So erhältst du ehrliche Antworten in deinen nutzerzentrierten Interviews

Du bist agil. Du arbeitest daran, deine Nutzer:innen zu verstehen. Zu Beginn einer Produktentwicklung triffst du sie für ein Interview. Aber stellst du auch die richtigen Fragen? Mit diesem Guide erfährst du wirklich, was du wissen willst.   

Nutzerzentrierte Entwicklung ist in vielen Unternehmen angekommen. Anstatt Produktentscheidungen aus dem Elfenbeinturm heraus zu treffen, gehen Entwicklungsteams auf ihre Nutzer:innen zu und versuchen, im persönlichen Kontakt mehr über ihre Bedürfnisse zu erfahren.  

Da die meisten neuen Produkte nicht an den technischen Hürden scheitern, sondern an der fehlenden Nachfrage des Markts, kann dieser erste Schritt vor die Haustür über Wohl und Wehe des Produkts entscheiden. 

Wer viel Zeit und Geld sparen will, stellt daher den Direktkontakt mit den Nutzer:innen ganz nach vorne in den Entwicklungsprozess, um herauszufinden, ob bei der Zielgruppe ein echter Bedarf besteht.  

Doch gerade in diesem Schritt liegt ein besonderes Risiko, das den meisten Entwicklungsteams zur Fallgrube wird: Wer falsch fragt, bekommt auch die falschen Antworten.  

Wenn du schon einmal eine der folgenden Fragen in einem Interview gestellt hast, bist du selbst schon einmal in diese Fallgrube getappt: 

  • Würdest du ein Produkt kaufen, das Problem XY löst? 
  • Was müsste dein Traumprodukt können? 
  • Wie viel würdest du für dieses Produkt bezahlen? 
  • Wie findest du unsere Lösungsidee? 
  • Könntest du dir vorstellen, zu einem Produkt der Marke XY zu wechseln? 

Denn all diese Fragen haben eine Sache gemeinsam: Sie sind hypothetisch. Der Gefragte muss sich eine Situation vorstellen und daraus auf sein Verhalten bzw. seine Vorlieben schließen. Aber darin sind wir Menschen nicht gut. Das Ergebnis ist also eine verbindlich klingende Falschauskunft – meistens zu positiv. Und das hat schon viele Product Owner dazu gebracht, in ein Produkt zu investieren, das letztlich keiner braucht.  

Daumenregel: Stell keine hypothetischen Fragen!

Meine Empfehlung ist: Um Interviews zu führen, die echte Erkenntnisse bringen, solltest du radikal alle Fragen streichen, die auf eine hypothetische Situation abzielen. Du erkennst sie meist daran, dass sie einen Konjunktiv enthalten.  

Ja, das Streichen dieser Fragen wird weh tun. Es scheint, als wäre die Frage dein einziger Zugang zu sehr wichtigen Informationen. Und besser, man hat eine vage Antwort als gar keine Antwort, richtig?

Falsch. Meiner Erfahrung nach richtet eine vage falsche Antwort sehr viel mehr Schaden an als eine nicht vorhandene, denn sie vermittelt eine Sicherheit, die es nicht gibt. Wer keine Antwort hat, geht vorsichtig vor. Wer eine möglicherweise falsche Antwort hat, verlässt sich auf diese, in der Hoffnung, damit richtig zu liegen.

Besser: Du fragst nach bereits erfolgtem Verhalten!

Wie geht es also besser? Wonach solltest du stattdessen fragen? Die Antwort lautet nach Verhalten, das tatsächlich bereits erfolgt ist. 

Frag deine Nutzer:innen danach, wie sie sich in der Vergangenheit verhalten haben oder in der Gegenwart gerade verhalten. Je besser die Situation vergleichbar ist zu deiner Produktidee, desto mehr Vorhersagekraft hat diese Aussage. Frage sie, wie sie mit dem Problem gerade umgehen. Frage sie, was es sie kostet – monetär oder mental – das Problem noch nicht gelöst zu haben. Frage sie, wie sie an ähnliche Situationen herangegangen sind und was sie dort bezahlt haben.  Und ganz wichtig: Frage sie, was sie aktuell unternehmen, um das Problem zu lösen! 

