Innovation & Bau? Das Potential von Agile, Lean und BIM

Die Baubranche boomt zurzeit, doch trotz der großen Nachfrage nach Planungs- und Bauleistungen weist diese noch immer eine viel zu geringe Produktivität und Innovationskraft auf. Welche Voraussetzungen müssen also in Planungsbüros und im Baugewerbe geschaffen werden, damit die Vorteile der Digitalisierung und das Potential von BIM erfolgreich genutzt werden und neue innovative Geschäftsmodelle entstehen können? Und welche Rolle spielen dabei agile Methoden und das Lean Management?

Profitabilität und Innovation im Bau sind möglich

Entgegen dem allgemeinen Trend in der Baubranche gibt es in Deutschland sehr wohl einige hochinnovative und sehr profitable Bau- und Planungsunternehmen. Gerade Generalunternehmen können ein großes Innovationspotential ausschöpfen, wenn ein Großteil der Wertschöpfung beim Planen und Bauen im eigenen Haus geschieht. Dadurch wird der Bauprozess in weiten Teilen kontrollier- und optimierbar. Ein klarer Fokus auf Produkte hilft, die Zügel in der Kundenkommunikation und in der Weiterentwicklung der Produkte in der Hand zu behalten. Auf dieser Basis wird projektübergreifende Serienfertigung mit dem damit verbundenen Innovationspotential möglich. Eine lernende Organisation und eine Kultur dezentraler Entscheidungen sind der Schlüssel für Veränderungsfähigkeit und Innovationskraft.

Wenn nun eine kontinuierliche Verbesserung von Prozessen und Innovation im Bau durchaus möglich ist, warum gilt dann die Baubranche weithin als wenig innovativ? Die Antwort liegt zum Teil im Projektgeschäft als solchem und zum Teil in der Zusammenarbeitskultur. Nur wenigen Planungsbüros und Unternehmen gelingt es, trotz Projektgeschäft eigene Standards zu etablieren und entlang der Wertschöpfungskette Schnittstellenverluste in der Zusammenarbeit zu minimieren.

Die Planungsbüros und Bauunternehmen, die heute erfolgreich mit eigenen Standards arbeiten, beschäftigen sich oftmals schon seit Jahren und Jahrzehnten damit.

Diese Unternehmen haben während der verschiedenen Phasen der Digitalisierung, von Datenbanken über CAD bis hin zu Cloud und BIM, stets aktiv eigene Systeme und Standards etabliert und weiterentwickelt. Dabei war Effizienz in der Datengenerierung und Datenübermittlung stets ein wesentlicher Treiber der Entwicklung. Innovation kann da entstehen, wo es gelingt, auf dem Markt die eigenen Planungs- und Bauprodukte mehrwertschaffend für Kunden zu platzieren und dabei die durch Standardisierung, Automatisierung und Digitalisierung möglichen Potentiale voll auszuschöpfen. Aus den daraus resultierenden Neuerungen in der Bauabwicklung können dann neue Geschäftsmodelle mit großen Wachstumspotentialen entstehen.

Gerade im Baugeschäft entsteht Innovation eher langsam und stetig als schnell und disruptiv, denn schließlich müssen technische Neuerungen erst in das komplexe Gesamtgefüge der Bauentstehung integriert werden und letztlich sichtbaren Mehrwert für Kunden generieren.

Schauen wir uns anhand von einigen Beispielen an, wie Innovation im Bau aussehen kann:

  • Schlüsselfertig-Generalunternehmen, Deutschland:
    Robotergefertigte Stahlträger für Parkhausdecken mit optimierten, aus Coil hergestellten Steg- und Flansch-Querschnitten; Voraussetzung: etabliertes, standardisiertes und systematisiertes Parkhaus-Produkt mit großen Stückzahlen;
  • Großkonzern für Ingenieurdienstleistungen, Nordeuropa:
    Cloudbasierte Datenbank mit projektübergreifend aggregierten Geo- und Bauwerksdaten als Basis für Regional-, Infrastruktur-, Stadt- und Gebäudeentwicklung (Big Data); Voraussetzung: breite Datenbasis aufgrund tausender landesweit realisierter Projektplanungen verbunden mit eigenen IT-Ressourcen;
  • Generalplanungsbüro, Auslandsabteilung:
    Schnelle 5D-Generalplanung mit Kostensicherheit und Visualisierung in frühem Planungsstadium; Voraussetzung: durch hunderte realisierte Projekte validierte, Gewerke-übergreifende 5D-Bauteildatenbank und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Bauunternehmen von Planungsbeginn an.

