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Der mittelständische Bäcker Gerhard Bosselmann sagt es uns mit bewegter Stimme (auch wenn sich beim genauen Hinschauen einige Diskrepanzen ergeben, das ist mir bewusst): Es sind unzählige Existenzen gefährdet. Egal, ob durch das Verhängen von Ausgangssperren und -beschränkungen überreagiert wird, wie es der Präsident der deutschen Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, in Steingarts Morning Briefing dargestellt hat. Die Österreicher sehen es anders, und deshalb verbringt mein gesamtes österreichisches Team gerade seine Zeit im Homeoffice. Wir Unternehmer müssen uns Gedanken darüber machen, wie es weitergeht. Auf die Politik können wir nicht wirklich warten, denn am Ende dieses Monats müssen die Gehälter bezahlt werden.

Was also tun, um das eigene Unternehmen, in das ich in meinem Fall 20 Jahre meines Lebens gesteckt habe, zu retten? Ein Unternehmen, in dem derzeit 60 Familien von unserem gemeinsamen Erfolg abhängen und die am Ende natürlich ihre Existenzen bedroht sehen. Haben wir Berater viel Speck angesetzt, wie einige meinen, und können wir unsere Firmen auf jeden Fall durchbringen? Nun, wie es auch Herr Bosselmann sagt: Ein paar Monate wird jeder Unternehmer durchhalten. Doch wie lange diese Krise dauern wird, weiß derzeit niemand.

Die Chinesen machen erst jetzt, nach rund vier Monaten, die Städte wieder auf. Wir selbst haben bis jetzt Glück im Unglück: Unser Team ist hochmotiviert, die ersten Online-Schulungsangebote gehen raus und unsere Kunden arbeiten (noch) weiter mit uns. Doch das ist nicht bei allen so, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe. Einigen Branchenkollegen ergeht es ganz anders: Die Kunden stornieren oder verschieben Aufträge. Die Umsätze brechen ein.

Die Regierungen in Deutschland und Österreich haben unterschiedlich schnell ähnliche Maßnahmen beschlossen: Kredite für die Wirtschaft und Kurzarbeitergeld – und ja, auch wir haben uns informiert und werden davon Gebrauch machen, wenn es notwendig wird.

Möglichkeit für Kredite

Die KFW macht tatsächlich ein auf den ersten Blick generöses Angebot: Sie übernimmt 90 % des Ausfallrisikos, die Hausbank muss 10 % übernehmen. Damit ist dann schon einmal alles sehr einfach, oder? Tja, und dann kommt der Haken: Dennoch geht der Unternehmer/Gesellschafter selbst in Bürgschaft. Kann das Unternehmen die Kredite dann vielleicht in zwei Jahren doch nicht bezahlen, bleibt der Kredit am Gesellschafter, also an mir, hängen. Ungut, denn in meinem Fall ist ja dann das Geld weg. Anders wäre das bei einem Kredit für ein Haus: Da wäre zwar das Haus weg, aber eben nicht das Privatvermögen. Dennoch – die Konditionen sind sehr gut. Es lohnt sich, bei der Hausbank anzufragen. Und zwar jetzt! Denn die Bearbeitung des Kredites dauert sicher zwei bis drei Wochen. Zumindest hat mir das meine Hausbank gesagt.

Möglichkeit zur Kurzarbeit

Die andere Unterstützung: Kurzarbeitergeld (bzw. in Österreich: Corona-Kurzarbeit). Wie es in Deutschland funktioniert, erklärt euch am besten euer Steuerberater, oder ihr schaut hier auf der Seite der Agentur für Arbeit nach.

Auch hier gibt es eine Hürde: Die meisten kleineren Unternehmen, wie auch wir, haben wahrscheinlich nicht in ihren Arbeitsverträgen stehen, dass das Unternehmen Kurzarbeit anordnen darf. Also muss dieses Thema auf die Schnelle vorangetrieben werden. Ein Serienbrief muss raus und alle Kollegen und Mitarbeiter müssen nicht nur informiert werden, sondern jeder Einzelne müsste dieser Arbeitsvertragsänderung zustimmen. Das heißt, die Zustimmung kann auch verweigert werden – doch hier wird jede Firma ihre Regelung mit ihren Kollegen finden.

Wir haben auch hier Glück: Unser Team versteht, dass es um die Sicherung unserer Arbeitsplätze geht und nicht darum, Leute zu entlassen. Ganz im Gegenteil: Wir stellen gerade sogar neue Mitarbeiter ein. Wir schauen nach vorne. Doch wir müssen alle Optionen ausloten, weil wir uns auf die Möglichkeit einstellen müssen, dass sehr schwere Zeiten auf uns zukommen.

Meine Strategie: Investieren statt entlassen

Der dritte Weg: Kosten und Mitarbeiter reduzieren. Auf gut Deutsch: Kollegen entlassen. Davon halte ich gar nichts. Klar, auch wir tätigen jetzt keine unnötigen großen Anschaffungen. Aber wenn es in dieser Situation nötig ist, die Lizenzen für Microsoft Teams aufzustocken, 10 Kameras zu kaufen oder einen langsamen gegen einen schnelleren PC auszutauschen, dann passiert das. Eine schnellere Internetverbindung beim Provider zu bestellen – all das muss jetzt sein. Jetzt in die Menschen im Unternehmen investieren, in die Zeit, in die Ausbildung, in die Führung – jetzt in der Krise heißt es: nicht kleckern, sondern klotzen. Machen wir uns fit für die Krise, seien wir jetzt für die Leute im Unternehmen da und helfen wir schnell. Nicht sparen, sondern das Geld ausgeben – wenn wir nicht jetzt investieren, dann können wir uns auch nicht auf die neue Situation einstellen.

Wir brauchen also jetzt die Gelder der KFW und die Umsätze unserer Kunden, um zuversichtlich in die Zukunft schauen zu können. Und wir müssen jetzt mit unseren Lieferanten fair umgehen. Wir dürfen ihnen nicht den Hahn zudrehen, sondern müssen sie mitnehmen durch die wilden Wasser. Ich wünsche uns allen, dass es gelingt.

 

Geschrieben von

Boris Gloger Boris Gloger Boris Gloger zählt weltweit zu den Pionieren und Innovatoren von Scrum.  Er war der erste Certified ScrumTrainer und wurde von Ken Schwaber ausgebildet. Boris Gloger hat die Scrum-Praktiken so aufbereitet, dass sie weltweit erfolgreich von Teams angewendet werden können. Als Trainer hat er Maßstäbe für die Vermittlung von Scrum in Skandinavien, im deutschsprachigen Raum, in Brasilien und in Südafrika gesetzt: Das Ball-Point Game, das Schätzen ohne Aufwände und viele andere Ideen sind heute Standards bei der Einführung von Scrum. Seine Erfahrung spricht für sich: Seit 2004 hat Boris Gloger über 5000 ScrumMaster und Product Owner zertifiziert. Unternehmen der Automobilbranche, aus dem Bankensektor, im Versicherungswesen, der Telekommunikationsindustrie und des eBusiness setzen auf sein Team, wenn es darum geht, Scrum schnell, effektiv, erfolgreich einzusetzen.

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