Konsent und offene Wahl: 2 Prinzipien aus der Soziokratie, die jedes agile Team gebrauchen kann

Die Soziokratische Kreisorganisationsmethode (SKM) im eigenen Unternehmen zu etablieren, braucht Zeit und Begleitung von außen, um einen kritischen Blick auf die Organisation, ihre Prinzipien und ihre Machtverhältnisse gewährleisten zu können. Es gibt jedoch ein paar Prinzipien in der SKM, die sich agile Teams oder Organisationen zu Nutze machen können, unabhängig davon, ob sie ihre Entscheidungs- und Organisationsstruktur mit SKM erweitern wollen.

Konsentprinzip

In der SKM werden Entscheidungen bewusst getroffen, sie werden moderiert und es wird im Konsent entschieden. Konsent bedeutet, dass alle Stimmen gehört und Meinungen, Sorgen, Bedürfnisse und Einwände eingebracht werden. Nachdem alle Informationen und Meinungen geteilt wurden, werden diese integriert und Einverständnis gesucht. Das kann bedeuten, dass man einen Beschluss eventuell nicht gutheißt, aber dennoch seinen Konsent gibt, um in einer Sache weiterzukommen – nach dem Motto: „Es ist gut genug für jetzt und wir haben genug Sicherheit, um es zu probieren.“

Agile Teams können Konsententscheidungen nutzen, um z. B. über Produktfeatures oder Themen zu entscheiden, die das ganze Team betreffen.

Mehr über das Konsentprinzip erfahren Sie hier.

Offene Wahl

Die offene Wahl findet immer dann statt, wenn für eine Funktion oder eine Aufgabe eine neue verantwortliche Person gesucht wird. Nachdem die zu übernehmende Verantwortung besprochen wurde, schlägt jede:r im Kreis die Person vor, die er oder sie für geeignet hält. Die Begründung für die Nominierung wird offen geteilt, was den Vorteil hat, dass alle im Kreis eine faire Chance haben, die Verantwortungsposition zu erhalten und die Stimmen der bisherigen Verantwortlichen (und/oder laute Stimmen) nicht mehr Gewicht haben als andere. Nachdem jede:r die eigene Meinung geteilt hat, wird ein Konsent gesucht. Nun kann die Person mit den meisten Stimmen die Wahl annehmen, klären, was sie oder er bräuchte, um die Wahl annehmen zu können, oder ablehnen.

Agile Teams können die offene Wahl nutzen, um z. B. Rollen zu besetzen. Wir haben angefangen, die offene Wahl zu nutzen, wenn wir Rollen neu besetzen, z. B. wenn ein ScrumMaster in Elternzeit geht und die Rolle deshalb abgibt. Dabei haben wir festgestellt, dass einem die offene Wahl die Gelegenheit gibt, sich wirklich kritisch damit auseinanderzusetzen, wer eine bestimmte Verantwortung gut übernehmen kann und warum. Außerdem stärken die Darlegungen und das positive Feedback die Person, auf die die Wahl fällt.

Mehr über die offene Wahl erfahren Sie hier.

Gleichberechtigung durch Kreisarbeit

Warum sind das Konsentprinzip als auch die offene Wahl für agile Teams nun sinnvoll? In beiden Fällen nutzen wir die Kreisarbeit (mehr dazu hier). In hierarchischen Unternehmen haben wir oft beobachtet, dass bei der Einführung von agilen Teams die Rollen Product Owner und ScrumMaster von ehemaligen Führungskräften ausgeübt werden. Kreisarbeit und Konsententscheidungen helfen dabei, dass die Macht im Team nicht nur bei diesen zwei Rollen liegt. So gibt es bei der Kreisarbeit eine feste Sprechreihenfolge, jede Stimme wird gleichberechtigt wahrgenommen. Das hat den großen Vorteil, dass bei Entscheidungen oder einer Wahl alle Perspektiven gehört und geteilt werden – unabhängig vom Hierarchielevel und ohne, dass sich zurückhaltende Menschen erst Gehör verschaffen müssen.

Werden in (agilen) Teams Entscheidungen gleichberechtigt getroffen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich alle an die gemeinsame Entscheidung halten.

Prinzip der Freiwilligkeit vs. offene Wahl – ein Widerspruch?

