören, die Ratgeberbücher dieser Welt über unser Leben bestimmen zu lassen. Das Lesen eines Buches darüber, wie man sein Leben zu leben hat, ist nichts anderes als die Sucht danach, das Leben zu leben, ohne es zu leben. Es ist wie das Lesen von Büchern über das Schreiben, anstatt zu schreiben. Das Lesen von Büchern über das Fotografieren, ohne zu fotografieren.
Das machen gerade Ratgeberbücher, wie das von Parkin klar und sind damit eigentlich ein Paradoxon. Sie sagen uns, finde heraus, was DU willst. Einerseits der richtige Rat, andererseits liegt in diesen Büchern der tiefe Glaube begraben, dass genau das ginge.
Die postmoderne Version des “American Dreams”, der unerschütterliche Glaube, man kann alles erreichen. Aber leider ist das gar nicht so. Wir sind nämlich auch, und das ist etwas, was uns die Ratgeber zumeist nicht erzählen, viel stärker vom Zufall abhängig, als wir oftmals akzeptieren wollen. Diese narzisstische Kränkung, dass unsere Leben auch eine Folge der Zufälligkeit unserer Begegnungen, des momentanen Zeitgeistes, der aktuellen Mode, der Entscheidungen unserer Freunde, der derzeitigen Zwänge der Kunden ist – diese Erkenntnis führt unweigerlich zu der Folgerung, dass wir nicht für alles verantwortlich sein können. Hätte ich meine Frau kennengelernt, wenn ich diesen Event nicht organisiert hätte? Würde ich heute Pferde halten, wenn ich sie nicht kennengelernt hätte? Ehrlich gesagt: Ich denke nein! Wäre ich heute mit jemandem anderen zusammen,  wäre ich glücklich? Keine Ahnung, aber wieso nicht. Es wäre ein komplett andere Geschichte, aber ja … sie wäre auch mein Leben.
Wäre also nicht die logische Konseqenz, dass ich das Schreiben dieses Posts ebenfalls lassen sollte, denn auch ich gehe natürlich davon aus, dass du ihn liest. Dass du ihn liest ist mein Ziel, aber eigentlich will ich dir sagen:

Don´t read! Do! Try!

 
Sei ein Versucher, sei ein Mensch, der Dinge ausprobiert und auf diese Weise herausfindet, was er wirklich http://www.wordsoverpixels.com/will. Der Titel: “The Art of Non-Conformity” – ist für mich genial. Ein Buch, ja eine ganze Website darüber zu schreiben, was man eigentlich nicht tun sollte, nämlich das tun, was einem andere sagen – schon genial. Aber es läuft im Grunde auf das Eigene, das Selbst-Versuchen heraus.
Jetzt werden einige sagen … hm, aber was soll ich denn tun? Leben! Sich spüren, herausfinden, welche Bedürfnisse du hast. Was turnt dich an? Ist es etwas künstlerisch Kreatives oder eher etwas Geschäftliches? Ist es Menschen zu helfen oder ist es einfach, etwas zu machen, was nur du tun willst. Das Faszinierendste, was ich dazu derzeit gefunden habe, sich in der Stadt selbst zu spüren: Parkour [http://en.wikipedia.org/wiki/Parkour]. Tu, wozu du jetzt Lust hast. Guillebeau hat einen wichtigen Aspekt in seinem Buch erkannt: Er schreibt darüber, dass dazu gehört, keine Angst zu haben. Nimm dein Leben und dich selbst dabei nicht so wichtig! Nicht jede Entscheidung ist lebensentscheidend, und selbst wenn es so wäre … du kannst sie doch alle korrigieren. Jederzeit!
Das Leben zu leben … also loszulassen und dennoch seinen Weg zu gehen, dass ist der wirkliche Weg zur Non-Conformity. Und für einige wird das bedeuten, sie bleiben genau da, wo sie jetzt sind. In ihrem Beruf, in ihrem Job, in ihrer Welt. Entscheidend ist nur, dass dieser Weg rational gegangen wird. Also nicht vernünftig, sondern “bedacht”, im wahrsten Sinnde des Wortes. Mit Bedacht, nicht überlegt, sondern achtsam, auf sich hörend. Frage dich: “Will ich das jetzt gerade? Treffe ich jetzt, hier in diesem Moment die Entscheidung, die mir entspricht? Ist es die Entscheidung, die zu mir passt, zu dem wie ich mich im Moment fühle?”
Das geht nur durch nachspüren. Wenn das so ist … dann … Do it! Denn dann ist es auf jeden Fall das Richtige! Dann bist du auf dem Weg zu deinem eigenen Leben.

