Interview: Wie sieht die Arbeit eines Consultants bei borisgloger aus?

Unsere Aufgabe besteht schon lange nicht mehr nur darin, Menschen die Arbeit mit Scrum beizubringen. Meine Kollegen und ich begleiten Unternehmen bei der gesamten agilen Transition und unterstützen dabei, dass die Dinge auf den Boden gebracht werden. Wie die Arbeit bei uns läuft, wie die Karrierewege bei uns aussehen und was er in unserem Unternehmen besonders schätzt, erzählt Christoph Schmiedinger anhand seines eigenen Alltags.

Die Ypsiloner

Den passenden Job zu finden ist offensichtlich genauso schwer wie den passenden Mitarbeiter auszuwählen. Man sollte meinen, die Recruiter hätten die „Qual der Wahl“ vor lauter Arbeitsuchenden klugen Köpfen da draußen. Dem ist aber nicht so. Also nicht, dass es keine klugen Köpfe gäbe – es herrscht wohl eher eine Inkompatibilität mit den vorhandenen Arbeitsplätzen.
Junge Absolventen haben offensichtlich das Interesse an klassisch geführten Unternehmen verloren. Sie haben keine Lust auf Hierarchien und die damit verbundenen politischen Machtspielchen. Heutzutage möchte man lieber die Welt verändern und einem sinnvollen Beruf nachgehen, anstatt den Business Value eines Unternehmens zu erhöhen. Manch Personaler schüttelt den Kopf über diese “verträumte” Einstellung. Man kann doch nicht den gesamten Arbeitsmarkt auf den Kopf stellen, nur wegen dieser heranrückenden Generation Y, die offensichtlich noch nie den Ernst des Lebens gespürt hat! Die Generation, die nach 1980 geboren wurde, und alles hinterfragt – den Vorgesetzten, den Sinn der Arbeit und die Ziele der gesamten Organisation.
Gerade in Unternehmen, in denen agil gearbeitet wird, haben wir es mit vielen solchen “Ypsilonern” zu tun. Junge ScrumMaster, die ihren Vorgesetzten auf Augenhöhe begegnen, Themen eigenverantwortlich vorantreiben, Impediments lösen und langsam ihr ganzes Umfeld verändern wollen. Allerdings stoßen sie mit diesem Verhalten auch schnell an die Grenzen der Organisation. Zum Beispiel an Teamleiter, die ihre Position verteidigen und sich von den, als hierarchisch niedriger eingestuften ScrumMastern, nichts sagen lassen. Starre Strukturen, die sich auch mit viel Elan und Ausdauer nicht brechen lassen. In einem solchen Umfeld resignieren ScrumMaster häufig – und kündigen früher oder später.
In diesem Falle stehen die Recruiter wieder vor der herausfordernden Aufgabe, die offene Stelle passend zu besetzen. Doch wie anfangs erwähnt, ist das gar nicht so einfach, eher zermürbend. Vielversprechende Bewerber werden letztendlich doch wieder mit den hartnäckigen Strukturen einer hierarchischen Organisation kämpfen müssen. Entweder sie ordnen sich dieser unter, oder sie gehen. Im Falle der Generation Y wird es die letztere Option sein.
Klar kann man diesen Trend auch als solchen abtun und weitermachen wie bisher. Allerdings werden dieselben Leute, die heute als Absolventen von den Unis gehen, eines Tages das Sagen im Unternehmen haben und ihre Einstellungen werden die Arbeitswelt auf Dauer prägen. Eigentlich ist der Zug schon ins Rollen gekommen. Entweder man springt auf und ändert die alten Muster, oder man bleibt auf der Strecke und schaut, wie weit man kommt. So oder so brechen spannende Zeiten über uns herein.

ScrumMaster – Karriereknick oder Chance?

Mal ehrlich – bist du in einem Scrum Kurs, sei es der Certified ScrumMaster, der Professional ScrumMaster oder ScrumMaster Advanced, um ScrumMaster zu werden? Ich stelle mir diese Frage, weil es eigentlich genug ausgebildete Certified, Professional und Advanced ScrumMaster in Deutschland geben müsste. Spannenderweise ist es aber so, dass die Firmen, die scrummen wollen, in Deutschland händeringend gute ScrumMaster suchen, aber keine finden. Das ist merkwürdig: Von den 600, die alleine ich pro Jahr ausbilde, sollten doch 10% pro Jahr wirklich Scrum machen wollen? Dem ist aber gar nicht so, wie ich oft bemerke. Es gibt zwar Nachfrage, aber kaum Leute, die als ScrumMaster arbeiten wollen.
Was ist da los? Wenn der Job als ScrumMaster doch so toll ist, wie ich immer schreibe, wieso will ihn dann keiner machen?
Der ScrumMaster als Position ist so neu für Firmen in Deutschland, wie es der Projektmanager vor 15 Jahren gewesen ist. Auch damals war es offensichtlich so, dass der Job als PM nur eine Zwischenstation zur echten Linienfunktion war. Viele Leute wollten damals nicht Projektmanager werden, weil sie fürchteten, damit ihrer Karriere zu schaden. Heute ist das anders, heute gibt es ausgebildete und zertifizierte Projektmanager, ganze Studiengänge. In Österreich gibt es sogar immer noch einen Hype rund um die Projektmanagement-Trainings.

