Schattenbanken: Der blinde Fleck der Finanzmarktregulatoren

In meinem letzten Artikel habe ich darüber berichtet, wie Finanzinstitute ihrer Nachhaltigkeitsverantwortung gerecht werden können. Neben der Übernahme von Verantwortung zwingen zusätzlich Regularien die Akteure, den Weg in eine grünere Zukunft zu ebnen. Neben dem regulierten Finanzmarkt existiert jedoch ebenfalls ein weniger regulierter Markt, der aufgrund dieses Umstands auch häufig Schattenfinanzmarkt genannt wird.

In diesem Artikel stelle ich dar, wieso unregulierte Akteure in unserem Finanzsystem eine Gefahr darstellen und wieso die Übernahme der Verantwortung für eine nachhaltigere Zukunft Chancen bietet

Zunächst zur Begriffsklärung: Als Schattenbanken werden nach Definition des Finanzstabilitätsrats diejenigen Akteure und Aktivitäten auf den Finanzmärkten bezeichnet, die bankähnliche Funktionen (insbesondere im Kreditvergabeprozess) wahrnehmen, aber keine Banken sind und somit nicht der Regulierung für Kreditinstitute unterliegen.“ (Bundesbank) Das können beispielsweise Finanzinstitutionen wie Hedge-Fonds, Private-Equity Unternehmen, Geldmarktfonds oder Vermögensverwalter, die beispielsweise durch Kreditvergabe, Geldanlage oder Finanzmarktinvestitionen bankenähnliche Funktionen übernehmen, jedoch aus Regulationssicht nicht als solche zählen. 

Die wichtige Funktion des zusätzlichen, bankenunabhängigen Kapitals darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden. Zudem sind Schattenbanken eng mit regulierten Finanzmarktakteuren verbunden und tragen zum Funktionieren des Geschäftsbankensektors bei, indem sie beispielsweise Kredite zur Refinanzierung vergeben, oder Schuldverschreibungen verkaufen. Um die Rolle von Schattenbanken in der Nachhaltigkeitstransformation zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass etwa ein Drittel des gesamten Finanzsektors durch den Schattenfinanzmarkt ausgemacht wird. 

Greifen Regularien zu kurz?

Während regulierte Finanzmarktteilnehmer sich aufgrund neuer Gesetze und Anforderungen für ihr Wirtschaften rechtfertigen und Transparenz über ihre Anlagewerte walten lassen müssen, gilt dies für viele Akteure auf dem Schattenfinanzmarkt nicht. Zurecht wird hier die Frage der Effektivität einer Regulierungsmaßnahme gestellt, wenn ein Drittel des Sektors nicht an der engen Leine geführt wird.

In der Realität sieht es häufig so aus, dass beaufsichtigte Unternehmen aufgrund von öffentlichem Druck und gesetzlichen Anforderungen kritische Anteile ihres Portfolios veräußern müssen. Nur allzu gerne bieten sich unregulierte Marktteilnehmer als Käufer an und profitieren von geringeren Preisen nicht nachhaltiger Projekte. Die Realisation kurzfristiger Gewinne wird häufig über langfristige Nachhaltigkeit gestellt und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, ist bei Schattenbanken tendenziell höher, wie das hier verlinkte Paper der EZB beschreibt. Während regulierte Banken das Nachsehen haben, leiden insbesondere Umwelt und Klima unter der Weiterfinanzierung solcher Geschäftsmodelle. 

In der Realität zeichnet sich aktuell ein Trend ab, der das erklärte Ziel der Verknappung klimaschädlicher Aktivitäten durch Beschneidung der Mittel für ebenjene, untergräbt. Ein Beispiel: Zwischen 2020 und 2022 kauften PE Firmen Öl-, Gas- und Kohleanlagen im Wert von 60 Mrd. US Dollar. Private Infrastrukturfonds übernehmen allzu gerne Pipeline-Projekte, deren Einnahmen als sehr sicher gelten und eine attraktive Rendite versprechen. So erwarb Brookfield vergangenes Jahr den gesamten Bestand an nordamerikanischen Öl- und Gaskrediten der niederländischen Bank ABN AMRO’s. Kredite, durch deren Divestment ABM AMRO in Sachen Nachhaltigkeit überzeugen wollte. 

Besteht Hoffnung?