Denn viel zu oft wird deine Zielgruppe in Interviews über ein Problem klagen, für das sie angeblich keine Lösung besitzt. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus: es gibt Lösungen, das Problem war den Nutzer:innen nur nicht wichtig genug, um nach diesen Lösungen zu suchen oder dafür zu bezahlen.  

Wer einem solchen Pseudoproblem in die Falle tappt, verschwendet schnell viel Geld für eine unnötige Lösungsentwicklung.  

Der Best Case: Deine Nutzer:innen haben einen Workaround entwickelt 

Den Jackpot hast du dagegen getroffen, wenn deine Zielgruppe das Problem mit einem umständlichen Workaround löst. Denn nun weißt du: das Problem ist erstens relevant und zweitens aktuell nicht einfach lösbar. Hier hast du einen sehr guten Ansatz für ein neues Produkt! 

So gehst du am besten vor:

Wie also solltest du an Nutzerinterviews herangehen? 

  1. Streiche alle Fragen, die Nutzer:innen zur Beurteilung einer hypothetischen Situation zwingen. 
  1. Frage nach dem aktuellen oder vergangenen Verhalten der Nutzer:innen in möglichst vergleichbaren Situationen. 
  1. Versuche zu verstehen, wie groß der Pain der Nutzer:innen bezüglich ihres Problems ist. 
  1. Frage nach Lösungsansätzen, welche die Nutzer:innen bereits ausprobiert haben. Ist die Antwort „keine“, weißt du, dass es sich um ein Pseudoproblem handelt.  

Bildquelle: Christina @ wocintechchat.com auf Unsplash

Agile Toolbox
Produktentwicklung
Bernhard Eickenberg
March 28, 2023

Table of content

Diesen Beitrag teilen

Das könnte auch interessant sein:

Agile Coach
Agile Management
Agile Organization
Agile Prinzipien
Agile Toolbox

FRAGE: Warum macht ihr eigentlich kein SAFe?

Agile Management
Agile Organization
Agile Prinzipien
Agile Toolbox
Transformation

FRAGE: Was kostet eine agile Transformation?

Agile Management
Agile Organization
Agile Toolbox
Leadership
Agiles Lernen

FRAGE: Welche Rolle spielt Training?

Agile Coach
Agile Management
Agile Organization
Agile Prinzipien
Agile Toolbox

FRAGE: Wer sind die Top 10 agilen Unternehmensberatungen?

Agile Management
Agile Organization
Agile Tools
Agiles Management
Leadership

FRAGE: Wie viel bringt die Investition? Was ist der Business Case dahinter?

Agile Management
Agile Organization
Agile Prinzipien
Agile Toolbox
Führung

FRAGE: Welche sind häufige Herausforderungen, die ihr beim Kunden löst?

Agile Management
Agile Organization

FRAGE: Warum sollten wir mit borisgloger arbeiten?

Agile Management
Agile Organization
Agiles Management
Transformation

FRAGE: Wie viel kostet eine Beratung und ist es wirklich rentabel bei borisgloger?

Agile Prinzipien
Agile Toolbox
Projektmanagement

The Lie Behind the Parable of the Golf Balls and the Jar

Video
Change
Digitale Transformation
Hardware
Agile Organization

Agile in Industrial Automation: The Digital Transformation of Yokogawa

Versicherung
Neues Arbeiten
Führung
Agile Prinzipien
Kundenfokus

Kundenzentrierte Versicherung: Kann ein agiles Projekt die Organisation retten?

Versicherung
Change
Digitale Transformation
Agile Prinzipien
Kundenfokus

Agilität in den Vertrieb bringen – für Versicherer sinnvoll

Versicherung
Agile Prinzipien
Kundenfokus
Agile Toolbox
Produktentwicklung

BizDevOps in der Versicherungsbranche – Wie multidisziplinäre Teams wirklich besetzt sein sollten

Versicherung
Agile Prinzipien
Kundenfokus
Neues Arbeiten
Meetings

Undercover Agile für Versicherer: 5 agile Praktiken für Ihr klassisches IT-Projekt