Wer geht warum zu den Scrum Zertifizierungs-Trainings?

  • Teamleiter gehen zu den Trainings, weil sie Scrum machen wollen und die Rolle besser verstehen wollen. Sie wollen aber ganz selten ScrumMaster sein, wenn sie erfahren, dass sich die Rolle des ScrumMasters mit der Rolle des Teamleiters beißt. Schlecht ist auch, dass der ScrumMaster inhaltlich nicht mehr mitarbeiten soll.
  • Projektmanager – sie gehen häufig zu den Trainings, weil sie glauben, da kann man sich eine neue Qualifikation holen, die den Lebenslauf aufmöbelt. Viele von ihnen wollen gar kein Scrum machen, werden aber von der Firma geschickt. In diesen Firmen sollen sie dann häufig so nebenbei zu ihrer Projektmanager-Rolle den ScrumMaster machen. Einige von ihnen verstehen auch, dass sie vielleicht besser als Product Owner eingesetzt werden sollten.
  • Teammitglieder – echte Developer in den Kursen wollen meist nicht als ScrumMaster arbeiten. Sie finden diese Rolle zunächst unattraktiv, weil dann ja nicht mehr fachlich gearbeitet werden soll.
  • Abteilungs-, Gruppenleiter, andere Manager: Hier ist es häufig so, dass diese Personen ebenfalls nicht daran denken Scrum als SM zu betreiben. Sie wollen entweder einen Überblick über Scrum bekommen oder sie wollen wissen, wie sie ihre Leute einsetzen sollen. Aber als ScrumMaster zu arbeiten, und damit die Position als Manager aufzugeben – das kommt nicht in Frage.
  • Consultants: Mittlerweile gehen viele Consultants aus großen Consulting-Firmen in diese Trainings, weil sie herausfinden wollen, was ihre Kunden so brauchen. Die Fragestellung ist hier oft: Wie kann man den Kunden klarmachen, dass man ja jetzt auch Scrum kann. Auch er ist maximal temporär ScrumMaster, denn im nächsten Projekt könnte er schon wieder als Projektleiter verkauft worden sein.
  • Freiberufler: Das ist die Gruppe von Leuten, die sich am ehesten vorstellen können, als ScrumMaster zu arbeiten: Sie entdecken für sich ein neues Berufsfeld.

Wenn meine Analyse stimmt, dann hat eigentlich aus der Position heraus, in der er gegenwärtig steckt – mit Ausnahme des Freiberuflers – kaum jemand ein Interesse daran, als ScrumMaster zu arbeiten. Möglicherweise ist es sogar schädlich, als ScrumMaster zu arbeiten. Die Gefahr ist groß, dass sich Scrum kontraproduktiv auf die Karriere auswirken könnte.

Was können wir dagegen tun?

  1. Das obige Argument stimmt solange, wie wir das System selbst nicht ändern wollen. Solange eine Person A zum Training geht und den ScrumMaster als Skill sieht, müsste sich zunächst der Kontext in der Firma von A ändern, damit A bereit ist, als ScrumMaster zu arbeiten. Denn nur wenn dort die Voraussetzungen für eine Anerkennung der neuen Rolle geschaffen werden, nur wenn es dort Leute gibt, die diese Rolle zu schätzen wissen, wird sich A bewegen.
  2. Der andere Weg ist viel härter und den kann ein Trainer nicht bewirken, denn dieser Weg braucht den Wunsch der Person A, Scrum wirklich machen zu wollen. Diese Leute zu finden wird aber zunehmend schwerer, denn die Early Adopter Phase von Scrum ist vorbei. Scrum ist nun in die Phase geraten, in der wir es mit Menschen zu tun haben, die deshalb Scrum machen, weil es alle machen oder weil die Firma es will.

Im ersten Fall sind wir Scrum und agile Consultants gezwungen, mit den Firmen sehr schnell daran zu arbeiten, die Position des ScrumMasters attraktiv zu machen. Wir müssen den Kontext und die Karrierewege als ScrumMaster für die Mitarbeiter so attraktiv wie möglich machen. Es muss ähnlich ablaufen, wie bei der Etablierung des Projektmanagements.
Im zweiten Fall wäre es eine Möglichkeit, dass die Scrum Community anfängt, den Status der ScrumMasters in den Unternehmen zu erhöhen. Wir müssen eine Community bilden, zu der man dazugehören will. Wir müssen ihnen helfen zu erkennen, dass sie Teil einer weltweiten Bewegung sind.
Wir sind an einem wichtigen Punkt in der Entwicklung von Scrum und Kanban für Unternehmen angelangt. Wir brauchen mehr und mehr Leute, die bereit sind, einen neuen Weg zu gehen. Einen Weg, den sie mit den Unternehmen gemeinsam gestalten müssen, der ihnen aber nicht vorgegeben werden kann und der etwas unsicher ist.
Wir als Consultants können unseren Einfluss bei den CTOs und CEOs der großen Unternehmen geltend machen, um diese Entwicklung Top Down einzuleiten. Die gesamte Community muss aber gemeinsam daran arbeiten, den ScrumMaster emotional attraktiv zu machen. Sonst fehlt es uns an Leuten, die den Change unserer Industrie vorantreiben werden.