Die besten ScrumMaster sind gute Zuhörer

Krösus war der letzte König von Lydien. Er regierte von etwa 555 bis 541 vor Christi Geburt. Der griechischen Sage nach befragte Krösus seinerzeit das Orakel von Delphi, ob er einen Sieg davontragen würde, wenn er gegen die befeindeten und mächtigen Perser marschiere. Das Orakel antworte dem König mit den folgenden Worten:
[quote author = “Orakel von Delphi”]„Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“[/quote]
Krösus frohlockte und dachte sich gleichzeitig, welches Reich wohl mächtiger als das der Perser sein könne und zog mit seinem Heer, motiviert von den Worten des Orakels, hochmütig und siegesgewiss in den Kampf. Schließlich hatte ihm das Orakel praktisch garantiert, dass er einen großen Sieg davontragen würde. Die Geschichtsbücher besagen jedoch, dass Krösus die Schlacht gegen die Perser verlor. Was war passiert? Hatte das Orakel von Delphi gelogen? Mitnichten. In seinem Wunsch nach einem epochalen Triumph hörte Krösus nur noch, was er hören wollte. Was er überhörte, wenn nicht gar ignorierte, war die Rückfrage, welches Reich das Orakel mit der Prophezeiung wirklich gemeint hatte. So besiegelte Krösus seinen eigenen Untergang.
Krösus erinnert mich mit seiner fatalen, aber durchaus bei uns Menschen gängigen Art der Entscheidung an die vier blinden Gelehrten, die herausfinden wollten, wie ein Elefant aussieht. Der erste ertastete den Rüssel des Elefanten und meinte, dass ein Elefant wie ein langer Arm aussehen müsse. Der zweite Weise ertastete das Ohr und meinte, ein Elefant sei wie ein großer Fächer. Der dritte Gelehrte, der die Beine ertastete, meinte, ein Elefant sei wie die Säulen eines Palastes. Der vierte Weise, der den Schwanz ertastete,
 beschrieb den Elefanten schließlich als ein dickes langes Seil.
Natürlich ging jeder der vier weisen Männer davon aus, dass seine Erklärung der Realität die richtige sei und gleichzeitig schlossen sie damit andere denkbare Beschreibungen aus. Krösus war von dem Bild der Zerstörung eines großen Reiches – dem der Perser – so überzeugt, dass er vollkommen blind für andere mögliche Interpretationen bzw. Konstruktionen seiner Wirklichkeit war. Er hörte, was er hören wollte.

Ein guter ScrumMaster,

„eine Führungspersönlichkeit, die verändern will, (…) ein Change Agent, der die Macht, die Gegebenheiten zu ändern, nicht aus seiner Position bezieht, sondern aus seiner Überzeugung und aus dem Rückhalt, den er von Menschen bekommt, für die er sich einsetzt“ [1], darf unter keinen Umständen so blind oder vielmehr taub wie Krösus (re-)agieren. Sie/er muss sich darüber bewusst sein, dass sich sowohl verbale als auch nonverbale Botschaften durch Indirektheit, Mehrdeutigkeit, Ungenauigkeit, Unvollständigkeit, Widersprüchlichkeit oder Parallelität auszeichnen. Um diesem besonderen Anspruch zu genügen und seine besondere Verantwortung „from the Position of No-Power“ gewinnbringend und im Sinne einer Veränderung auszuüben, bedarf es der besonderen Fähigkeit des Zuhörens. Ein guter ScrumMaster muss ein guter Zuhörer sein.

Fünf Formen des Zuhörens

Die enorme Bedeutung des Zuhörens und die unzähligen Veröffentlichungen zu diesem Thema führten dazu, dass die verwendeten Begrifflichkeiten wie Kraut und Rüben durcheinander gerieten, synonym oder in ihren Bedeutungen falsch verwendet wurden. Selbst für das von Carl Rogers vor fast sieben Jahrzehnten beschriebene aktive Zuhören finden sich diverse Definitionen. Ich möchte dieses Wirrwarr ein wenig entzerren und ScrumMaster mit einem übersichtlichen Zuhör-Portfolio ausstatten. Denn wie schon Calvin Coolidge, 30. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte: „Zuhören können ist der halbe Erfolg.“
Aus meiner Sicht gibt es fünf Formen des Zuhörens:

Probieren geht über studieren. Nicht selten gibt es auch Vermischungen bei den Formen des Zuhörens. Ich kann jeden ScrumMaster nur einladen, sich auszuprobieren und sich regelmäßig zu hinterfragen, ob man auch richtig zugehört hat. Zur Vertiefung des Zuhörens möchte ich noch zwei Übungen, die einen ScrumMaster zum guten Zuhörer machen, anführen:

Der Voice Mirror – die besondere Zuhör-Technik für erfolgreiche ScrumMaster

Beim Voice Mirror sprechen wir Wort für Wort bei den Ausführungen unseres Gegenübers mit. Das Nachsprechen geschieht jedoch lautlos und ist von außen nicht offensichtlich wahrnehmbar. Diese Zuhör-Technik unterstützt dabei, die eigene Aufmerksamkeit vollkommen und nahezu ungestört auf den Kommunikationspartner zu fokussieren. Eigene Gedankengänge werden auf diese Weise ausgeblendet.
So kannst du den Voice Mirror in drei Schritten üben

Schritt 1

Schalte den Fernseher oder das Radio an und wähle eine beliebige Stimme aus. Flüstere anfangs synchron mit dem Sprecher Wort für Wort mit (Tipp: Nachrichtensendungen bieten sich hierfür besonders an).

Schritt 2

Wenn du bereits etwas vertrauter mit dem synchronen Flüstern bist, dann stelle den Ton leiser und bewege nur noch deinen Mund zu dem Gesprochenen mit.

Schritt 3

Sprich das Gesagte nur noch in Gedanken Wort für Wort mit.

Adler – Ameise – Stier

Wie wir am wenig nachahmenswerten Beispiel von Krösus erfahren haben, erscheint es sinnvoll, eine (Problem-)Situation oder ein Verhalten aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das Ziel des Adler-Ameise-Stier-Konzepts besteht in der Dissoziierung des Gehörten unter Nutzung so genannter Metapher-Tiere.

[1] Boris Gloger: Scrum – Produkte zuverlässig und schnell entwickeln. Hanser, 3. Auflage, 2011.

Kreativitätstechniken

Ich sitze an meinem Schreibtisch und möchte für mein Scrum-Team eine neue Retromethode entwerfen. Die Zeit vergeht und vor mir nur das leere Blatt. Schon drei Mal habe ich angefangen etwas aufzuschreiben. Drei Mal wieder gelöscht. Was soll ich mit ihnen machen? Was interessiert mein Team, die Leute sind doch alle so unterschiedlich? Womit begeistere ich sie?
 
Na, kommt euch die Situation bekannt vor?
Ich möchte was Cooles machen, um mein Team aus seinem Alltag herauszuholen und den Leuten eine frische Retro anbieten. Weg von 08/15 … Natürlich kann ich googeln. Mit Retrospektiven haben sich schon viele auseinandergesetzt. Aber ich möchte etwas Individuelles anbieten. Etwas, das die Persönlichkeit meines Teams herausstellt …
 
Was hindert uns daran, auch mal unsere Ideen zu sammeln. Und das ist gar nicht so schwer. Hier einige Möglichkeiten, um der eigenen Kreativität auf die Sprünge zu helfen:

  • Klingt simpel, aber hilft ungemein: einfach mal aufstehen. Im Büro oder noch besser im Grünen spazieren gehen. Die Gedanken vom eigentlichen Problem lösen und neue Eindrücke sammeln.
  • Ein Flipchart oder Brownpaper an die Wand hängen und einfach mal anfangen zu malen. Aber auch hier gilt: einfach die Gedanken fließen lassen. Es geht hier ja nicht um den neuen Picasso, sondern um das Fokussieren auf neue Gedanken.
  • Habt ihr Playmobilfiguren rumliegen? Ich stelle die Figuren in verschiedenen Konstellationen auf und überlege, wie sie in Interaktion treten können.
  • Eine klassische Methode ist das Mindmapping. Hier schreibt man das Thema/Problem in die Mitte eines Blattes und legt Äste von der Mitte aus an, um einfach alle Ideen unbewertet zu sammeln.

Und was ist aus meiner Retro geworden? Die Flipchartmethode hat meine Kreativität angespornt. Quasi die Idee in der Idee: Ich lasse mein Team malen. In Kleingruppen lasse ich sie zeichnen, was gut gelaufen ist. Die Kunstwerke werden vorgestellt, indem die jeweils anderen Gruppen erraten, was das Gezeichnete darstellt. Diese Übung bringt auf jeden Fall Spaß und Abwechslung zum Standardprogramm.