Versicherung
Change
Digitale Transformation
Agile Prinzipien
Kundenfokus

IT-Projekte in der Versicherungsbranche – Das Rennen um die Time-to-Market

Team
Neues Arbeiten
Agile Prinzipien
Selbstorganisation
Social Skills

Umgang mit Fehlern & Diversität – Erfolgreiche agile Teams #2

Team
Neues Arbeiten
Agile Toolbox
Produktentwicklung

Das Geheimrezept von High-Performance-Teams

Team
Arbeiten bei borisgloger consulting
Agile Prinzipien
Freiwilligkeit
Selbstorganisation

Konsent und offene Wahl: 2 Prinzipien aus der Soziokratie, die jedes agile Team gebrauchen kann

Team
Neues Arbeiten
Meetings
Social Skills

Der agile Adventkalender

Team
Agile Toolbox
Scrum
ScrumMaster-Praxistipps
Agile Prinzipien

Selbstorganisation der Teams fördern: Ask the team!

Team
Agile Toolbox
Design Thinking

Who Recognizes the Truly Good Ideas?

Team
Agile Organization
Transformation

Pizza Is Not Dead, and Neither Is Agility

Scrum4Schools
Neues Arbeiten
Führung
Life
Social Skills

Trauen wir unseren Kindern mehr zu – auch in der Schule!

Scrum4Schools
Change
Agiles Lernen
Neues Arbeiten
Remote Arbeiten

Eine Scrum4Schools-Projekt-Rückschau mit Physiklehrer Ivan Topic

Scrum4Schools
Mehr Formate
Interview
Nachhaltigkeit

Mit Scrum4Schools dem Weltraum auf der Spur

Scrum4Schools
Change
Agiles Lernen

Scrum4Schools - ein Projekt nimmt Fahrt auf

Scrum4Schools
Agile Schulentwicklung
Agile Toolbox

Technik im Alltag - Scrum4Schools zu Gast in Langenzersdorf

Projektmanagement
Agile Toolbox
Scrum
Scrum-Begriffe
ScrumMaster-Praxistipps

Sprechen Sie Agile? Den klassischen Projektplan in die agile Welt überführen

Projektmanagement
Agiles Management
Agile Toolbox
Scrum
Enterprise Scrum

Das Management in Scrum

Projektmanagement
Change
Digitale Transformation

Agilität in der Logistik oder: Liefern wie Amazon

Projektmanagement
Agile Toolbox
Scrum

Meilensteine und Scrum

Portfoliomanagement
Project management

Too many projects? Portfolio management simplified

Neues Arbeiten
Mehr Formate
Agile Toolbox
Scrum
Scrum Values

Wie agiles Arbeiten die Kommunikation aus der Selbstverständlichkeit holt

Neues Arbeiten
Change
Agiles Lernen
Mehr Formate
Audio

New Learning heute für das New Work von morgen – mit Angelika Weis

Neues Arbeiten
Change
Soziale Innovation

New Work Experience 2019 – ein Erfahrungsbericht

Neues Arbeiten
Audit
Change

Agil im Audit: das Starter-Kit

Neues Arbeiten
Agile Toolbox
Scrum
Scrum4Schools
Agile Prinzipien

Scrum4Schools: Lernen für die Zukunft

Neues Arbeiten
Agile Toolbox
Scrum
Scrum Meetings
Retrospektive

Arbeiten wir uns gesund!

Neues Arbeiten
Agile Toolbox
Scrum
ScrumMaster-Praxistipps

Who should be in (agile) HR?

Neues Arbeiten
Agile Toolbox
Scrum
Scrum Values

Glauben Sie an die Seele Ihrer Firma?

Neues Arbeiten
Agile Toolbox
Scrum
Product Owner
ScrumMaster-Praxistipps

Produktivität auf Irrwegen: "Führen wir schnell mal Scrum ein!"

Neues Arbeiten
Agile Prinzipien
Selbstorganisation
Social Skills
Team

Freiwilliges Teilen von Wissen – Erfolgreiche agile Teams #5

Neues Arbeiten
Agile Prinzipien
Selbstorganisation
Social Skills
Team

Doing vs. Being Agile – Erfolgreiche agile Teams #1

Neues Arbeiten
Agile Prinzipien
Selbstorganisation
Social Skills
Team

Freude bei der Arbeit & Sustainable Pace – Erfolgreiche agile Teams #3

Neues Arbeiten
Agile Prinzipien
Selbstorganisation
Social Skills
Team

Anpassungsfähigkeit & schonungslose Offenheit – Erfolgreiche agile Teams #4