Übler Cocktail: Agilität und Werkverträge

Dienstvertrag oder Werkvertrag? Dienstvertrag ist die Antwort, wenn Sie mich nach der agilen Sichtweise fragen. Aber leider sind Dienstverträge im Projektgeschäft regelmäßig ein rotes Tuch. In der Regel versuchen Auftraggeber und vor allem der Einkauf sie zu vermeiden, weil sie oft eine Verpflichtung für einen längeren Zeitraum und für ein signifikantes Vertragsvolumen bedeuten, scheinbar ohne dass man genau weiß, was man dafür erhält. Verständlicherweise sorgt dies für Unbehagen.
Für den Auftraggeber scheint es so gesehen auf den ersten Blick sinnvoller, die Zusammenarbeit in einen steifen Werkvertrag zu pressen, mit Anforderungsbeschreibungen, Abnahmekriterien, konditionale Vergütungsmodelle und Nacherfüllungspflichten. Außerdem ist es bei einem Werkvertrag anschließend wesentlich einfacher, einen Gerichtsprozess zu führen.
Das Tragische ist aber, dass gerade solche Werkverträge und so eine Haltung dazu führen, dass die Softwareentwicklung behindert wird und ein Projekt in der Sackgasse landet. Der Dienstvertrag entspricht dem Wesen der Agilität viel mehr und kann bei richtiger Anwendung ein Projekt nicht nur auf ein solides Fundament setzen, sondern effizienter und dadurch auch kostengünstiger ans Ziel bringen.

Zusammenarbeiten > verhandeln

Nicht umsonst heißt es schon im agilen Manifest, dass die Zusammenarbeit mit dem Kunden wichtiger ist als die Vertragsverhandlung. Denn das Ziel – funktionierende Software – erreichen wir eben nicht durch strenge Abgrenzung einzelner Phasen und klarer Leistungen, sondern durch eine flexible Zusammenarbeit mit einer gemeinsamen Vision: dem größtmöglichen Kundennutzen.

Stellen wir das Dreieck auf den Kopf


Im klassischen Vorgehen wird das Ziel (Scope) fixiert. Das nennt man dann Lasten- und Pflichtenheft. Das Budget und die Zeit sind aber letztlich variabel. Sehen Sie nicht so? Einige werden an dieser Stelle einwerfen, dass das Budget natürlich vorher genau festgelegt und die Zeitleiste ganz genau vorgegeben ist. Reflektieren Sie an dieser Stelle gerne, wie viel Prozent der klassischen phasenorientierten Projekte, die Sie bisher erlebt haben, exakt nach Meilensteinplan verlaufen sind, keine Änderungen erfordert haben und innerhalb des Zeitplans und des Budgets erfolgreich abgeschlossen wurden.
In der Agilität ist das anders. Hier werden die Zeit und das Budget fixiert und der Scope ist variabel. Man verständigt sich also auf eine Zeitdauer und eine Summe. Dann schaut man – ohne Lastenheft, nur mit dem Kundennutzen als oberstem Orientierungspunkt – was bei Usern und am Markt Anklang findet. Damit dies nicht in Anarchie mündet, enthält der agile Werkzeugkoffer Methoden, um auf strategischer Ebene zu planen und so Flexibilität und Planungssicherheit in Einklang zu bringen. Genau das ist das Vorgehen von Unternehmen, die aktuell global alles in Grund und Boden performen, wie Amazon, Apple und Tesla, und die auf die restlichen Unternehmen einen enormen Marktdruck ausüben. Das geht vor allem mit einem Dienstvertrag. Eigentlich logisch: Ohne fixierten Scope bzw. ohne Gewerk kann es keinen Werkvertrag geben – für Rechtsabteilungen eine Horrorvorstellung, der wir mit Transparenz in der strategischen Planung begegnen können.

Fazit: Werkvertrag oder Dienstvertrag?

Überspitzt formuliert kann man sagen: Wer sich auf einen Gerichtsprozess vorbereiten möchte, ist mit einem Werkvertrag gut bedient, wer funktionierende Software möchte, wählt den Dienstvertrag.
Was denken Sie über Vertragsmodelle in der Agilität? Ich freue mich über Ihr Feedback hier oder auf Social Media.
Bild: Pexels License, Thirdman
Grafik: borisgloger

Geschrieben von

Matthias Rodewald Matthias Rodewald In seiner Freizeit beschäftigt sich Matthias Rodewald leidenschaftlich gerne mit Permakultur. Dazu muss man ein Gespür für die Zusammenhänge und Vorgänge in einem System haben und für die Momente, in denen man eingreifen oder das System „selber machen lassen“ muss. Als Betriebswirt denkt Matthias Rodewald natürlich ökonomisch, wägt Risiken und Chancen von Maßnahmen ab, denkt in Mehrwerten – und achtet trotzdem darauf, dass der einzelne Mensch gestärkt aus der Zusammenarbeit hervorgeht. Wandel ist für Matthias Rodewald ein Ausdruck von Lebendigkeit, der in menschlichen Systemen ein kräftiges „Warum“ braucht. Diese Frage traut sich Matthias Rodewald zu stellen, um den Mut und die Kraft zur Veränderung in die richtigen Bahnen zu lenken.

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