Regulierungsbehörden sind sich des Risikos der Zunahme der Finanzströme in nicht regulierte Institutionen bewusst. Zudem sind immer mehr Stimmen zu vernehmen, die eine Ausweitung der Regulation von Schattenbankkrediten fordern. Konkrete Lösungsansätze liefert zum Beispiel das Center for American Progress. Für dieses liegt der Hebel darin, den Banken die Vermittlung ihrer Klimarisiken in weniger regulierte Institutionen zu erschweren. Ein anderer Ansatz des European Money and Finance Forums nimmt vor allem die Klimaeffekte des Schattenbankensystems in den Fokus. 

Die Idee: Margen und Sicherheitsabschläge für Anleihen dahingehend anzupassen, wie umweltfreundlich, bzw. -schädlich die dafür eingesetzten Sicherheiten sind. Doch damit sei es nicht getan, so das Forum. Ein weiterer Vorschlag sieht ein Verbot von nicht nachhaltigen Sicherheiten für Derivatetransaktionen vor. Die Attraktivität „unsauberer“ Anlagewerte würde somit verringert und die Handlungsfelder eingeschränkt.

Auch in unserem Projektalltag nehmen wir wahr, dass Institutionen des (Schatten)Finanzsystems zunehmend bei uns anfragen. Inhaltlich geht es hier meistens um Themen wie Kulturwandel, New Work und Arbeitgeberattraktivität, sowie Aufbau eines -Grundverständnisses zum Thema Nachhaltigkeit, ESG und SDG, aber auch der Wunsch nach Ende-zu-Ende begleiteter, nachhaltiger Produktentwicklung wird lauter. 

Erst jüngst durften meine Kolleginnen Lucia Stiglmaier und Johanna Santner einen Kunden bei der Befähigung seiner Mitarbeitenden in den Themen ESG und SDG, mit anschließender, marktnaher Entwicklung eines nachhaltigen Produktangebots begleiten. Nach drei Monaten stand das Produkt und unser Kunde konnte einen dringenden Bedarf am Markt decken und zugleich zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen. Dieser Umstand stimmt uns optimistisch, dass Vertreter des Schattenbankensystems sich auch ohne regulatorischen Druck auf den Weg in Richtung Sustainable Finance machen und die sich daraus ergebenden Chancen frühzeitig begreifen und realisieren. 

Augen auf bei der Wahl der Transformations-Begleiter

Immer mehr Finanzdienstleistungsunternehmen setzen heute bei der Implementierung neuer Systeme und regulatorischer Anforderungen auf agile Ansätze. Häufig wird hierbei allerdings von Kunde und Dienstleister die Anpassung des Vorgehens auf die spezifischen Eigenheiten des Finanzsektors missachtet. Die Gefahr: Weniger erfolgreiche Projekte. Missmanagement bei agilen Projekten liegt häufig an vier Faktoren: 

  1. mangelndem Wissen über die Komplexität des Bankensystems, das durch verschiedene Kernsysteme gekennzeichnet ist, 
  2. mehreren beteiligten Anbietern und Systemlieferanten, 
  3. Koordinationsproblemen zwischen agilen und nicht-agilen Einheiten/Lieferanten, 
  4. schwacher Ausführung agiler Prozesse und Zeremonien aufgrund fehlender agiler Denkweisen/Prinzipien.

Ein Ausblick:

Der Hebel im Schattenfinanzsystem ist groß. Auch hier kann ein enormer Beitrag zu Steigerung der Nachhaltigkeit in der gesamtdeutschen Wirtschaft geleistet werden. Eine pauschale Aussage zur Gefahr der Schattenbanken für eine nachhaltige Zukunft kann allein schon deshalb nicht getroffen werden, da die Akteure sehr heterogen sind. Auch hier unterliegen Vertreter Regularien und haben oft ein Interesse an langfristiger Betrachtung ihrer Investitionen. Neben dem Druck der Gesetzgeber rückt auch der gesellschaftliche Druck, sowie Konkurrenzdruck durch Mitbewerber immer stärker in den Vordergrund. Dies bestätigt uns die Interaktion mit Marktteilnehmern.

Wichtig ist jetzt, die Kluft zwischen stark und weniger stark regulierten Finanzmarktakteuren genau im Blick zu halten, Interessenskonflikte zu vermeiden und den Finger dort in die Wunde zu legen, wo aktuell der blinde Fleck der Gesetzgebung opportunistisch und klimaschädlich genutzt wird. In der Verantwortung sehen wir hier Gesetzgeber, Regulierer, NGOs und Wissenschaft. 

Bildquelle:  Hert Niks on Unsplash

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Finance
Sustainable Finance
Lucas Gorlesky
December 7, 2022

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