So führt ihr Scrum4Schools in der Schule ein #2 – den Rahmen schaffen

Sicher habt ihr schon einmal von der sogenannten „Türschwellenpädagogik“ gehört: Die Lehrperson bereitet sich just in dem Moment auf die Unterrichtsstunde vor, in dem sie über die Schwelle ins Klassenzimmer tritt. Bei Scrum4Schools funktioniert dieses Schema nicht. Ich kann euch aber versprechen: Der anfängliche Aufwand wird in der Regel belohnt. Sobald die Lernteams selbst Schritt für Schritt an ihren Lernprodukten arbeiten, konzentriert ihr euch als Lehrkraft ganz darauf, sie individuell dabei zu unterstützen. Ihr gebt also zunächst einen Rahmen vor, innerhalb dessen die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben eigenständig bearbeiten. Die wichtigsten Elemente sind dabei der Erkundungsauftrag, die Lernschritte und die Akzeptanzkriterien.

Mit dem Erkundungsauftrag ein klares Ziel vorgeben

Eines der wichtigsten Prinzipien bei Agilität und damit auch Scrum4Schools ist Transparenz. Deshalb sollte der Lerncoach – das ist der Begriff für die Lehrkraft im Rahmen von Scrum4Schools – vor dem eigentlichen Start einen Erkundungsauftrag formulieren. Dieser gibt den Lernteams während der Unterrichtssequenz Orientierung und zeigt die Ziele auf. Neben einer kurzen Beschreibung des Lernprodukts und der Lernziele legt der Lerncoach hierbei fest, welche der Inhalte für die Lernenden fest vorgegeben sind und wo er bzw. sie Spielraum lässt. Der große Vorteil an der Arbeit mit Scrum: Beides ist möglich – sowohl ein sehr strukturiertes Vorgehen als auch ein überwiegend freies Vorgehen. Eine Klasse, die zum ersten Mal mit Scrum4Schools oder generell freieren Lernformaten in Berührung kommt, braucht demnach erfahrungsgemäß mehr Vorgaben als eine Schulklasse, die schon Erfahrung mit Selbstorganisation hat.

Lernschritte konkretisieren das Lernprodukt

Über die Lernschritte steuert die Lehrperson aktiv den Freiheitsgrad bei der Erarbeitung des Lernziels. Jeder Lernschritt wird mit einem kurzen Satz auf ein Post-it geschrieben und repräsentiert einen Teil des Lernziels. Damit beinhaltet er eine eindeutige Aufgabe, die aus dem Thema abgeleitet wird. Die Lernschritte werden entweder durch die Lehrperson vorgegeben oder sie entstehen durch eine Verhandlung zwischen dem Lerncoach und den Lernteams. So geben viele vordefinierte Lernschritte Struktur in den Aufgaben, die zu erledigen sind.

Weniger vordefinierte Lernschritte nehmen die Kinder und Jugendlichen in die Verantwortung, sich eigene Schritte im Lernteam zu überlegen und mit ihrem Lerncoach zu besprechen. Auch hier gibt es keine konkrete Vorgabe: Strukturiert die Lernschritte so, wie ihr es für eure Schülerinnen und Schüler als genau richtig erachtet. Im nächsten Schritt werden die Lernschritte in der Lernliste (Backlog) gesammelt und vom Lernteam der Reihenfolge nach priorisiert, in der sie später abgearbeitet werden.

Generell gilt: Ein Lernschritt enthält an sich keinerlei Information über das WIE, also die Vorgehensweise, um das gewünschte Teilziel zu erreichen. Diese Überlegungen dürfen die Lernteams anstellen und selbst erarbeiten. Wenn es zu einem Lernschritt Vorgaben geben soll, kann ein Lerncoach diese über die sogenannten Akzeptanzkriterien vorab festlegen.

Akzeptanzkriterien helfen bei der Umsetzung

Akzeptanzkriterien sind eine Art Checkliste für jeden Lernschritt. Sobald das Lernteam alle Punkte auf dieser Checkliste abhaken kann, ist der Lernschritt erledigt. Wie bereits erwähnt, kann ein Lerncoach bereits bei der Planung der Unterrichtsequenz über die Akzeptanzkriterien der einzelnen Lernschritte festlegen, ob er gewisse Anforderungen daran hat – beispielsweise, wie viele Quellen bei einer Internetrecherche mindestens untersucht werden müssen und wie diese zu dokumentieren sind.

Die weiteren Akzeptanzkriterien für einen Lernschritt werden von den einzelnen Lernteams in der Planung diskutiert und festgelegt.