Die vorgenannten Beispiele verdeutlichen, dass Neuerungen in der Baubranche bestimmte Voraussetzungen entlang der Wertschöpfungskette brauchen, um sich am Markt durchzusetzen und zu etablieren. Eine ganz wichtige Voraussetzung sind etablierte Prozesse in großer Stückzahl und eine etablierte Gewerke- und Bauphasen-übergreifende Zusammenarbeit.

Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit ist die Basis

Die Vertragskultur im Bauwesen in Deutschland motiviert tendenziell zu einem Gegeneinander-Arbeiten und Absichern anstatt zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Daher sind Innovationen, die sich am Markt durchsetzen eher von denjenigen zu erwarten, die bereits eine Lösung für eine gute Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette gefunden haben und deshalb nach vorne schauen und optimieren können, anstatt im Absicherungs-Schriftverkehr zu versinken. Demzufolge gehört die Zukunft denjenigen, denen es gelingt, gute Zusammenarbeit und optimierte Prozesse mehrwertbringend für den Kunden auf die Straße zu bringen. Das können z. B. Generalüber- und -unternehmer, Generalplaner oder in kleinem Maßstab Baumeister sein, die mit einer Handvoll Handwerker vertrauensvoll mit dem Bauherrn zusammenarbeiten.

Dabei dürfte es in Deutschland denjenigen Unternehmen leichter fallen, neue Wege zu gehen, die sich auf privatwirtschaftliche statt öffentliche Aufträge konzentrieren, die eine große Bandbreite der Wertschöpfungskette abdecken und idealerweise im Ausland gewonnene Lernerfahrungen mit integrativen und partnerschaftlichen Vertragskulturen mitbringen.

Agile, Lean Construction und BIM dürfen nicht überschätzt werden

Ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Gewerken und Bauphasen in Grundzügen etabliert, dann kann mit Methoden wie Agile, Lean Construction und BIM darauf aufgebaut und in weiterer Folge die Prozesse optimiert werden. Wer jedoch glaubt oder hofft, dass die vorgenannten Methoden aus sich heraus für Innovation sorgen könnten, übersieht, dass eine Kultur der Zusammenarbeit bereits vor Anwendung neuer Methoden funktionieren oder mit deren Hilfe hergestellt werden muss. Zusammen mit vielfach bewährten Prozessen wird eine Grundlage für die Weiterentwicklung des Bewährten hin zu etwas Neuem geschaffen. Und dann erst ist der Weg frei für Innovation im komplexen Geschäft des Planens und Bauens.

Was ist eure Sicht auf Innovation in der Baubranche? Welche Erfahrungen habt ihr mit Agile, Lean Construction und BIM gemacht? Wo seht ihr die Zukunft der Baubranche?

Ihr seid eingeladen, mit uns zu diskutieren und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Kommt am 13. März 2019 zum Meetup „Innovation & Bau? Das Potential von Agile, Lean und BIM“. Wir freuen uns auf euch!

Hier könnt ihr euch anmelden!

Geschrieben von

Arved Weidemüller Arved Weidemüller

Mit Scrum fand Arved Weidemüller einen Rahmen für das, was ihm in Projekten wichtig ist: ein menschliches Miteinander, Kommunikation und eine klare, kundenorientierte Vision. Ein deutlich definiertes „Warum?“ bringt aus seiner Sicht mehr Erfolg als die reflexartige Frage nach Terminen und Kosten. Als Champion für OKR (Objectives & Key Results) berät er Großkonzerne und Mittelständler. Durch seine umfangreiche Erfahrung im Baumanagement – er ist Architekt, zertifizierter Projektsteuerer und Mitglied im German Lean Construction Institute – findet Arved leicht den Draht zu Menschen auf allen Hierarchiestufen. Er sieht seine Aufgabe darin, einen gemeinsamen Willen zu schaffen, mit dem echte Veränderung möglich wird. Im Zusammenhang mit Digitalisierungsprojekten und Building Information Modeling begann er bereits 2015, agile Arbeitsweisen in der Bauprojektplanung einzusetzen und bringt als agiler Berater bei borisgloger consulting sowohl Bau- als auch Softwareentwicklungsprojekte voran.

TEILE DIESEN BEITRAG

Share on facebook
Share on google
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on print
Share on email