Bei borisgloger leben wir das Prinzip der Freiwilligkeit (Pull-Prinzip) und nehmen dieses sehr ernst. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir Aufgaben über eine Art Marktplatz „anpreisen“ und jede:r aus dem Unternehmen sich diese Aufgabe ziehen kann. Ähnlich verhält es sich mit unseren Rollen: Wer eine ScrumMaster-, Product-Owner- oder andere Rolle (z. B. OKR-Champion) übernimmt, wird nicht durch eine:n Vorgesetzte:n bestimmt, und ist an keine Gehaltserhöhung gekoppelt. So stellen wir nicht nur sicher, dass die Menschen wirklich an den Rollen interessiert sind, die sie übernehmen, sondern auch, dass man eine Rolle wieder abgeben kann, ohne dass bürokratischer Aufwand entsteht.

Als wir begonnen haben, unsere Strukturen mit der SKM zu erweitern, haben wir uns allerdings gefragt, ob hier ein Widerspruch entsteht: Mit dem Prinzip Freiwilligkeit „ziehe“ ich mir eine Rolle, in der offenen Wahl werde ich nominiert. Der Widerspruch löst sich bei einer offenen Wahl aber auf, weil man sich selbst zur Wahl stellen und für sich stimmen kann. Wird man andererseits nominiert und gewählt, obwohl man die Rolle nicht möchte, kann man ablehnen.

Soziokratie und Agilität – zwei kompatible Ansätze?

Wie Sie sehen, lassen sich die offene Wahl und das Konsentprinzip ohne großen Aufwand bei agilen Teams integrieren. Neben diesen beiden Prinzipien gibt es aber noch weitere Ähnlichkeiten zwischen der Soziokratie und Agilität:

1. Umgang mit Veränderungen und Lernen

Umstände und Meinungen können sich ändern – neue Erkenntnisse zu sammeln und Anpassungen zu machen, ist sowohl in der Agilität als auch in der Soziokratie wichtig. Agile Teams nutzen Reviews und Retrospektiven, um zu prüfen, ob Produkt und Prozess in die richtige Richtung gehen oder Anpassungen erforderlich sind. Zwar hat die Soziokratie keinen festen Prozess wie eine Retrospektive etabliert, aber auch hier wird davon ausgegangen, dass Entscheidungen überprüft und gegebenenfalls geändert werden müssen. „Fehler“ (besser gesagt: Messungen (Soziokratie) oder Ergebnisse (Agile), die zeigen, dass es nicht in die gewünschte Richtung geht) sind wichtige Lernmöglichkeiten.

2. Transparenz

In der SKM gewährleisten ein Logbuch sowie der Zugang zu allen Informationen, die für eine Entscheidung nötig sind, Transparenz. In der Agilität entsteht Transparenz zum Beispiel bei Scrum-Teams durch ein offenes und transparentes Backlog und die Dokumentation. Auch alle Meetings, abgesehen von der Retrospektive, sollten bei agilen Teams offen sein, d. h. Besucher:innen sind willkommen.

3. Effektivität

Ein gutes Produkt entsteht nicht durch ein perfektes Framework, sondern durch Menschen, die ihre Zeit, Ideen und Motivation in dieses Produkt stecken. Möchten Sie die SKM mit einem agilen Framework wie z. B. Scrum zusammenbringen, sollten Sie sich zuerst ansehen, an welchen Stellen dies für Sie sinnvoll und hilfreich ist (wie z. B. die offene Wahl bei der Vergabe von Rollen). Auch wenn es in vielen Büchern um die Agilität nicht unbedingt erwähnt wird, hat sie nämlich auch dieses wichtige Detail mit der SKM gemeinsam: Beide sind inhaltsleere Methoden und leben davon, dass die Menschen, die sie nutzen, sie mit Leben füllen.

Was kommt als Nächstes?

Sie wollen SKM in Ihrem Team ausprobieren? Dann fangen Sie am besten einfach an! Ich freue mich über Ihre Erfahrungsberichte, Kommentare und Fragen.

Titelbild: Leon, Unsplash

Geschrieben von

Paulina Heins Paulina Heins Der Kontakt mit vielen verschiedenen Kulturen führt unweigerlich dazu, dass man die eigenen Denk- und Handlungsweisen zu überdenken lernt. Mit Scrum hat Paulina Heins einen guten Weg gefunden, um diese Reflexionsstärke noch weiter zu professionalisieren und im täglichen Arbeitsleben sinnvoll einzusetzen. Von Natur aus neugierig sucht sie die Veränderung aktiv, weil Stillstand und Routine nur selten neues Potenzial zutage fördern. Paulina Heins hat einen sechsten Sinn dafür, Impediments zu erkennen und diese zu lösen. Dabei schafft sie es, neben den Bedürfnissen der Teammitglieder auch strategische Überlegungen im Blick zu behalten. Am liebsten arbeitet sie mit spielerischen Methoden, um komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen. Und vorzugsweise mit Teams, in denen man gemeinsam denkt, lernt sowie ungewöhnliche Ansätze ausprobiert.

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