Kundenorientierung & Produktentwicklung – Mobilität digital denken #5

Wie ermöglichen wir Mobilität für jeden und das den aktuellen Anforderungen entsprechend? Anstatt lediglich bestehende Fahrzeugkonzepte und -generationen effizienter zu machen und ihnen ein neues Design zu verpassen? Moderne Produktentwicklung lebt von schnellem Feedback. Daher müssen wir auch in der Automobilindustrie den Nutzer wieder ins Zentrum unserer Entwicklung stellen. Wir müssen also zunächst verstehen, wer unsere Nutzer und vor allem was deren konkrete Probleme sind. Erst danach sollten wir uns Gedanken über mögliche Lösungen machen. Denn wenn wir (vor)schnell in das Denken von Lösungen eintauchen und Prozesse optimieren, riskieren wir, nur „effizienter“ zu werden, aber nicht die echten Nutzerprobleme zu lösen.
Oft sind vermeintliche Innovationen rein technologische Entwicklungen, die keinen Zusatznutzen schaffen. Echte Innovationen entstehen im Zusammenspiel von echten Nutzerbedürfnissen mit technologischer Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Automobilhersteller, die weiterhin überleben wollen, müssen die Mobilität der Zukunft digital denken.

Fehlender Kontakt zum Anwender führt zu falschen Annahmen

Möchte man als Unternehmen in Zukunft am Markt bestehen, muss man die richtigen Produkte bauen. Ob das Produkt „richtig“ ist, merkt man daran, ob es reale Probleme von Anwendern und Anwenderinnen löst. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man den Anwender auch wirklich kennen sollte. Dieses Vorhaben wird in großen Konzernen oft dadurch erschwert, dass ein Kommunikationskanal zum Anwender entweder gar nicht existiert oder voll von Hürden und Filtern ist. Es existieren teilweise ganze Abteilungen, die sich nur um Anforderungsmanagement kümmern. Die Information („Was ICH als Anwender haben möchte“) kommt beim Entwicklungsteam nicht in seiner Reinform an. Die Konsequenz ist eine prozessual und strukturell herbeigeführte Komplexität, die Auswirkungen auf Liefergeschwindigkeit, -qualität und -genauigkeit (d.h. was der Anwender tatsächlich will vs. was er geliefert bekommt) hat.

Annahmen sind keine Fakten

Niemand verlangt, dass man im Entwicklungsprozess eines Produkts stets die richtigen Entscheidungen trifft und sofort nur das Richtige liefert. Dazu ist unsere Umwelt viel zu komplex und schnelllebig. Was wir jedoch oft in der Praxis beobachten, ist, dass Annahmen mit Fakten gleichgesetzt werden. So scheint von Anfang an klar zu sein, wie das Produkt aussehen soll, welches der Kunde angeblich unbedingt braucht. Gibt es eine solide Datengrundlage (Informationen vom Anwender, Erfahrungen, Expertenmeinungen etc.), die ein bestimmtes Vorgehen mehr als nur rechtfertigt, kann man selbstbewusst an die Sache herangehen. Ist dies jedoch nicht der Fall, braucht es ein Vorgehen, um das Risiko zu minimieren, und das heißt schnelles Feedback, um belastbare Daten zu erzeugen.