Beispielhafte Lernschritte mit Akzeptanzkriterien

Um einen praktischen Einblick in Lernschritte und Akzeptanzkriterien zu erhalten, zeige ich nachstehend zwei exemplarische Beispiele aus einem Scrum4Schools-Projekt im evangelischen Religionsunterricht einer neunten Klasse. Das Lernziel ergab sich als Ableitung aus dem Lehrplan und lautete: „Sich mit unterschiedlichen Deutungen von Arbeit und Leistung als Grundgegebenheiten des menschlichen Daseins auseinandersetzen“. In dem Zusammenhang sollten sich die Schülerinnen und Schüler mit Luthers Berufsethik im Vergleich zu Marx’ Modell der Entfremdung und Selbstverwirklichung auseinandersetzen. Nachstehend sind nur die vorgegebenen Akzeptanzkriterien durch die Lehrkraft dargestellt.

Lernschritt 1: Recherche über Luthers Berufsethik

Akzeptanzkriterien

– mind. 3 verschiedene Quellen durchsuchen
– Ergebnisse stichworthaft notieren
– Die Inhalte einem anderen Gruppenmitglied erzählen, sodass dieses sie versteht

Lernschritt 2: Visuelle Darstellung von Luthers Berufsethik

Akzeptanzkriterium:

– mind. 6 Fotos von Playmobil- oder Legofiguren dokumentieren




Ein Zeitplan visualisiert das Projekt

Neben der inhaltlichen Planung benötigt eine Unterrichtseinheit mit Scrum eine transparente Zeitplanung. Die unterschiedlichen Treffen und ihre Funktionen, auf die ich im nächsten Blogbeitrag ausführlich eingehe, können zu Beginn leicht verwirren. Der Zeitplan schafft hier einen Überblick und hilft den Schülerinnen und Schülern dabei, ihre Zeit während des Projektes bis zum fertigen Lernprodukt einzuschätzen.

Wir visualisieren die Zeitplanung in der Regel auf einem Flipchart, das wir zu jedem Termin im Klassenraum aufhängen (siehe Abbildung). Der Zeitplan enthält alle Termine, an denen die Lernteams mit Scrum arbeiten, und die Art des Treffens für den jeweiligen Tag. Zusätzlich heben wir Termine farblich hervor, an denen beispielsweise spezielle Veranstaltungen, wie eine Aktion oder der Abschluss stattfinden. Häufig notieren wir unterhalb des Zeitstrahls noch spezielle Hinweise zu einzelnen Stunden.

Zeitplan für eine längere Scrum4Schools-Unterrichtssequenz im Rahmen des Projektunterrichts

Sprintlänge festlegen

Neben der Transparenz ist die zeitliche Taktung (auf Englisch nennen wir sie Timeboxing) eines der wichtigsten Prinzipien in Scrum. Ergebnisse werden in kurzen Iterationen beziehungsweise Schleifen geliefert. So erhalten die Bearbeitenden schnell Feedback, ob der eingeschlagene Weg richtig ist oder nicht. Insbesondere beim Start mit Scrum gilt: Je kürzer die Schleifen sind, desto besser, da die Lernteams so das Vorgehen schneller verinnerlichen können. Häufig empfehlen wir Lehrkräften, die ersten Sprints auf eine Doppelstunde zu terminieren.

Wie geht es weiter?

Im ersten Teil der Blogreihe „So führt ihr Scrum4Schools in der Schule ein“ ging es um die Grundlagen und die Rolle der Lehrperson. Im nächsten Teil erfahrt ihr alles über die Treffen in Scrum4Schools. Zudem beschreibe ich, wie eine Scrum4Schools-Einführungsstunde abläuft und ihr so den Grundstein für zufriedene und motivierte Schülerinnen und Schüler im Projekt legt.

Unter www.borisgloger.com/scrum4schools findet ihr aktuelle Trainings für Lehrkräfte sowie die Scrum4Schools-Checkliste und könnt euch für den Newsletter anmelden.

Die Reihe: So führt ihr Scrum4Schools in der Schule ein

#1 – Grundlagen

#2 – den Rahmen schaffen

#3 – Treffen

#4 – die Lerntafel

#5 – der Sprint

Titelbild: Unsplash License, Element5 Digital

Geschrieben von

Carsten-Hendrik Rasche Seine ersten Erfahrungen mit userzentrierter Produktentwicklung, mit Scrum und Agile hat Carsten Rasche direkt im Silicon Valley gesammelt. Den Arbeitspsychologen fasziniert natürlich, wie sich die konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden auf die interne Organisation eines Unternehmens auswirkt. Im Zuge von Transformationsprojekten liegt seine Expertise im Bereich Organizational Learning & Coaching von Führungsteams. Neben Kundenprojekten hat Carsten die Initiative Scrum4Schools aufgebaut, welche die Anwendung von Scrum in Bildungseinrichtungen unterstützt. Als ausgebildeter Mediator bringt Carsten Rasche die Fähigkeit ein, in angespannten und komplexen Situationen die Ruhe zu bewahren, nüchtern zu analysieren und dadurch größere Klarheit zu schaffen. Wichtig ist ihm dabei, offen und wertschätzend auf Menschen zuzugehen und eine tragfähige Vertrauensbasis zu schaffen.

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