Wettkampf war gestern – Gemeinschaft macht erfolgreich

In unserer Gesellschaft werden wir mit Wettkämpfen groß. Wir lieben es, zu kategorisieren oder zu messen, nicht nur bei Sportevents. Die beste Marke, das Meistverkaufte, die Schönste. Dabei ignorieren wir, welche Auswirkungen diese Haltung auf unsere Gesellschaft hat – und diese Auswirkungen sind oft kontraproduktiv, besonders im Unternehmenskontext.

Ich kann mich noch gut an meine Zeit als Controller erinnern: In Meetings präsentierte ich meistens alleine Berichte, in einem Raum voll mit Kolleg:innen aus Sales, Marketing und der Chefetage. Es war keine Gemeinschaft, sondern ein Aufeinandertreffen von Silos mit unterschiedlichen Agenden. Das Ergebnis: ein firmeninterner Wettkampf. Es endete immer in Diskussionen, weil Sales auf den Markt schaute und das Controlling auf die Kosten. Entweder gewann man oder es gab einen madigen Kompromiss, der die Konkurrenz zwischen den Silos weiter anstachelte. Aber ist das zielführend oder sogar motivierend?

Meine erste CrossFit-Session oder ein Ausflug in die Welt der Qualen

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich Sie zum CrossFit mitnehmen. Als ich vom Fitnessstudio zu CrossFit wechselte, merkte ich, wie die Atmosphäre – oder auf Neudeutsch „Community“ – meine Leistung und Resultate positiv beeinflusste. „CrossFit ist nur für Starke und Fitte“, höre ich oft und lange Zeit dachte ich das Gleiche. Aber im Fitnessstudio wird verglichen und sogar vor einem Spiegel trainiert. So wie bei einem Wettrennen oder einem klassischen Turnier gibt es die ersten drei Plätze und viele Verlierer:innen.

Warum aber gerade CrossFit? Ich hatte keinen Bock mehr auf schnödes Pumpen, genauso wenig wie auf Diskussionen über Kostenberichte. Neid und Eitelkeit beherrschen das klassische Fitnessstudio genauso wie die klassischen Meetingräume. Im Gegensatz dazu wird beim CrossFit und beim agilen Arbeiten die Gemeinschaft gepflegt und man unterstützt sich gegenseitig. Ich stapfte also los und meldete mich zum CrossFit an, obwohl ich damals nur einen mickrigen Klimmzug hinbekam. Aber ich suchte neue Anreize.

Vorhang auf zur Demütigung?

Erste Klasse CrossFit: Das Workout of the day (WOD) bestand aus Klimmzügen. 10 pro Runde, insgesamt 50. Echt jetzt?! Der Coach fragte in die Runde, wer das nicht könne. Gefangen im alten Verhaltensmuster dachte ich nicht dran, mir vor allen die Blöße zu geben. Da merkte ich, dass sich gleich mehrere meldeten und es wurde darüber geredet, wie man das WOD „scalen“ konnte. Das heißt so viel wie: statt Klimmzüge zu machen, nimmt man z. B. ein Gummiband zur Hilfe oder hüpft an die Stange (Jumping Pull-ups). Der Coach erinnerte uns: Wenn man einen Standard wählt, muss man diesen durchziehen – und er sah dabei genau mich an. Tausend Dank dafür.

Daraufhin wurde ich auch gleich vom Nebenmann angesprochen: „Erste Klasse?“ – „Ja“, und wir kamen ins Gespräch, plus Tipps. Anstatt unsicher fühlte ich mich auf einmal mittendrin und aufgenommen. Keine Angst mehr. Der Drang, mich zu präsentieren und gewinnen zu wollen, war verflogen. Mitten im WOD merkte ich dann auch, dass es eher ums Überleben ging – für uns alle. Kurzatmig kämpfte ich mich durch diese Aufgabe weit außerhalb meiner Komfortzone und war auch ziemlich einer der letzten, die fertig wurden.

Aber beim CrossFit ist es so: Die Athlet:innen, die fertig sind, hauen nicht etwa ab, sondern feuern die anderen an. Für mich war es etwas unangenehm, im Rampenlicht zu stehen, aber gut. Am Ende waren wir alle total happy und ausgelassen. Keiner war gestorben und in der Gruppe hatten wir alle gewonnen: Wir hatten uns selbst überwunden.

Am Tag danach fiel es mir vor lauter Muskelkater schwer, aus dem Bürostuhl aufzustehen, aber das Endorphin pumpte noch immer in meinen Adern und ich ging nach zwei Tagen Muskelkater wieder los zum CrossFit – und irgendwann ging ich sogar täglich hin. Klimmzüge kann ich jetzt und vieles mehr. Retrospektiv fühlt sich dieser Fortschritt – natürlich – nahezu einfach an. Wozu dann also die vielen Silos in den Unternehmen?

Reißt die Silos ein!

Interne Wettkämpfe beleben nicht das Geschäft. Das merkte ich, als ich das erste Mal mit Menschen aus verschiedenen Abteilungen in einem Team agil arbeitete – mit ein und demselben Ziel, nicht mit Einzelagenden. In den Meetings gab es keine gegeneinander gerichteten Diskussionen. Es ging darum, miteinander einen Beitrag zu leisten, der auf das Ziel der Organisation einzahlte. Neue Ideen wurden geteilt ohne Angst, dass daraus einem selbst ein Nachteil entstehen könnte. Das Potenzial, das ich im CrossFit in mir selbst freigelegt habe, kann in Unternehmen durch crossfunktionale Teams und einen gemeinsamen Fokus geschaffen werden. Es gilt, eine Atmosphäre der Gemeinschaft zu schaffen.

So wie beim CrossFit muss man natürlich darauf achten, dass Standards eingehalten werden. Es muss eine schwere Aufgabe sein, damit man an ihr wachsen kann und durch Standards weiß auch jeder, was es braucht, um zur Gemeinschaft zu gehören. Konkurrenz hat uns ins 21. Jahrhundert gebracht, aber sie hat auch zu vielen negativen Entwicklungen in der Gesellschaft beigetragen. Die Probleme, vor denen wir heute gemeinsam stehen und die unser aller Zukunft bedrohen, wie Klimawandel, Artensterben, und Exklusion, lassen sich nicht durch Konkurrenz lösen. Das schaffen wir nur als Gemeinschaft. Wenn Sie dieses Prinzip in Ihrem Unternehmen leben, sind Sie bereits agil – ganz ohne Framework.

Titelbild: Victor FreitasPexels

Geschrieben von

Steffen Bernd Steffen Bernd Ob es Prozesse, Organisationen oder ihn selbst betrifft – Verbesserungen sind Steffen Bernds Leidenschaft. Vor allem, wenn dabei konstruktives Feedback und Motivation Hand in Hand gehen. In seinem Werkzeugkoffer findet er dafür neben den agilen Methoden auch Coaching- und effektive Kommunikationsansätze. Als erfahrener und zertifizierter Business Coach mit einer Affinität für Sprachen versteht er sich sowohl auf das Analysieren als auch auf das kreative Zusammenarbeiten. Seine Schwerpunkte setzt er in Lean Six Sigma, agile Prozessbegleitung und effektiver Kommunikation. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seinem Sohn, beim Crossfit oder als ehrenamtlicher Lifecoach für Hilfsorganisationen.

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