Die richtigen Probleme lösen mit Design Thinking

Zum Start jeder Produktentwicklung sollte man sich die nötige Zeit nehmen, das Problem des Nutzers wirklich herauszuarbeiten. Ansätze dafür gibt es genug, beispielsweise Design Thinking oder Google Design Sprints. Design Thinking basiert dabei klassischerweise auf insgesamt sechs Phasen (nach dem Ansatz des Hasso-Plattner-Instituts): Verstehen, Beobachten, Sichtweise definieren, Ideen finden, Prototyp entwickeln, Testen. Die ersten drei Phasen bewegen sich noch im Problemraum. Es gilt zunächst, das wirkliche Problem aus Sicht des Nutzers herauszuarbeiten und sich in den Nutzer hineinzuversetzen. Erst nachdem dies klar im Team herausgearbeitet wurde, betreten wir mit den nachfolgenden drei Phasen den Lösungsraum. Dazu sammeln wir die möglichen Lösungsansätze über Techniken wie Brainstorming, erzeugen möglichst viele verschiedene Idee, führen diese zusammen und bauen schnelle Prototypen, die wir den Nutzer testen lassen, um sein Feedback einzuholen.
Grundsätzlich ist es möglich, bei Bedarf (z.B. wenn das Nutzerfeedback das nahelegt) nochmals in eine vorherige Phase zurückzukehren. Entwickeln wir in der Automobilbranchen mehr und mehr digitale Produkte oder Services, so ist es unabdingbar z.B. mit Click-Dummies oder Paper Prototyping extrem schnell und mit geringem Aufwand erste Prototypen zu entwickeln und zu verproben. Dies gilt ebenfalls für die Hardwareprodukte, was mit Methoden wie Rapid Prototyping und dem aktuellen Stand der 3D-Drucktechnik ohne weiteres möglich ist. Es geht darum, für den Nutzer die Lösungsidee möglichst schnell anfassbar und erlebbar zu machen und aus dieser Erfahrung Feedback zu generieren.
Die Besonderheit im Design Thinking ist, dass wir uns in einem interdisziplinären Team radikal auf die Nutzersicht einlassen und nicht sofort Features in ein Scrum Backlog schreiben. Ist das grundlegende Problem des Nutzers identifiziert und erste Lösungshypothesen bzw. Prototypen mit dem Nutzer getestet und es herrscht mehr Klarheit zum Produkt, dann bietet sich nach einem initialen Design-Thinking-Prozess die weitere Produktentwicklung mit Scrum an.

Weniger Risiko durch schnelles Feedback

Die iterative und inkrementelle Herangehensweise mit Scrum erlaubt weiterhin die Generierung von Feedback, in dem man Stück für Stück kleinteilige Produktinkremente nutzbar macht, den Nutzern zum Testen überlässt und ihr Feedback zur schrittweisen Verbesserung immer wieder miteinfließen lässt. Es geht darum, kontinuierlich zu lernen und weiterhin zu überprüfen, ob die gebildeten Nutzenhypothesen verifiziert bzw. falsifiziert werden können. Je unsicherer/unbekannter unser Umfeld ist, desto kürzer wählen wir unsere Iterationen, um Feedbackzyklen kurz zu halten und Risiko zu minimieren. Weiterhin verwenden wir Tools wie Personas, User Stories oder Customer Journeys, um all unsere Entwicklungen konsequent am Nutzer auszurichten. Diese Herangehensweise an eine moderne Produktentwicklung müssen wir konsequent in der Automobilbranche anwenden, um auch künftig nutzerzentriert zu arbeiten.

Erfahren Sie mehr

Kundenorientierung und Produktentwicklung bilden eine der sechs Ebenen in der agilen Transformation. Im ersten Teil der Blogreihe „Mobilität digital denken“ finden Sie die Beschreibungen aller sechs Ebenen. Im nächsten Teil geht es um Management-Frameworks. Alle Blogbeiträge zum Thema Automobil finden Sie unter dem Stichwort „Automobil“.
Wenn Sie mehr über den borisgloger-Zugang in der Automobilbranche erfahren wollen, besuchen Sie unsere Branchenseite Automotive. Für eine Einführung in die maßgeschneiderte Skalierung empfehlen wir Ihnen das myScaled Agile Intro Training.
Geschrieben gemeinsam mit Faruk Ince.
Bild: Pexels License, Startup Stock Photos

Geschrieben von

Michael Friedmann Michael Friedmann

Schon während seines Studiums hat Michael Friedmann in der Automobilindustrie umfassende Erfahrung im Innovationsmanagement, in der Produktentwicklung und in der Produktionslogistik gesammelt. Sein tiefgehendes fachliches Wissen in diesen Bereichen hat er mit viel interdisziplinärem  Know-how ergänzt, was ihn zu einem echten Teamplayer macht. Mit seiner Zielstrebigkeit und strukturierten Vorgehensweise ist Michael Friedmann ein Umsetzer, der andere in Prozessen gut anleiten kann. So wie beim Sport, den er selbst leidenschaftlich betreibt, hält er es aber auch mal als Zuschauer aus, der das Team im Hintergrund mit dem Beseitigen von Hindernissen unterstützt. Dabei bleibt er immer offen für aktuelle Entwicklungen und passt den Weg gegebenenfalls dynamisch an.

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