Timeboxing und Pull-Prinzip
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Wer sich die Entwicklung der Agilität und die Nutzung von agilen Frameworks anschaut, stößt sehr schnell auf das Agile Manifest, die 5 Werte (Offenheit, Fokus, Mut, Respekt und Commitment) und die agilen Prinzipien, 12 an der Zahl. Auch wenn die Werte oft plakativ an den Wänden vermeintlich agiler Teams und Organisationen hängen, heißt das nicht, dass diese auch wirklich gelebt werden. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen „doing agile“ und „being agile“.

Im „doing“ führe ich Methoden ein (z.B. Meeting-Rhythmus) und nutze diese, um effektiver zu arbeiten und bessere Produkte zu entwickeln. „Being agile“ bedeutet, die 5 Werte wirklich zu leben und in meiner Team-, Bereichs-, und Unternehmenskultur nachhaltig zu verankern, indem z.B. Mut belohnt wird. Die agilen Prinzipien helfen, die Werte stärker zu leben bzw. sie in Verhaltensweisen zu übersetzen – also vom „doing“ ins „being“ zu kommen. Doch alle Prinzipien haben ihre Tücken und können uns, bei falscher Interpretation, das Arbeiten erschweren. Nehmen wir zwei der Prinzipien also unter die Lupe. 

Das Pull-Prinzip: Fluch oder Segen?

In der Theorie profitieren Teammitglieder vom Pull-Prinzip, denn sie können sich freiwillig Aufgaben ziehen und Verantwortung übernehmen – und die Arbeit macht mehr Spaß, weil ich mir Tasks ziehe, die mir liegen.  

Wenn ich aber nicht weiß, was ich gerne tue oder worin ich gut bin, ist das Pull-Prinzip eher ein Fluch: Ich ziehe mir zu viele oder zu wenige Aufgaben oder welche, die mir nicht liegen. Ein anderes Beispiel sind ungeliebte Tasks, die keiner zieht. Hier ist es Aufgabe vom ScrumMaster, darauf zu achten, dass nicht immer wieder die gleichen Teammitglieder die unangenehmen Aufgaben ziehen.

Was braucht es, damit das Pull-Prinzip funktioniert? In einem Wort: Selbstreflexion. Mit Selbstreflexion oder mit meinem ScrumMaster/Agile Coach kann ich herausfinden, welche unbewussten Strategien ich beim Ziehen von Tasks anwende. Vielleicht schätze ich meine Ressourcen oder mein Zeitmanagement falsch ein. Vielleicht möchte ich gleich viele Aufgaben ziehen wie meine Kollegen oder ich möchte mir mehr Arbeit schaffen, um eine andere ungeliebte Aufgabe nicht erledigen zu müssen.

Timeboxing kann „auf den Wecker gehen“

Die Timebox ist oft visualisiert durch einen süßen kleinen Wecker oder als großer Wecker auf dem Meetingtisch. Sie erscheint zunächst als ein einfach einzuhaltendes Prinzip: Meetings starten und enden pünktlich. Sprints haben eine feste Länge, in denen in Ruhe gearbeitet wird.

Timeboxing soll produktiver machen, ganz nach dem Parkinsonschen Gesetz: Arbeit füllt die Zeit, die zu ihrer Erledigung zur Verfügung steht. In anderen Worten: Je länger ich mir Zeit für eine Aufgabe lasse, desto länger brauche ich, um sie zu erledigen. Bei kürzeren Zeiträumen bin ich gezwungen, stärker zu fokussieren.

Damit einem Team das Timeboxing aber nicht wortwörtlich „auf den Wecker geht“, achtet der ScrumMaster (oder Workshop-Moderator) darauf, dass das Team den Fokus beibehält, (d.h. einlenken, wenn das Team bei Diskussionen abschweift) und sich grundsätzlich an Zeitvereinbarungen hält. Aber er lässt auch genug Raum und unterbricht das Team nicht, wenn es gerade zielführend diskutiert. Wenn es der Sache dienlich ist, darf ich den vorgegebenen Zeitrahmen auch mal überziehen. 

Agile Prinzipien richtig einführen

Die beispielhafte Reflexion der Prinzipien Timeboxing und Pull-Prinzip kann man natürlich auch auf die restlichen 10 Prinzipien anwenden. So wirkungsvoll jedes Prinzip ist, so herausfordernd kann es auch für den einzelnen und/oder das Team sein. Deshalb ist es für die Teammitglieder wichtig, zu verstehen, welche Idee sich hinter den Prinzipien verbirgt und welche möglichen Herausforderungen sie bewältigen müssen. Der ScrumMaster unterstützt, indem er Prinzipien Stück für Stück einführt und sein Team nicht auf einen Schlag mit allen 12 überfordert. Stattdessen kann er z.B. bei jedem zweiten Sprint ein weiteres Prinzip bewusst adaptieren und in den Scrum Flow miteinfließen lassen, ganz im Sinne eines nachhaltigen Kulturwandels hin zu „being agile“.

Foto: Pexels License, Black ice

Geschrieben von

Paulina Heins Paulina Heins Der Kontakt mit vielen verschiedenen Kulturen führt unweigerlich dazu, dass man die eigenen Denk- und Handlungsweisen zu überdenken lernt. Mit Scrum hat Paulina Heins einen guten Weg gefunden, um diese Reflexionsstärke noch weiter zu professionalisieren und im täglichen Arbeitsleben sinnvoll einzusetzen. Von Natur aus neugierig sucht sie die Veränderung aktiv, weil Stillstand und Routine nur selten neues Potenzial zutage fördern. Paulina Heins hat einen sechsten Sinn dafür, Impediments zu erkennen und diese zu lösen. Dabei schafft sie es, neben den Bedürfnissen der Teammitglieder auch strategische Überlegungen im Blick zu behalten. Am liebsten arbeitet sie mit spielerischen Methoden, um komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen. Und vorzugsweise mit Teams, in denen man gemeinsam denkt, lernt sowie ungewöhnliche Ansätze ausprobiert.

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